/ Bibel heute
Eine sichere Zukunft?!
Der Bibeltext Offenbarung 9,1-12 – ausgelegt von Karl-Heinz Schlittenhardt.
Und der fünfte Engel blies seine Posaune; und ich sah einen Stern, gefallen vom Himmel auf die Erde; und ihm wurde der Schlüssel zum Brunnen des Abgrunds gegeben. Und er tat den Brunnen des Abgrunds auf, und es stieg Rauch empor aus dem Brunnen wie der Rauch eines großen Ofens, und es wurden verfinstert die Sonne und die Luft von dem Rauch des Brunnens. Und aus dem Rauch kamen Heuschrecken auf die Erde, und ihnen wurde Macht gegeben, wie die Skorpione auf Erden Macht haben.[...]
Zerstörung und Flucht im Nahen Osten
Es erschüttert mich, wenn ich sehe, was derzeit in einigen Ländern des Nahen Ostens geschieht. Städte und Dörfer werden zerbombt, um politische, religiöse und ethnische Gegner zu vertreiben. Um des reinen Machterhalts willen werden Menschen um ihre Existenz und Heimat gebracht. Die Bilder aus den Nachrichtensendungen prägen sich tief ein. Oft sind eigentlich nur noch unbewohnbare Ruinen zu sehen. Gerippe aus Beton und Stahl ragen in den Himmel. Schutt füllt die Straßen. Ich frage mich manchmal, wie Menschen darin noch leben können. An den meisten Orten ist die Infrastruktur zerstört, Leben fast unmöglich. Dass Menschen dann fliehen und anderswo Raum zum Leben, zum Überleben suchen, ist verständlich. Wo der Lebensraum immer enger wird, bleibt nur die Flucht.
Eine ähnliche Situation beschreibt auch der Apostel Johannes. Zur Zeit der Posaunengerichte wird der Lebensraum immer mehr eingeschränkt. Die Gerichte der ersten vier Posaunen treffen die Schöpfung, die Erde, das Meer, die Wasserbrunnen und Flüsse, Sonne, Mond und Sterne. Sie richten elementaren Schaden an. Nichts auf dieser Erde wird mehr sein, wie es vorher war. Bisher waren die Menschen nur indirekt betroffen. Mit dem, was nach der fünften Posaune geschieht, wird das anders. Jetzt werden die Menschen angegriffen. Wodurch? Von wem?
Die Mächte des Abgrunds
Johannes sagt: Der Schlund des Abgrunds wird geöffnet. Ein Bereich, in dem die Mächte des Bösen bisher gefangen sind, wird zugänglich. Aufsteigender Rauch verdunkelt danach die Erde. Wie ein Schleier legt er sich über alles, verfinstert die Sonne. Mächte des Verderbens und der Vernichtung treiben dann ihr böses Spiel. Höllische Krieger betreten die Welt. Dämonen steigen aus dem Abgrund auf, in dem sie bisher gefangen und an ihrem zerstörerischen Tun gehindert waren. Johannes sieht Heuschrecken. Er beschreibt mehr als einen ganz normalen Heuschreckenschwarm. Der ist schon schlimm genug, wenn er einfällt und sein zerstörerisches Werk treibt. Er frisst Bäume und Sträucher kahl. Er schädigt die Natur. Er vernichtet die Ernte. Er entzieht damit den Menschen die Nahrungs- und Lebensgrundlage. Nicht nur zu biblischen Zeiten – auch heute geschieht das in manchen Ländern zum Schaden für die Menschen. Die Eigenschaften der heuschreckenähnlichen Wesen, die Johannes sieht, sind viel schlimmer. Sie werden so grausam geschildert, dass jede reale Vorstellung versagt. Von Kopf bis Fuß sind sie auf Angriff ausgerichtet und verursachen kaum zu ertragende Qualen. Sie haben dazu einen Stachel wie Skorpione. Mit ihren Stichen und den verheerenden Wirkungen quälen sie die Menschen. Durch sie ist nicht nur die Natur, sondern vor allem das Leben der Menschen bedroht. Diese sehnen sich nach dem Tod und können ihn nicht finden. In ihrer ganzen Beschreibung erinnern uns diese Wesen an modernes Kriegsgerät und seine zerstörerische Wirkung.
»Indem die höllischen Verderbensmächte freigegeben werden, tritt ein Zustand ein, der in dieser Welt kaum noch etwas von Gott merken lässt. Der Mensch will ja eine Welt ohne Gott. Probeweise bekommt er seinen Willen und erfährt die Hölle. Eine Welt ohne Gott ist nämlich nur als eine Welt zu haben, in die das Satanische einströmt«. So Adolf Pohl in seiner Auslegung dieses Textes in der Wuppertaler Studienbibel.
