/ Bibel heute
Paulus Thesen im gesellschaftlichen Minenfeld
Der Bibeltext Epheser 5,21-33 – ausgelegt von Thomas Klappstein.
Ordnet euch einander unter in der Furcht Christi. Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Gemeinde ist – er hat sie als seinen Leib gerettet.[...]
Was hat Paulus mit Ehe und Gemeinde gemeint?
Ein heikles Thema im 21. Jahrhundert
Um es mit Römer 9, Vers 14a, einem Zitat des Apostels Paulus aus einem anderen Brief zu sagen: „Was wollen wir hierzu sagen?“
Bei dem gesellschaftlichen Klima in unseren westlichen Breitengraden habe ich den Eindruck, ich begebe mich auf ein Minenfeld, wenn ich mich zu dem heutigen Bibelabschnitt aus dem Epheserbrief äußere. Und jeder Satz meiner Ausführungen kann ein ideologisch besetztes Themenfeld zum Explodieren bringen. Ich weiß nur nicht, welcher.
Kann ich das am Beginn des 21. Jahrhunderts tatsächlich noch für voll nehmen, was ein gewisser Theologe und Apostel Paulus da in der Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. formuliert hat? Ist jemand, der nicht verheiratet war, berechtigt, so eine steile These für die Beziehung zwischen Mann und Frau aufzustellen? Darf der das?
Und kann ich das in Zeiten der Emanzipation, von geschlechtlicher Gleichberechtigung, Frauen in Führungspositionen, Frauen in Staatsämtern usw. wirklich so stehen lassen?
Fragen über Fragen, die sich mir da auftun.
Ein Blick zurück in die Schöpfungsgeschichte
Und wenn ich mich umschaue, wie unterschiedlich andere Menschen diesen Text deuten, bestätigt das meine Annahme. Aber ich mag diesen Gedanken:
Vielleicht muss ich in der Heiligen Schrift mal ganz weit zurückgehen, ziemlich an den Beginn des Alten Testaments, um die Aussage von Paulus nachvollziehen zu können, der ja ein hochgebildeter Theologe war und sich daher intensiv in seinen Studien mit den Inhalten der damaligen „Bibel“ bzw. „Heiligen Schrift“, also dem Alten Testament, auseinandergesetzt hat.
Das sind die Texte und dadurch verursachten Bilder, die Paulus im Kopf hatte. Und die flossen dann auch in seine schriftlichen Ausführungen an unterschiedliche Gemeinden zum sich gerade in direkter Linie zum Alten Testament entwickelnden Christentum ein. Die wiederum im Neuen Testament mündeten. Auch in seine Meinung und Haltung zu Mann und Frau und sich daraus resultierenden Partnerschaften. Auf den ersten Seiten des Alten Testaments, im 2. Kapitel des 1. Mosebuches, wird in interessanten Bildern berichtet, wie Gott den Menschen geschaffen hat. Der zuerst auch nur als Mensch bezeichnet wird. Aber die Beschreibung lässt darauf schließen, dass es sich wohl um ein Wesen handelt, das ich heute als männlich bezeichnen würde. Und wie ihm dann eine Gehilfin zur Seite gestellt wird, die aus der Rippe des ersten Menschen oder damaligen Mannes geformt wird. Hört sich phantastisch an, ich weiß. Aber so steht es am Anfang der Bibel geschrieben. (1. Mose 2,21–22)
Vielleicht kann ich mir das so vorstellen:
„Da liegt er mitten am Tag auf dem weichen Waldboden und schläft tief und fest. Die Geräusche der herumlaufenden Tiere, das Zwitschern der Vögel, das Rauschen der Blätter – nichts weckt ihn auf. Er wacht noch nicht einmal auf, als ihm jemand die Seite öffnet, eine Rippe entfernt und die Stelle wieder sauber verschließt. Als er schließlich doch erwacht und seine Augen öffnet, kann er kaum glauben, was er sieht: Ein Mensch! Bisher hat er nur Pflanzen und Tiere gesehen. Nun der erste Mensch, den er im Leben sieht. Und doch ist dieser Mensch ganz anders als er.
Adam, so wurde dieser erste Mensch genannt, spricht die ersten Worte eines Menschen in der Bibel: „Das ist endlich Gebein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleisch! Die soll ‚Männin‘ heißen; denn vom Mann ist sie genommen!“ (1. Mose 2,23). Und der Erzähler kommentiert: „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhängen, und sie werden ein Fleisch sein“ (1. Mose 2,24).
Damit ein Mann ehefähig wird, muss er seine Eltern verlassen und seiner Frau anhangen. Es wird eine enge, verbindliche Beziehung eingegangen.
