/ 42:45 Min. / ERF Mensch Gott
Jeder Fehler eine Katastrophe
Alexander stand auf der Brücke – wie er aus Hass und Einsamkeit herausfand
Alexander, Vater von fünf Kindern, verliert mit Anfang 40 nach 22 Jahren Ehe seine Familie, sein Zuhause und sein Ansehen. Nach der Scheidung sitzt er mit sechs Kisten in einer kleinen Wohnung, arbeitet nach eigener Aussage „24/7“ und entwickelt starke Wut- und Hassgefühle – gegen seine Ex-Frau, gegen andere Menschen und schließlich gegen sich selbst. An einem Tag, an dem er rund 20 Menschen aus Freundes- und Familienkreis anruft und niemanden erreicht, steigt er auf das Geländer einer Autobahnbrücke. In diesem Moment sieht er seine Kinder vor Augen und wird sich bewusst, dass er ihnen denselben Schmerz hinterlassen würde, den er selbst empfindet. Er steigt vom Geländer herunter mit dem Satz: „Ich will leben.“
Alexander und seine damalige Frau waren aktive Mitglieder einer christlichen Gemeinde. Nach außen blieb die Fassade intakt, während die Ehe zerbrach – „innen drin brodelte es“. Nach der Trennung sucht Alexander gezielt Menschen, die ihm helfen können. Ein Gesprächspartner stellt ihm die Frage, ob ihm bewusst sei, was Gott ihm selbst vergeben habe. Über Wochen betet Alexander fast ausschließlich darum, das zu verstehen – bis er eines Morgens aufwacht und die Last weg ist. Seine Geschichte ist für Menschen interessant, die eine Trennung erlebt haben, die mit Schuldzuweisungen und Bitterkeit ringen oder die erleben, dass Glaube und Alltag auseinanderfallen.
Was kann helfen, wenn man nach einer Trennung völlig einsam ist?
Alexander beschreibt, dass ihm erst der Schritt half, gezielt nach Menschen zu suchen, die ihm nicht nur zuhören, sondern konkret weiterhelfen konnten. Vorher hatte er andere vor allem als „Müllhalde“ für seine Wut genutzt und dabei immer wieder Bestätigung für seine Opferrolle gesucht – das gab kurz Luft, änderte aber nichts. Das ist seine persönliche Erfahrung, keine allgemeine Empfehlung für jede Situation.
Warum merkt man selbst nicht, wenn aus Wut Hass wird?
Alexander sagt, er habe diesen Prozess der „Vertiefung von Wut in Hass“ gar nicht bemerkt. Nach seiner Erfahrung verschieben sich die eigenen Grenzen nach und nach: Was anfangs ein absolutes No-Go war, wird mit zunehmender empfundener Ungerechtigkeit normalisiert. Er beschreibt das als seinen eigenen Verlauf, nicht als allgemeingültiges psychologisches Modell.
Warum sucht man bei Konflikten die Schuld zuerst bei anderen?
Weil es Genugtuung verschafft, sagt Alexander rückblickend. Er habe seinen eigenen Anteil zunächst auf etwa fünf Prozent heruntergerechnet und alles Übrige anderen zugeschrieben. Erst als er länger über die Vergangenheit nachdachte, wurde ihm bewusst, wie viel er selbst aktiv beigetragen hatte – etwa durch seine Art zu kommunizieren und durch die vielen Abwesenheiten.
Wie kann man jemandem vergeben, der einen tief verletzt hat?
Für Alexander war der Auslöser nicht ein Entschluss, sondern eine Erkenntnis: Er begriff, dass das, was Gott ihm selbst vergeben hat, größer ist als das, was Menschen ihm angetan haben. Danach musste er nach eigener Aussage keine klärenden Gespräche mehr führen – die Last war weg. Das ist seine persönliche Glaubenserfahrung und kein Ablaufplan, der bei allen Menschen so funktioniert.
Was bedeutet „Gnade“ im christlichen Glauben?
Gnade meint im christlichen Verständnis, dass ein Mensch von Gott angenommen und ihm vergeben wird, ohne dass er sich das verdienen muss. Alexander beschreibt, dass ihm dieser Begriff jahrelang bekannt war, aber „wie eine Floskel“ – bis er ihn auf sein eigenes Leben bezog. Heute sagt er, er lebe aus Gnade, und leitet daraus seine Haltung der Dankbarkeit ab.
Wie kann es sein, dass Glaube und eigenes Verhalten so weit auseinanderliegen?
Alexander beschreibt genau diesen Widerspruch: Er war in einer christlichen Gemeinde aktiv, während zu Hause Türenknallen, Schreien und Beleidigungen den Alltag prägten. Er nennt das eine „christliche Fassade“ und sagt, er habe sich eingeredet, diese Diskrepanz sei als Mensch in einer unvollkommenen Welt normal. Erst die Frage, ob er den kenne, „der in ihm lebt“, brachte ihn dazu, Glaubensaussage und Alltag nebeneinanderzulegen.
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