/ Wort zum Tag
Heilsbringerstatus
Die Bibelstelle Lukas 19,37 – ausgelegt von Christof Lenzen.
Als Jesus schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten.
Wir leben in einer polarisierten Welt. Politikerinnen oder Politiker oder andere Promis werden gehyped, hochgehoben oder gar als Heilsbringer verehrt – und dann wieder fallen gelassen. Manchmal innerhalb von kurzer Zeit. Manchmal sicher auch berechtigt, wenn sie ihr wahres Gesicht gezeigt haben und sich der Heilsbringerstatus relativiert hat. Aber oft wundere ich mich, wie wankelmütig und unstetig des Volkes Urteil sein kann.
Ist das neu? Absolut nicht. Jesus kennt das. Ich nehme Sie mit in folgende Szene, die uns im Lukasevangelium, Kapitel 19, 37 beschrieben wird:
„So kam Jesus zu der Stelle, wo der Weg vom Ölberg nach Jerusalem hinabführt. Da brach die ganze Schar der Jüngerinnen und Jünger in lauten Jubel aus. Sie lobten Gott für all die Wunder, die sie miterlebt hatten.“
Klingt erst einmal gut. Ist aber – ich sage es mal so zugespitzt – ein auf mehrfacher Ebene vergiftetes Lob. Denn ich rede hier von den letzten Tagen von Jesus. Kurze Zeit später werden sie ihn allein lassen oder gar „Kreuzige ihn!“ rufen. Und genau in diesem schmerzhaften Spannungsfeld befinde ich mich mit dem heutigen Bibeltext, der so viel zu sagen hat in unsere Zeit hinein. Denn eine Pointe ist ja: Die Menschen loben die Taten von Jesus – nicht ihn um seiner selbst willen. Das ist der Unterschied zwischen Wunder-Glauben und Beziehungs-Glauben.
Die Menge jubelt, weil sie in bestimmten Erwartungsbildern gefangen ist. Sie hoffen auf einen Messias Jesus, der sie befreit und mit Macht und Gewalt politisch für einen Umschwung sorgt in Israel. Für beides ist Jesus nicht zu haben – übrigens bis heute nicht. Dabei wären die Zeichen klar gewesen. Jesus reitet auf einem Eselsfohlen als Zeichen des Friedens und der Machtlosigkeit. Oder aber – wie es im Lukasevangelium heißt – sie jubeln und loben Gott wegen der Taten der Macht, also der Wunder, die sie bei Jesus erlebt haben und die sicher ihre Erwartungen befeuert haben. Nur vier Verse später wird Jesus deswegen über Jerusalem weinen, weil sie den Frieden nicht erkennen, den er bringen will. Und stattdessen nur die Wunder sehen.
Beides trifft uns auch heute. Auch heute kann Gott für falsche Zwecke eingespannt werden, ja sogar das Evangelium so verdreht werden, dass einer diese Botschaft der Gnade und Vergebung ins Gegenteil verkehrt. Und statt göttlichem Schalom, Gnade und Vergebung Waffen und Gewalt bringt. Doch egal wie oft in diesem Zusammenhang Gott im Munde geführt wird – dieser Weg ist eine Sackgasse.
Und ich persönlich fühle mich beim Jubel über die Wunder angesprochen: Wie sehr vertraue ich Gott und möchte mit ihm „Gemeinschaft haben, damit…“ …es mir besser geht, ich gesund bin, ich Erfolg habe, nicht so allein bin… das ist ein Glauben damit. Gesunder Glaube ist aber ein Vertrauen in die Beziehung zu Gott um seiner selbst willen. Ohne Zweck. Ohne damit.
Als Jesus am Kreuz hängt, ist der Jubel verstummt. Glaube zeigt sich nicht im Lob bei Erfolg, sondern im Vertrauen in der Leere. Und vielleicht ist das größte Wunder nicht, dass Jesus Wunder tut – sondern dass er mich will, auch wenn ich bockig bin, in Sackgassen laufe, Wunder sehen will, ihn für meine Zwecke einspanne. Ja, dieser Jesus bleibt dran an mir. Nichts kann mich von ihm trennen. Wenn ich aber einen reifen, tragenden Glauben entwickeln will, dann spricht diese Geschichte heute in mein Herz. Denn Jesus sucht nicht Menschen, die bei Wundern jubeln – sondern Jüngerinnen und Jünger, die ihn lieben, wenn nichts passiert. Das ist der Unterschied zwischen einem Glauben, der funktioniert – und einem, der lebt.
© Ruth Schneider / ERF
Ihr Kommentar
Kommentare (4)
Danke
Sehr passend für meine derzeitige Situation.
Ich habe den Frieden verloren, über allen scheinbar unbeantworteten Gebeten.
Ich muss wieder auf die Beziehungsebene gelangen.
Ich kann mich dem Kommentar von Dorothea W. nur anschließen.
Vielen Dank für die Auslegung. Ich wünsche viel Kraft und Segen für weitere gute Worte.
Christian K.
Wir als Ehepaar hören sehr gern die Andachten des ERF. Leider müssen wir feststellen, dass die neue Sprachweise immer mehr Einzug hält. (Politiker und Politikerinnen... Jünger und Jüngerinnen... … mehrChristen und Christinnen...)
Es macht uns traurig, dass die Genderideologie auch in kirchlichen Kreisen so mitgema cht wird. Wenn das im ganzen Text bei allen möglichen Worten so durchgezogen würde, merkte man den Schwachsinn.
Ich bin Christ - auch als Frau - von Gott so geschaffen. Da muss mir keiner sagen, dass ich doch eigentlich eine Christin bin.