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Not lehrt beten

Der Bibeltext Hosea 13,1-14,1 – ausgelegt von Mignon Junghänel.

Wenn Ephraim redete, zitterte man; erhaben war er in Israel. Danach versündigte er sich durch Baal und starb. Dennoch sündigen sie weiter: Aus ihrem Silber gießen sie Bilder, wie sie sich’s erdenken, Götzen, die allesamt doch nur Schmiedewerk sind. Ihnen, sagen sie, seien Menschen geopfert, Kälber küssen sie. Darum werden sie sein wie eine Wolke am Morgen und wie der Tau, der frühmorgens vergeht; ja, wie Spreu, die von der Tenne verweht wird, und wie Rauch aus der Luke.[...]

Hosea 13,1–14,1

Not lehrt beten – ein Sprichwort und seine Grenzen

„Not lehrt beten“, so heißt es in einem Sprichwort. Und es scheint tatsächlich etwas Wahres daran zu sein. Forscher untersuchten in 95 Ländern Google-Suchanfragen während der COVID-19-Pandemie. Sie fanden heraus, dass die Suchanfragen für das Wort „Gebet“ (bzw. englisch Prayer) während des ersten Lockdowns 2020 auf den höchsten Stand stiegen, der je gemessen wurde! Dabei war der Anstieg religiöser Suchbegriffe umso höher, je stärker ein Land von Infektionen und Todesfällen betroffen war. Je höher die Todeszahlen stiegen, desto häufiger suchten Menschen nach Gebeten.

Das Sprichwort geht aber noch weiter: „Not lehrt beten, aber Reichtum lehrt vergessen.“ So ließ sich dann auch bezogen auf die COVID-19-Pandemie beobachten, dass die Intensität religiöser Praktiken (wie Google-Suchen nach Gebeten) nach dem ersten Schock wieder sank.

Ich kann mich nicht erinnern, während der Pandemiejahre vermehrt oder überhaupt nach Gebeten gegoogelt zu haben. Dass ich mehr bete, wenn es mir gerade nicht so gut geht und Gott im Alltag schon mal vergesse, wenn es gerade richtig gut läuft, kann ich leider bestätigen. So traurig wie das ist. Und genau so eine Situation beschreibt auch das Buch Hosea, aus dem die heutigen Verse stammen.
 

Hosea und das Nordreich Israel – Kontext und Geschichte

Hosea war ein Prophet, der im 8. Jh. vor Chr. lebte. Seine Dienstzeit lag ungefähr zwischen 750–720 v. Chr., also kurz vor dem Untergang des Nordreichs Israel. Der heutige Abschnitt gehört dabei in die letzte Phase: kurz vor dem Fall Samarias, der Hauptstadt des Nordreichs. Ich spüre im Text die Dringlichkeit: Gericht steht unmittelbar bevor, aber Gott ruft – in diesem Fall durch Hosea – immer noch zur Umkehr. Im Grunde genommen handelt davon das ganze Buch Hosea: von Gottes leidenschaftlicher, treuer Liebe zu einem untreuen Volk. Es handelt von Gericht und es handelt von Gnade.

Um den heutigen Abschnitt zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die Geschichte: Ephraim war einer der Söhne Josefs (1. Mose 41,52) und wurde zum Stamm Ephraim. Nach der Flucht aus Ägypten und dem Einzug in das gelobte Land bekam dieser Stamm ein sehr wichtiges Gebiet im Zentrum des Landes. Rund 475 Jahre später kam es zur Trennung in Nord- und Südreich. Diese Reichsteilung wird zu einem Schlüsselmoment im Alten Testament.

Nach Salomo zerbricht das Reich. Im Norden entsteht ein eigenes Königreich – und um die Menschen von Jerusalem fernzuhalten, errichtet der neue König eigene Heiligtümer. Von da an beginnt ein schleichendes Vergessen Gottes.
 

Geistlicher Abstieg: Sattwerden und Vergessen

„Wenn Ephraim redete, zitterte man; erhaben war er in Israel. Danach versündigte er sich durch Baal und starb. Dennoch sündigen sie weiter …“ damit ist gemeint, dass das Nordreich, das einmal stark und angesehen war, durch Götzendienst geistlich „gestorben“ ist. Hosea spricht das Volk sehr persönlich an, indem er es „Ephraim“ nennt – wie einen Menschen, der seine erste Liebe zu Gott verlassen hat. Hosea zeigt auf, wie geistlicher Abstieg oft mit geistlichem Vergessen beginnt (Hosea 13,6): „Je mehr sie weideten, desto mehr wurden sie satt; als sie satt waren, wurde ihr Herz überheblich, darum vergaßen sie mich.“ Oder wie in dem Sprichwort vom Anfang: „Not lehrt beten, aber Reichtum lehrt vergessen.“ Die wenigsten von uns werden heute goldene Kälber küssen oder Götzenstatuen anbeten. Wir verlassen uns häufig auf uns selbst – auf unsere Leistung, auf unseren Erfolg.

Am Ende von Hosea 13 steht dieser erschütternde Satz: „Tod, wo ist deine Seuche? Totenreich, wo ist deine Pest? Mein Mitleid bleibt verborgen.“ Hier spricht ein Gott, der sein Volk gewarnt hat. Immer wieder. Ein Gott, der gerufen hat. Ein Gott, der Umkehr sehen wollte. Aber wer Gott dauerhaft vergisst, wer sich satt macht an sich selbst, der läuft ins Leere. Das Gericht kommt – nicht, weil Gott lieblos wäre, sondern weil ein Leben ohne ihn am Ende zerbricht.
 

Christus – das letzte Wort über den Tod

Und doch – dieser Satz vom Tod taucht noch einmal auf. Jahrhunderte später. Der Apostel Paulus greift ihn auf – und dreht ihn um: „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ Was bei Hosea wie ein unaufhaltsames Urteil klingt, wird bei Paulus zum Triumphruf. Nicht, weil der Mensch plötzlich besser geworden wäre. Nicht, weil wir gelernt hätten, Gott nicht mehr zu vergessen. Sondern weil Christus in diesen Tod hineingegangen ist. Weil er das Gericht getragen hat. Weil er das Vergessen, die Selbstgenügsamkeit, den geistlichen Tod nicht einfach beantwortet hat – sondern überwunden.

Vielleicht stimmt es: Not lehrt beten. – Aber vielleicht muss es nicht erst die Not sein. Vielleicht lernen wir, schon in guten Zeiten dankbar zu bleiben. Uns erinnern zu lassen. Nicht satt zu werden an uns selbst. Denn das eigentliche Gegenmittel zum Vergessen ist nicht Angst. Sondern Beziehung.

Ein Gott, der leidenschaftlich liebt – so beschreibt ihn Hosea.
Ein Gott, der sein Volk nicht lösslässt. 
Ein Gott, der selbst den Tod nicht das letzte Wort behalten lässt. 
Und vielleicht beginnt Umkehr manchmal ganz leise. Nicht mit einem großen Zusammenbruch. Sondern mit einem einfachen Gebet.

Heute.

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