23.10.2026 / Bibel heute

Wer soll mich sehen?

Und dem Engel der Gemeinde in Philadelphia schreibe: Das sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der da hat den Schlüssel Davids, der auftut, und niemand schließt zu, und der zuschließt, und niemand tut auf: Ich kenne deine Werke. Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, die niemand zuschließen kann; denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet. Siehe, ich werde einige schicken aus der Versammlung des Satans, die sagen, sie seien Juden, und sind’s nicht, sondern lügen. Siehe, ich will sie dazu bringen, dass sie kommen sollen und zu deinen Füßen niederfallen und erkennen, dass ich dich geliebt habe.[...]

Offenbarung 3,7-13

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Zu wem schauen wir auf?

Zu wem schauen Sie auf? Möglichkeiten bieten sich einige. Und es gibt genug Menschen, die lieben es, wenn zu ihnen aufgeschaut wird. Davon glauben manche, sie müssen sich nur genug in den Mittelpunkt drängen, dann werden sie gesehen. Sie machen sich groß und sei es durch Dreistigkeit gepaart mit Skrupellosigkeit. Großsein gefällt und Angesehensein stärkt – und füllt vielleicht sogar die eigenen Taschen.

Das Beobachten der anderen mag interessant sein. Aber es hilft mir nicht zum Leben. Niemand bleibt da für immer im Fokus. Manche verschwinden einfach und alle sterben irgendwann. Dann kann auch die „Welt“ der aufschauenden Follower zusammenbrechen.

Nein, diese Art des Lebens gefällt mir nicht. Darin sehe ich keine Zukunft. – Da bin ich froh über das Schreiben, das Jesus an die Gemeinde zu Philadelphia in Auftrag gegeben hat. Was ich darin lese, gilt für Philadelphia, die Gemeinden in der Zeit damals und alle Gemeinden. Ja, es gilt damals und heute und je und je ganz persönlich weiter bis über das Ende hinaus. Jesus lobt darin das „Kleinsein“ der Gemeinde und der Christenmenschen mitten in der Metropole Philadelphia. Deren Umstände sind kompliziert und manchmal wohl zum Verzweifeln. Sie sind angefeindet und bedroht.

Gerade fängt man in der Gegend an, dem Kaiserkult zu folgen, auch weil man sich mehr Zusammenhalt verspricht und großen Schwung für die Ökonomie. Ihre Familienmitglieder verstehen oft den Schritt weg vom Göttergötzenglauben nicht und setzen die neuen Christen unter Druck. Und auch Juden damals in der Stadt und diejenigen, die extra angereist sind, tun alles, um die Gemeinde zu zerstören. Wie will man das aushalten? Wie kann die Gemeinde da standhalten? Es könnte doch helfen, wenn man glänzend dasteht und mächtig und groß rauskommt, so wären die Überlegungen wohl auch heute.
 

Kleine Kraft in Philadelphia

Und ausgerechnet da lässt Jesus ausrichten: „… du hast eine kleine Kraft …“ Und er lässt gleich anfügen: „…und hast mein Wort bewahrt und meinen Namen nicht verleugnet…“ Das ist eigentlich ein Widerspruch, kommt mir in den Sinn. Mit kleiner Kraft, schwach und hilfsbedürftig kann ich nichts bewahren und in der Enge der Bedrängnis nicht zu Jesus stehen. Zähle ich mit kleiner Kraft nicht zu den Verlierern? Nicht bei Jesus. Ich denke, „kleine Kraft“ bezieht sich auf die eigene Stärke oder auf das, was ich dafür halte.

Da sehen die Schwestern und Brüder in Philadelphia bei und aus sich selber keine bis wenig Glaubensstärke und -kraft. Auch der gesamten Gemeinde ergeht es so. Sie erkennen, aus unserer Kraft können wir dem Druck auf uns und die Gemeinde nicht standhalten. Die eigene Kraft reicht nicht aus. Wir müssen uns Jesus, dem Sohn Gottes, anvertrauen. Er muss uns bei sich festhalten. Er kennt unsere Lage, die Angriffe, das, was uns zu schaffen macht. Jesus kennt die Menschen, die Glauben angreifen; ihm ist alle Macht gegeben. Also wird es Jesus mit uns gut machen. Ja, was wir als Angriff auf uns verstehen, ist ja zumindest ebenso eine Attacke gegen Jesus selbst.

