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/ Bibel heute

Reifes Obst

Der Bibeltext Amos 8,1-10 – ausgelegt von Friedhelm Ackva.

So ließ Gott der HERR mich schauen: Und siehe, da stand ein Korb zur Ernte. Und er sprach: Was siehst du, Amos? Ich aber antwortete: Einen Korb zur Ernte. Da sprach der HERR zu mir: Das Ende ist gekommen über mein Volk Israel. Ich will nicht mehr an ihm vorübergehen! Und die Lieder im Tempel sollen in Heulen verkehrt werden zur selben Zeit, spricht Gott der HERR. Es werden an allen Orten viele Leichname liegen, die man hingeworfen hat. Still![...]

Amos 8,1–10

Erschreckende Bilder – damals und heute

„Die folgende Sendung ist für Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet." – Solche Warnungen gibt es im Fernsehen noch vor Horrorfilmen oder schlimmen Reportagen über Krieg und Verbrechen. Etwas Ähnliches möchte ich auch über manchen grausigen Bibeltext schreiben, so auch über den eben gehörten: „Nicht geeignet für zart besaitete Seelen." Denn es geht um Berge von Leichen, um Wehklagen, um eigenartige Gestalten in Trauersäcken und mit kahlrasierten Köpfen, um den Tod des einzigen Sohnes und das „bittere Ende" (V. 10).

Leider bin ich heutzutage nun doch vertraut mit solchen Katastrophenbildern, ich habe mich an Massaker gewöhnt und bin schon etwas abgestumpft. Manchen können die Horror-Szenen in Thrillern und bei Gewaltspielen oft nicht grausam genug sein. Und deswegen können und sollten wir uns gerade mit dieser Botschaft in der Bibel heute beschäftigen.

In Schulen ist im Religionsunterricht in der Mittelstufe der Prophet Amos durchaus noch Thema, gerade aufgrund seiner Sozialkritik an den Mächtigen. Die gehörten Visionen von den Heuschrecken, dem Feuer und dem Bleilot sind in manchen Schulbüchern bildlich umgesetzt, auch die heutige vierte Vision vom Obstkorb: Ein Erntekorb mit reifen Früchten, so wie wir ihn vielleicht in diesem Sommer gerade erleben. Reifes Obst ist wunderbar, aber es kann schnell auch verderben. Von „reif" zu „überreif" und hin zu „faul" ist der Weg oft kurz, kürzer als erwünscht. Gerade auch bei süßen Feigen, an die in der orientalischen Welt wohl hier am ehesten zu denken ist.

Das Wort „reif" hat eine bewusste Doppeldeutigkeit in sich. Überreife Früchte weisen auf das Ende hin. Reif, nicht zum dankbaren Verzehr, sondern: Reif für das Gericht. Das ist die Situation des Volkes. Die Lieder im Tempel werden in Heulen verwandelt. An allen Orten liegen viele Leichname, die man heimlich hinwirft. Schrecklich!

Es erinnert mich an die Berge von Leichen in den KZs, an die Flüchtlingstrecks im Winter 44/45, bei denen die Kinderleichen im Straßengraben zurückgelassen werden mussten. Oder ich denke an den Anfang der Corona-Pandemie, als die Bilder von gestapelten Särgen in Bergamo oder New York mich so in Angst und Schrecken versetzten, dass ich alles Mögliche und Unmögliche an Schutzmaßnahmen in Kauf genommen habe, um das bei uns zu verhindern.

Es stockt mir der Atem. Ich kann nur noch entsetzt schweigen … Und genau das geschieht im Text – eigentlich. Denn da steht nach Vers 3 ein hebräisches Wort, das die Hörbibel mit dem Luthertext leider nicht aufnimmt: „Haas!" d. h. „Pssst!" „Still!" – Die zugegeben schwierige Lesart im Urtext wird von der ökumenischen Einheitsübersetzung umgesetzt, wenn sie schreibt: „Alles ist voller Leichen, überall wirft man sie hin. Still!" Die Basis-Bibel übersetzt: „Es herrscht Totenstille!" Was denn auch sonst? Da fehlen mir die Worte. Wo doch sonst auf allen Kanälen geredet wird und man dem Schweigen nicht auch seinen Wert zugesteht. – Pssst! Innehalten!