Ein Fleisch sein heißt dann auch: Mann und Frau werden zu einer neuen Einheit verwoben. Es geschieht etwas Tiefgreifendes und Geheimnisvolles.
Das Geheimnis der Ehe – Bild für Christus und Gemeinde
Ich denke, das hat Paulus mit im Sinn, als er die Zeilen des Epheserbriefes schrieb. Denn Paulus zitiert diesen Vers aus 1. Mose Kapitel 2, Vers 24 in seinem Brief an die Epheser und erklärt: „Dieses Geheimnis ist groß; ich aber deute es auf Christus und auf die Gemeinde“ (Epheser 5,32). Die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau ist also ein Geheimnis. Dabei geht es nicht nur um das Geheimnis einer gelingenden, erfüllten oder dauerhaft glücklichen Ehe. Es geht um das viel größere Geheimnis des Ursprungs der Ehe, des Wesens der Ehe, des Ziels der Ehe und der Absicht Gottes mit der Ehe.
Aber er beginnt den Abschnitt mit dieser steilen These, die so ein Minenfeld, von dem ich anfangs sprach, zum Explodieren bringen kann: „Die Frau soll sich ihrem Mann unterordnen.“ Diese Aussage von Paulus hat schon viele Frauen zur Weißglut getrieben. Und viele Männer haben sich gerne darauf berufen und oft genug auch ausgeruht. Und sie missbraucht.
Doch Paulus stellt dieser ersten steilen Aussage gegenüber, dass der Mann seine Frau lieben soll, wie Christus die Gemeinde geliebt hat und sich für sie hingegeben hat. Es ist hier wie eine Waage, die im Gleichgewicht sein soll. Unterordnung ohne Liebe ist hart. Liebe ohne Unterordnung ist auch schwer.
Der Mann hat die Rolle des Hauptes. Das entspricht schon erst einmal den biblischen und auch neutestamentlichen Aussagen. Er soll Verantwortung übernehmen. Dies muss er in großer Liebe tun. Er wird auch alles mit seiner Frau besprechen wollen. Dann wird es seiner Frau nicht schwer fallen, sich ihm unterzuordnen, denn er entscheidet nicht zu seinen Gunsten! Aber das geht auch umgekehrt. Jedenfalls erlebe ich das so.
Paulus stellt ebenfalls eine klare Verbindung zur Gemeinde und zu Christus her. Die Ehe ist ein Bild für die Beziehung zwischen Jesus und uns. Wir sind aufgefordert, uns Christus, der uns geliebt und sich hingegeben hat, unterzuordnen.
Impulse für mein Glaubensleben
Geistliches oder ungeistliches Leben zeigt sich besonders auch im Ehe- und Familienleben. Das Wort „Haupt“ will daran erinnern: Die Gemeinde kann nicht ohne ihren Herrn leben. Und so soll – oder darf?!? – auch die Frau ihren Mann ansehen: Ohne ihn kann auch sie nicht leben – letztlich ja auch nicht der Mann ohne Frau. Das hat also nichts mit Herrschsucht und „Ansprüchen des Mannes“ oder mit „Unterwürfigkeit der Frau“ zu tun. Das „Liebhaben“ wird veranschaulicht durch die Liebe Jesu zur Gemeinde. Er hat sie ins Leben gerufen, er reinigt sie, er hat große Ziele mit ihr. Die Ehe wird so zu einem Ort der Gotteserfahrung und der geistlichen Bildung.
So soll der Mann seine Frau lieben. Und das hat nichts mit falscher Nachgiebigkeit oder Weichheit von Mann und Frau zu tun. Echte eheliche Liebe schließt das leibliche Leben völlig ein. Darum u. a. auch der Hinweis auf die Schöpfungsgeschichte. Aber Liebe ist mehr und bleibt zuletzt ein Geheimnis wie die Gemeinde.
Die Ausführungen werden nicht für jede Zuhörerin und jeden Zuhörer befriedigend sein. Sie erheben auch nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Wissen ist eh immer nur Stückwerk. Aber einen Anstoß zum Selber-Weiterdenken kann ich geben. Vielleicht gelingt das anhand folgender Fragen:
1. Nehme ich meinen Platz in der Ehe ein?
2. Welche Aussagen machen mir Mühe?
3. Muss ich meine Haltung in einem oder mehreren Punkten überdenken?
4. Wenn ich unverheiratet bin, was ist für mich wichtig?
5. Welche Bedeutung hat der Ephesertext für mein Glaubensleben?
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Kommentare (1)
Danke für diesen guten Kommentar!