Ich selbst bin aktuell nicht in der Not und erlebe aufgrund meines Glaubens keine Bedrängnis. Allerdings ahne ich, dass meine eigene Glaubensstärke nicht weit reicht. So verpasse ich immer wieder Gelegenheiten zum Zeugnis für Jesus und sein Werk. Ich selber kann immer nur zu Jesus rennen und ihn bitten: „Ich glaube, bitte stärke mein Vertrauen.“ Ich bekenne, in meinem ganz normalen Alltag bin ich als Christ auf die vertrauensstärkende Treue von Jesus Christus angewiesen. „Die Kraft von Jesus ist in den Schwachen mächtig“, bekennt Paulus.  Das erlebten die Christinnen und Christen in Philadelphia – und ich erlebe es auch.
 

Aufschauen zu Jesus

Mein Unvermögen ist kein Mangel. So lerne ich zu Jesus aufzuschauen. Das ist auch die Rettung für die Adressaten des Schreibens in Philadelphia. Sie schauen nicht auf sich. Sie laden auch niemanden ein, auf sie oder einen aus ihren Reihen zu schauen. Sie laden zum Blicken auf Jesus ein. Dabei bleiben sie. Gerade dann ermutigen sie dazu, wenn sich scheinbar Großes vor Jesus schieben will. Im Zweifel und in Angst, in allen Notlagen, haben sie Jesus nie aus den Augen gelassen. Mit allem sind sie zu ihm gekommen und haben die Lösung und Hilfe von ihm erwartet, so bescheinigt es ihnen Jesus selber. Es ist nun ein Missverständnis zu glauben, dass diese Christen untätig sind. Nein, aber sie handeln nicht einfach in Angst und Panik, sie legen es Jesus im Gebet vor und finden so Mittel und Wege. – Das ist das Zeugnis, das Jesus ihnen gibt. Und das müssen auch die Feinde anerkennen.

Jesus bewegt diese dazu, zur Gemeinde zu kommen und zu bekennen, dass die, die auf Jesus schauen und sich auf ihn verlassen haben, Jesu ganze Liebe empfangen. – Diese Liebe von Jesus trägt die Menschen mit deren „kleinen Kraft“ zu jeder Zeit. Und Jesus lenkt den Lauf der Geschichte so, dass diese Treu-Empfangenden vor dem bewahrt wurden und sind, was aller Welt an Versuchung bevorsteht. Die Gemeinde in Philadelphia und Sie und ich, wir mit unserer Schwäche im Glauben, müssen sich nicht vor dem Bösen fürchten, das und der die Menschheit attackiert. Wer „klein“ und schwach ist, kann in Ruhe bleiben und auf Jesus schauen. Und weiter für die Menschen und die Welt beten und handeln.

Mehr noch, vielmehr: Menschen, die Jesus ansehen – und sich mit ihrer Schwachheit und geringen Kraft – Jesus anvertrauen, werden wesentliche Teilhaberinnen und Teilhaber an Jesu ewiger Herrschaft sein. In seinem Tempel und seinem Reich haben diese vertrauenden Menschen tragende Aufgaben. Ihnen schreibt Jesus all das zu, was er getan hat, was er vollbracht hat und was er ist: Das Leben.

Es kommt also darauf an, zu wem jemand aufschaut. Es ist entscheidend, wem Menschen folgen. Die Gemeinde in Philadelphia kann heute noch Beispiel sein, wie nützlich, förderlich, fruchtbar es ist, zu Jesus Christus aufzuschauen. Mut braucht es dazu. Diesen lässt Jesus in seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern wachsen.

Autor/-in: Winfried Geisel