Hoffnung in begrenzten Zeiten der Not
Es könnte einem Angst werden, wenn ich all das höre, was auf die Menschheit noch zukommen wird. Müssen wir uns vor Angst verkriechen? Viel Bedrohliches steckt in dieser Gerichtsandrohung. Trotzdem machen zwei kurze Bemerkungen in diesem Text Hoffnung. Es wird gesagt: Die Zeit der Drangsal ist begrenzt. Fünf Monate können die zerstörerischen Kräfte ihr blindes Werk treiben, die Menschen plagen. Aber dann ist es zunächst vorbei. Schwere Zeiten sind besser auszuhalten, wenn ich mir bewusst mache, dass sie vorübergehen. Gott hat auch die schwierigen Zeiten der Geschichte in seiner Hand. Nichts läuft ihm aus dem Ruder. Vierzig Jahre wanderte das Volk Israel durch die Wüste. Auf diese Zeit war das Gericht begrenzt (4. Mose 14,34). Dann zogen sie ins Land der Verheißung. Siebzig Jahre sollte Israel im Exil leben, bis „die Schuld gesühnt ist“, so sagt es Jesaja (Jes 40,2). Dann führte Gott sein Volk zurück. Gott ist und bleibt der Herr der Geschichte und der Gerichte. Er setzt Anfang und Ende. Er grenzt das Leid und die Not ein.
Das gilt auch in unserem ganz persönlichen Leben. Manch schwierige Situation kommt uns unendlich lange vor. Sie scheint nicht zu Ende zu gehen. Wir kommen da schnell auf dumme Gedanken. Hat Gott mich vergessen? Weiß er nicht, wie es um mich steht? Sind alle Gebete wertlos und vergebens? So dachte zu manchen Zeiten auch das Volk Israel. Sie redeten sich ein, dass Gott fern ist, sie nicht sieht, ihnen nicht mehr helfen kann oder will. Von Jesaja bekommen sie zur Antwort (Jesaja 59,1): „Siehe, des HERRN Arm ist nicht zu kurz, dass er nicht helfen könnte, und seine Ohren sind nicht hart geworden, so dass er nicht hören könnte.“
In einem Lied von Daniel Burgess, in der deutschen Übersetzung von Birgit Dörnen, singe ich die mutmachenden Worte: »O welch ein Tag, wenn dein Leben sein Ziel erreicht, wenn wir uns gegenüberstehn und du bist hier. O welch ein Tag, wenn die Trauer der Freude weicht, und dann war, was verwirrend schien, der Weg zu mir. Dann wirst du staunend mit mir sehn: alles, Ende und Beginn, mir war nicht einer deiner Tage unbekannt. Und du wirst glauben und verstehn, alles hatte seinen Sinn und du wirst sehn, ich hatte alles in der Hand«. „Ich hatte alles in der Hand“. Das gilt. Damit dürfen wir heute rechnen. Daran heute festhalten. Uns in schwierigen Situationen trösten und Kraft geben.
Bewahrung der Gemeinde Jesu
Die zweite, mutmachende Aussage in diesem Text: Die Gemeinde Jesu, die mit dem Siegel Gottes versehen ist, geht unversehrt aus dieser Katastrophe hervor. Ihr können die mächtigen Wesen des Abgrunds nichts anhaben. Sie bleiben bewahrt. Nur die Menschen, die nicht unter der Hut und Hand des guten Hirten stehen – und damit unter der bewahrenden Macht Gottes – sind Opfer der Qualen. Aber die Gemeinde Jesu wird nicht einbezogen, sie bleibt verschont.
Bewahrung mitten im Leid, das schenkt Gott seinen Leuten immer wieder. Sicher nicht immer. Auch Christen spüren etwas von der Not dieser Welt. Sie gehen durch Schmerzen und Leid. Aber in bestimmten Situationen kann es auch ganz anders kommen. Wider Erwarten schenkt Gott Heilung und erhört Gebet. Manchmal gilt, was der Beter des 91. Psalms sagt (7): »Wenn auch tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen«. Dass Gott so handelt und wann er so handelt, dazu müssen wir ihm die Freiheit lassen.
Wie oft schon wurde der Gemeinde Jesu das Ende prophezeit. Der französische Philosoph Voltaire hat zu seiner Zeit verkündet, dass in hundert Jahren niemand mehr die Bibel lesen wird. Hundert Jahre nachdem er diese Meinung geäußert hat, arbeitete genau in dem Haus, in dem er seine Worte sagte, die französische Bibelgesellschaft. Er hat offensichtlich nicht mit Gottes Macht gerechnet. Man mag Kirchen zerstören, Hausgemeinden verhaften, Christen das Leben schwer machen oder sie vertreiben – zerstören kann man die Gemeinde Jesu so nicht. Jesus selbst hat gesagt (Matthäus 16,18): Sogar die Pforten der Hölle werden meine Gemeinde nicht überwinden. Genau das geschieht auch zur Zeit der fünften Posaune.
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