15.07.2026 / Anstoß - Gedanken zum Tag

Wie ein Steinkauz in Ruinen

Ich bin wie eine Eule in der Wüste, wie ein Käuzchen in zerstörten Städten. Ich wache und klage wie ein einsamer Vogel auf dem Dache.

Psalm 102,7f

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Die Bibel ist das große Buch von Gott – aber auch das große Buch vom Menschen. Und die Bibel ist in gewissem Sinn auch ein Bilderbuch. Ein Buch kraftvoller Sprach-Bilder. Besonders in den poetischen Teilen der Bibel wimmelt es geradezu von ansprechenden Bildern. Auffällig oft im Zusammenhang mit begeisternden Erfahrungen – aber auch mit dem schieren Gegenteil, mit bedrängenden Situationen.

In den Psalmen, dem Liederbuch Israels, wäre der 102. Psalm ein Beispiel für Letzteres. Überschrift: „Gebet eines Armen, wenn er verzweifelt ist und dem Herrn sein Herz ausschüttet.“ Dieser Überschrift wird der Psalm voll und ganz gerecht. Da geht es einem Menschen wirklich elend. Und er – oder sie – findet treffende, zum Teil auch erschütternde Bilder für die eigene Lage. Zum Beispiel diese hier:

„Ich gleiche einem Steinkauz in Ruinen. Ich finde keinen Schlaf und klage wie ein einsamer Vogel auf dem Dach.“ (V. 7/8)

Aber der Beter bleibt nicht bei der Selbstwahrnehmung, ist sich selbst nicht genug in der eigenen jammervollen Verfassung. Immerhin das weiß er noch: jenseits von mir gibt es etwas ungleich Größeres – oder genauer: jemand ungleich Größeren. Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Etwas und jemand jenseits von Raum und Zeit, unvergänglich – und mächtig. Erstaunlicherweise auch fürsorglich.

Deshalb mündet das Klagelied in die hoffnungsvollen Zeilen: „Von seiner heiligen Höhe schaut er Herr herab, vom Himmel blickt er auf die Erde nieder. So hört er das Stöhnen der Gefangenen und rettet die, die den Tod erwarten.“ Auch den kleinen einsamen Steinkauz in den Ruinen.

Autor/-in: Markus Baum