/ Wort zum Tag
Den Vortritt lassen
Die Bibelstelle 1. Mose 13, 8 – ausgelegt von Werner Karch.
Es soll kein Zank sein zwischen mir und dir und zwischen meinen und deinen Hirten: denn wir sind Brüder.
Abraham, der damals noch Abram hieß, wurde von Gott berufen, sein Land zu verlassen und in das Land Kanaan zu reisen. Gott wollte ihn dort zu einer großen Nation machen. Sein Neffe Lot war bei ihm und beide kamen zu recht großem Reichtum. Der Raum, auf dem sie lebten, wurde zu klein, es gab Konflikte und Schwierigkeiten, deshalb machte Abraham den Vorschlag, sich zu trennen, auch um weitere Eskalationen zu vermeiden. Jeder sollte mit allem, was zu ihm gehörte, an verschiedenen Orten wohnen. Er machte ihm den Vorschlag, dass Lot sich frei entscheiden konnte, wo er zukünftig leben wollte. Abraham wollte nach ihm entscheiden. Und warum macht Abraham diesen Vorschlag: Das wird im 1. Buch Mose Kapitel 13 Vers 8 deutlich, da sagt Abraham zu Lot: „Es soll kein Zank sein zwischen mir und dir und zwischen meinen und deinen Hirten: denn wir sind Brüder.“
Das ist doch eine tolle Geste, wenn jemand dem anderen den Vortritt gibt, mit dem Risiko, dass er unter Umständen wesentlich schlechter abschneiden könnte. Aber Abraham hatte offensichtlich keine Befürchtungen, zu kurz zu kommen.
Das menschliche Verhalten zeigt immer wieder, dass die Angst, zu kurz zu kommen, oder auf etwas verzichten zu müssen, durchaus existiert. Die Bestrebungen gehen immer wieder in die Richtung: Das Beste für mich, den Rest kann bekommen, wer will. Ehrgeiz, Konkurrenzkämpfe und alle möglichen Bemühungen sind dem einen Ziel untergeordnet: Das Beste für mich.
Mit welchem Recht machen Menschen eigentlich diesen Anspruch geltend? Der Vergleich macht es möglich: Ich bin besser, fleißiger, größer – der andere ist geringer und muss sich mit weniger begnügen. „Hast Du was, dann bist Du was!“ Das kapitalistische System unterstützt gerade diese Haltung, den Streben nach materiellem Besitz und damit nach Ruhm und Ansehen. „Damit habe ich das verdient!“
Abraham dachte wohl anders. Er war nicht darauf aus, in das beste Teil des Landes zu ziehen, wo es viele Wasserquellen gab. Er ließ in der Wahl seinem Neffen Lot den Vortritt, obwohl er sehr gut wusste, wo es gutes oder weniger gutes Land gab, um die Herden der beiden zu tränken und angemessen zu versorgen. Was hatte Abraham für eine Denkweise in dieser Sache? Er war wohl auch der ältere von beiden und hätte jedes Recht gehabt, zuerst zu wählen. Worauf beruhte seine Großzügigkeit? Oder wollte er Lot einfach loswerden, sodass die Streiterei aufhörte?
Ich denke, dass Abrahams Großzügigkeit allein auf seiner Beziehung mit Gott beruhte. Er war ein Mensch, der auf Gott vertraute, auch da, wo ihn Gott in ein anderes Land schickte. Abraham vertraute darauf, dass Gott gütig ist und ihn mit Sicherheit nicht in ein darbendes Land führen würde, sondern dass er es gut mit ihm meinte. Abraham wusste: er würde gewiss nicht zu kurz kommen, denn er hatte die Erfahrung gemacht, dass Gott ihn versorgte, und zwar sehr gut, wie sein erworbener Reichtum zeigte. Dieses Vertrauen kann sich dann in Form von Großzügigkeit ausdrücken: „Wähle du, wo du hingehen willst“. Eine gute Beziehung zu Gott und Erfahrungen, die ich in der Gemeinschaft mit Gott sammle, können meinen Charakter verändern. Ich weiß, dass ich mich nicht selbst verbissen darum kümmern muss, dass ich nicht zu kurz komme. Gott sorgt für mich und wird auch dafür sorgen, dass ich nicht um alles kämpfen muss. Das ist ein entspanntes und ruhigeres Leben, das ich auch genießen kann.
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