/ ERF Mensch Gott / 49:05 min.
Wenn Vertrauen zerbricht
Melanie wird als Kind von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht. Als sie sich mit neun Jahren ihrer Mutter anvertraut, stellt sich die Mutter im späteren Gerichtsverfahren an die Seite ihres Partners und bestreitet gemeinsam mit ihm die Tat. Melanie lernt daraus, sich auf niemanden verlassen zu können. Vertrauen findet sie erst Jahre später wieder, als sie nach einer gescheiterten Beziehung beginnt, Gott persönlich zu suchen, und offen bekennt, dass sie ihm nicht vertrauen kann. Heute beschreibt Melanie Gott als „lebendigen Beistand, der mich wirklich kennt“. Sie hat ihrer Mutter vergeben, obwohl beide die Vergangenheit bis heute unterschiedlich sehen.
Melanie wächst mit einem alkoholkranken Vater auf. Nach der Trennung der Eltern zieht die Mutter mit Melanie, ihrem Bruder und einem neuen Partner in den Rhein-Sieg-Kreis. Nach dem Missbrauch kommen Melanie und ihr Bruder zum Vater und zur Stiefmutter, später ins Heim. Melanie lebt bis 17 in einem katholischen Kinderheim und wird Erzieherin. In Beziehungen verliert sich Melanie lange: Sie will andere retten und gibt sich dabei selbst auf. Ihre Geschichte zeigt, wie tief Bindungsabbrüche in der Kindheit nachwirken können – und wie Melanie trotzdem lernt, Menschen und Gott zu vertrauen.
Wie kann ich wieder vertrauen lernen, wenn ich als Kind enttäuscht wurde?
Für Melanie begann neues Vertrauen damit, sich ehrlich einzugestehen, dass sie nicht vertrauen kann. In einem seelsorgerlichen Gespräch hat sie genau das im Gebet ausgesprochen und gehofft, dass Jesus diese Wunde heilt. Ein dramatischer Moment war das nach ihrer Aussage nicht: „Wir haben einfach nur gebetet und ähm ich habe das bekannt und mehr ist da nicht passiert.“ Vertrauen in Freundschaften hat Melanie erst später gelernt, während ihrer Zeit auf einer Bibelschule – einer theologischen Ausbildungsstätte.
Kann man vergeben, wenn der andere das Unrecht nicht zugibt?
Melanie hat ihrer Mutter vergeben, obwohl diese ihre Sicht auf den Missbrauch nicht geändert hat. Zuerst fühlte sich Vergebung für sie an, als würde sie der Mutter recht geben und ihr Gesicht verlieren. Entscheidend wurde für Melanie der Gedanke, dass Gott alles weiß, was ihr passiert ist – sie erlebte es so, dass Gott zu ihr sagte: „Ich weiß alles, was dir passiert ist. Und ich glaube dir.“ Seitdem ist sie nicht mehr davon abhängig, dass ihre Mutter ihr glaubt: „Ich konnte sie in dem, wie sie das sieht, so stehen lassen und das kann ich bis heute.“
Warum verliere ich mich in Beziehungen immer wieder selbst?
Melanie hat bei sich ein Muster erkannt: Sie suchte sich Menschen, die sie als hilfebedürftig erlebte, und zog Selbstwert daraus, diese Menschen zu „retten“. Dabei gab sie sich nach eigener Aussage völlig im anderen auf und sah nur noch, was der andere braucht. Als in einer Beziehung eine Hochzeit im Raum stand, merkte Melanie: „Dann gebe ich mich so auf, dass ich nicht mehr existent bin.“ Sie trennte sich und begann, sich dem Muster zu stellen, unter anderem mit therapeutischer Begleitung.
Wie kann ich Gott vertrauen, wenn mir Schlimmes passiert ist?
Melanie hat sich die Frage nach dem „Warum“ ausdrücklich gestellt und mit ihrem Bruder darüber gesprochen. Hilfreich war für sie ein Gedanke, den ihr Bruder als Eindruck von Gott aufschrieb: Jesus habe am Kreuz eine Lösung für das Leid geschaffen, und Melanie sei für Gott wie ein „Schatz im Acker“. Melanie sagt, dieser Gedanke habe ihren Blick verändert und trage sie bis heute, auch wenn schwierige Dinge nicht aufhören. Eine allgemeine Antwort auf die Frage nach dem Leid ist das nicht, sondern Melanies persönliche Erfahrung.
Was bedeutet der „Schatz im Acker“?
Der „Schatz im Acker“ ist ein kurzes Gleichnis von Jesus aus dem Matthäusevangelium: Ein Mensch findet einen verborgenen Schatz in einem Acker und gibt alles, was er hat, um diesen Acker zu kaufen. Melanie versteht das Bild persönlich: Sie selbst ist der Schatz, für den Gott alles hingibt. Darin findet sie nach eigener Aussage „eine tiefe Verbindung, die nichts erschüttern kann“ – gerade dann, wenn ihr Zugehörigkeit fehlt.
Wo findet man Halt, wenn die engsten Menschen sterben?
Als nach ihrem Vater auch ihr Bruder starb, fühlte sich Melanie „richtig entwurzelt“ und allein. Halt gab ihr der Glaube an einen Gott, der sie will und kennt, sowie das Bild vom „Schatz im Acker“. Melanie sagt offen, dass ihr Glaube das Gefühl fehlender Zugehörigkeit nicht vollständig weggenommen hat. Sie erlebt Gott aber als „tröstenden Gott, der eine Antwort hat auf meine Fragen, der meine Verzweiflung sieht“.
Wo finde ich Hilfe?
Wenn dich Erfahrungen von Missbrauch, Einsamkeit, ungesunde Beziehungsmuster oder Trauer belasten, musst du damit nicht allein bleiben. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr kostenlos erreichbar unter 0800 1110111 und 0800 1110222. Auch beim ERF kannst du dich melden: Gebet beim ERF.
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