Was ist faul in der Gesellschaft? – Sozialkritik des Amos

Warum ist die Lage so schlimm? Was ist „faul im Staate Israel?", frage ich in Abwandlung von Hamlet und im Bild des überreifen, faulenden Obstes im Korb bleibend. Was ist faul in der Gesellschaft des 8. Jahrhunderts vor Christus, in der der Prophet Amos auftritt?

Die Armen werden unterdrückt. Man tritt ihre Würde mit Füßen und will sie am liebsten vernichten. Die Kaufleute in den israelitischen Städten stecken voller Korruption und Wucher. Das Wirtschaftsleben liegt moralisch am Boden. Man versucht, die Menschen mit falschem Maß und gefälschten Gewichten über den Tisch zu ziehen. Ja, man traut sich, auch Gott mit seinen Geboten zu betrügen, indem man es kaum noch abwarten kann, bis die Feiertage und der Sabbat vorbei sind, damit man wieder seine Geschäfte machen kann. Man „geizt" förmlich mit den heiligen Zeiten und kann gar nicht mehr die Freude der Feiertage genießen, wozu sie eigentlich da sind.

Irgendwie erinnert mich das an gegenwärtige Diskussionen um verkaufsoffene Sonntage und die Ladenschlusszeiten. Preissteigerungen und Gewinnsucht, wo es nur geht. Und bloß nicht zur Ruhe kommen und andere zur Ruhe kommen lassen. Menschen und Familien ausbeuten. Sklavereiähnliche Arbeitsverhältnisse schaffen. An so vielen Stellen in unserem Wirtschaftsleben heute sieht es aus meiner Sicht ähnlich oder schlimmer aus als damals im Nordreich Israels.

Gottes Gericht – gerecht und unausweichlich

„Niemals werde ich diese ihre Taten vergessen!" Das schwört sich Gott gleichsam selbst hier in Vers 7. Ich kann Gott nicht täuschen und betrügen. „Sollte nicht um solcher Taten willen das Land erbeben müssen und alle Bewohner trauern?", fragt der Prophet Amos (V. 8). – Mit anderen Worten: All das Schreckliche haben die verantwortlichen Menschen sich selbst zuzuschreiben. Das schlimme Gericht ist trotz all der Schrecken gerecht. Der assyrische Herrscher Tiglatpileser III. wird kommen und alles zerstören. Begleitet von Überschwemmungen und einer Sonnenfinsternis, die es 784 und 763 vor Christus gegeben hat, wird es unweigerlich zur endgültigen Katastrophe kommen. Die Sonne selbst wird so zur Anführerin der Leichenklage. Zu einer Leichenklage wie über einen „einzigen Sohn" (V. 10). – Gibt es etwas Schlimmeres? Dadurch wird kein Weiterleben der Sippe möglich sein.

Die Versuchung, jetzt von Gottes „einzigem Sohn" zu reden, von Jesus Christus, der gekommen ist, die Sünden der Menschen auf sich zu nehmen, verspüre ich in meinem evangelischen Predigerherzen. Aber ich widerstehe. Denn davon ist bei diesem Prophetentext auch nicht im Entferntesten die Rede. Bevor ich von Vergebung und Versöhnung rede, muss ich der Schuld ins Auge sehen und das Gericht aushalten. Amos kommt erst im 9. Kapitel zu etwas Hoffnung und einer guten Nachricht, einem Evangelium. Bleiben Sie also dran beim Hören! Es ist nicht verwunderlich, dass dieses kleine Prophetenbuch im Neuen Testament fast nicht zitiert wird, außer von Stephanus in seiner Rede vor seinem Märtyrertod (Apg. 7,42f.), wo es auch ums Gericht geht.

Selbstprüfung – Was ernte ich?

Ja, es gilt wohl erst einmal, diesen Schrecken auszuhalten und mit zu weinen und zu klagen. Über die Sünde, die nicht auszurotten ist – und uns Sünder. Wir haben uns als Menschen kaum geändert und gehen oft immer noch ziemlich unmenschlich miteinander um. Menschenhandel und Ausbeutung, in wirtschaftlicher und sexueller Hinsicht, sind an vielen Orten an der Tagesordnung. Wo bleibt die Würde der armen Menschen – weltweit, die doch immer „unantastbar" sein soll?

Was ernte ich? Wie sieht mein Erntekorb aus? Reife Früchte zum Genießen? Oder ist etwas „faul" bei mir? Schaue ich genau hin und handle entsprechend!

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