/ Wort zum Tag
Ein Wunder
Die Bibelstelle Matthäus 15,31 – ausgelegt von Christof Lenzen.
Das Volk verwunderte sich, als sie sahen, dass die Stummen redeten, die Verkrüppelten gesund waren, die Lahmen gingen und die Blinden sahen: und sie priesen den Gott Israels.
Jesus will seine Ruhe haben. Nicht entdeckt werden. Doch dann kommt sie zu ihm, hat von ihm gehört, lässt sich von niemandem aufhalten. Eine Nicht-Jüdin und verzweifelte Mutter. Und ich erlebe, wie sie Jesus anfleht: Befreie mein Kind! Jesus aber reagiert fast unangenehm abweisend: Ich bin zuerst zu den Kindern Israels gesandt - es ist nicht richtig, einer Heidin etwas von dem abzugeben, was ihr nicht zusteht!
Dieser Text verstört mich jedes Mal neu, auch wenn ich Jesus Reaktion mittlerweile nachempfinden kann. Ausgerechnet bei einer Nichtjüdin trifft er einen erstaunlichen Glauben, der ihn letztlich dazu bewegt, ihre Tochter zu befreien. Da ist ein Glaube, der nicht als Reaktion auf die Befreiung der Tochter entsteht, sondern der dieser vorausgeht. Er spürt die Sehnsucht bei den so genannten Heiden – und er spürt die Versuchung in seinem Herzen, dem nachzugeben und seinen Auftrag für das Volk Israel abzuwandeln. Deswegen blockt er ab. Sein Ringen ist spürbar. Doch er befreit das Mädchen und geht zurück nach Galiläa. Immer noch voller Staunen über den Glauben der Nicht-Jüdin.
Und prompt strömen sie auch dort zu ihm. Die Angehörigen bringen ihre Kranken, ihre Belasteten. Und Jesus schenkt Heilung und Befreiung. Matthäus 15,31 schildert die Reaktion der Menschen: „Die Menschen staunten, was sie da sahen: Die Stummen redeten, die Verkrüppelten wurden gesund, die Gelähmten konnten gehen und die Blinden sehen. Deshalb lobten sie den Gott Israels.“
Was für hoffnungsvolle, fröhliche Zeilen. Und dennoch – in der Kombination mit der vorher stehenden Geschichte um die Nichtjüdin bleibt eine enorme Spannung stehen. Denn anders als dort erfolgt hier das Lob Gottes auf die vollbrachte Heilung oder Befreiung. Jesus handelt – und die Menschen loben Gott. Die Nichtjüdin vertraut Jesus und steigt sogar in eine Diskussion mit ihm ein – als Frau und Nichtjüdin mit einem Rabbi! Und deswegen befreit Jesus. Die Kanaanäerin glaubt vor dem Wunder – die Menge lobt Gott nach den Wundern. Beides ist legitim. Aber nur das Erste ist Glaube im Sinne Jesu: Ein Vertrauen, das nicht auf Beweis besteht.
Ich lehne mich zurück und lasse beide Geschichten in ihrer Wucht nebeneinanderstehen. Bedeutet das, dass ich nur genug glauben muss, um ein Wunder zu erleben? Sicher nicht – dann würde ich Gott wieder magisch verstehen. Ich hätte eine Leistung zu erbringen, damit er handelt. Auf der anderen Seite leidet Jesus darunter, dass die Leute erst Glauben entwickeln, wenn sie Wunder sehen. Und auch das kenne ich und erlebe ich: Dass ich mich nach Zeichen und Wundern sehne, um damit den eigenen Glauben – wenn ich ehrlich bin – zu stärken oder manchmal sogar zu beweisen. Auch hier wird Gott verzweckt.
Nein, Glaube heißt ja Beziehung. Keine Magie. Wunder sind Zeichen auf dem Weg. Weisen auf das Reich Gottes hin. Sie sind nicht verfügbar. Und sie sind immer neu, immer anders. Gott schreibt auch heute seine Geschichte oft in unscheinbaren Momenten – wie mit unsichtbarer Tinte. Ich entdecke sie nur viel zu selten. Oder erwarte das Spektakuläre. Aber dann ist da doch das Wunder: Der Trost durch einen Anruf. Der liebevolle Gruß per E-Mail oder WhatsApp. Die Schwester, die mir nach dem Gottesdienst Segen zuspricht und für mich betet. Der Vogel, der Gottes Melodie in den Morgenhimmel singt.
Manchmal brauche ich nicht um Wunder zu bitten. Ich brauche nur die Augen öffnen und den Blick weiten. Denn meistens baut Gott sein Reich still, sanft, stark, aber ohne Spektakel, Waffen und Macht. Und mittendrin sind sie auch heute: Die Wunder.
© Ruth Schneider / ERF
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