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/ Bibel heute

Erscheinungen des Auferstandenen und Himmelfahrt

Tilo Linthe über Markus 16,9-20.

[Als aber Jesus auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er zuerst Maria Magdalena, von der er sieben Dämonen ausgetrieben hatte. Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren, die da Leid trugen und weinten. Und als diese hörten, dass er lebe und ihr erschienen sei, glaubten sie nicht.[...]

Markus 16,9–20

Öfter gebe ich mir mit meinen Kindern die Klinke in die Hand: Sie kommen gerade von der Schule nach Hause und ich muss los zu einem Termin. Dann verfalle ich in einen Telegrammstil, weil nur noch Zeit für die wichtigsten Infos ist: „Das Mittagessen steht auf dem Tisch, bringt den Müll raus. Mama kommt bald von der Arbeit nach Hause. Wartet heute Abend nicht auf mich! Tschüss!“

Die letzten Verse des Markusevangeliums sind auch in diesem Telegrammstil geschrieben. Nur das Wichtigste wird gesagt, was man unbedingt wissen muss: Zuerst erschien Jesus Maria von Magdala, danach offenbarte er sich zwei Jüngern, schließlich den elf Jüngern, die zu Tisch saßen.

Zuerst Maria. Das ist die Maria, von der Jesus sieben böse Geister ausgetrieben hatte. Ich könnte in unsere Zeit übersetzen: Sie war eine getriebene und fremdbestimmte Frau. Es gab Mächte in ihrem Leben, die sie gefangen hielten. Dann kam Jesus und hat sie befreit. Diese Erfahrung will sie nun mit anderen teilen. So beschreibt es das Markusevangelium: Sie ging hin und verkündete ihre Erfahrung denen, die mit ihr gewesen waren und Leid trugen und weinten.

Ein Beispiel: Im Mai 1935 kam der New Yorker Börsenmakler William Griffith Wilson nach Ohio. Er war bekennender Alkoholiker, der es geschafft hatte, mehrere Monate trocken zu sein. Damals eine echte Leistung: Er hatte die Mächte in seinem Innern bezähmt. Aber auf seiner Geschäftsreise in Ohio kam der Suchtdruck wieder hoch, als er nach einem anstrengenden Tag abends an der Bar seines Hotels vorbeikam. In seiner Not gab er seinem inneren Druck nicht nach, sondern ging zu einem Arzt in der Gegend, den er inständig um ein Gespräch bat. Nach einigem Zögern willigte Robert Holbrook Smith ein, ihm eine Viertelstunde seines kostbaren Feierabends zu schenken. Wilson erzählte „Dr. Bob“ – so war der Spitzname des Arztes – von seinen Erlebnissen mit der Alkoholkrankheit, den Versuchungen, den Erfolgen und Rückschlägen. Aus der vereinbarten Viertelstunde wurde ein ganzer Abend. Schließlich sagte der Geschäftsmann zu Dr. Bob: „Der Suchtdruck ist weg. Heute Abend werde ich nicht mehr saufen. Ich bin über dem Berg. Vielen Dank.“ Plötzlich wirkte Dr. Bob sehr nachdenklich und rang sichtlich mit sich selbst. Schließlich kam er zu einer Entscheidung und bat nun seinerseits den Börsenmakler noch zu bleiben: „Ich bitte Sie, dass Sie sich meine Geschichte anhören. Darf ich mich vorstellen: Ich bin Robert Smith und ein alkoholkranker Mann.“

Aus dieser Begegnung, so sagt es die Legende, entstanden die Anonymen Alkoholiker.

So ungefähr stelle ich mir vor, was Maria aus Magdala widerfahren ist. Sie hat die wunderbare Erfahrung ihrer Rettung gemacht, hat Jesus nach seinem Tod gesehen und will seine Auferstehung weitergeben, aber nun die kalte Dusche: Die Jünger glauben ihr nicht. Sie bleiben skeptisch – und wer will es ihnen verdenken? Die Geschichte klingt zu fantastisch, als dass sie wahr sein könnte. Doch da kommt Jesus und offenbart sich in der Mitte der Skeptiker. Die persönliche Begegnung mit den Jüngern bricht ihren Unglauben auf. Sie finden aus ihrer mentalen Sackgasse heraus und dafür steht Ostern heute noch: Mit dem auferweckten Christus beginnt auch für uns ein neues Leben. Die düsteren Gewitterwolken lichten sich und uns eröffnet sich im Glauben ein neuer und überraschender Horizont des Lebens.

Dann wird es noch einmal ernst in unserem Text: Entweder man glaubt und wird selig oder man glaubt nicht und wird verdammt. Herausfordernd, oder? Klare Ansagen und Konsequenzen passen nicht in unsere Zeit des Unverbindlichen. Unser Autor fordert eine Entscheidung – und wie die seiner Meinung nach ausfallen muss, ist sonnenklar. Angesichts der Auferweckung zum Ewigen Leben darf es kein Zögern und keine Zurückhaltung geben. Die Frage des Glaubens ist keine Nebensächlichkeit. Man kann sie nicht auf die lange Bank schieben und Skepsis kann ein schwerer Irrtum sein. Sie ist wie  ein Mann, der in der Wüste umherirrte und am Verdursten war. Er sah in der Ferne einen Brunnen und steuerte darauf zu. Doch als er in die Nähe kam, verschwand er einfach. Er war einer Fata Morgana, also einer Lichtspiegelung auf den Leim gegangen. Also irrte er weiter. Nach kurzer Zeit sah er in der Ferne eine Oase mit Palmen und einem See in der Mitte. Er ging darauf zu, aber auch die entpuppte sich als Täuschung. Schließlich sah er ganz in der Nähe eine Wasserquelle. Er hörte sie sogar rauschen. Aber wegen der schlechten Erfahrungen war er misstrauisch geworden und glaubte nicht daran, dass es diese Wasserquelle wirklich gab. So ging er daran vorbei und verdurstete.

Ja, es ist möglich, innerlich zu verdursten, weil einmal zu oft die inneren Rollläden heruntergegangen sind. Auch beim Schlussteil unseres Textes könnte man wieder skeptisch werden. Da spricht Jesus von Zeichen des Glaubens und man könnte fragen: Ist das wirklich wörtlich gemeint, dass man Schlangen aufheben und Gift trinken kann als Beweis für den Glauben? Manchmal hilft schon eine kleine „Horizonterweiterung“, um zu verstehen: Es gibt Zeichen des Glaubens. Heute würden wir nur andere Beispiele dafür wählen als damals. Zum Beispiel die vielen kleinen Dinge, die unsere Welt am Laufen und uns am Leben halten. Sie sind einfach da, ohne dass wir je etwas dafür getan hätten: Licht, Wasser und Luft. Wärme, Zuspruch und Liebe. Es spricht auch nicht viel dagegen, dass man Kranken die Hände auflegt und ihnen Nähe und menschliche Wärme schenkt. Das allein reicht oft aus, damit es ihnen besser geht, dass Körper und Seele heil werden.

Das wünsche ich Ihnen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer: Dass Sie die Quelle lebendigen Wassers finden und der Durst Ihrer Seele nach Leben durch den Auferstandenen Jesus gestillt wird.

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Kommentare (1)

g:w. /

Danke Herr Linthe, Sie leiten uns an, die Wirkungen des Auferstandenen bei uns wahrzunehmen und ernstzunehmen. Es soll unser Leben erneuern und segensreich verändern.