30.10.2026 / Wort zum Tag

Wenn Gebet öffentlich wird

Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.

Lukas 1,46-48

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Glauben ist in unseren Breiten etwas ganz Persönliches, über den man in der Regel nicht gern öffentlich spricht, eine Privatsache! Und das gilt auch für das Beten. Wenn ich den Umfragen glauben darf, beten allerdings viel mehr Menschen als vermutet, vor allem auch solche, die nicht oder nur gelegentlich in einer christlichen Gemeinde auftauchen. Oft geschieht das in Krisensituationen, wenn eine Diagnose die für selbstverständlich gehaltene Gesundheit plötzlich in Frage stellt. Oder ein Unfall, ein Unglück, ein Problem, das wie ein unüberwindbares Hindernis auftaucht. Manchmal mit der Haltung: „Vielleicht hilft Beten, schaden tut´s ja nicht“.

Gott soll dann der Rettungsanker sein, der in der Katastrophe hilft. Ich kann das gut verstehen. So wie ein Ertrinkender in der Panik wild um sich schlägt, um irgendwie Rettung zu erlangen, ruft man nach Gott. Da wäre es hilfreich, wenn man die Adresse kennt, an die man sich in diesen Situationen wenden kann. Wenn die Verbindung zu Gott nicht „offline“ ist, sondern bereits besteht.

Es gibt ein ganz kurzes Gebet, das viele beten, ohne dass es ihnen bewusst ist: „Gott sei Dank!“ Auch Erleichterung und Dankbarkeit benötigen eine Adresse, bei der ich meine Freude loswerden kann. Und das sage ich dann auch frei heraus!

Sonst bekommen Menschen wenig davon mit, wie andere beten. Für mich war das ein Problem, da ich von zu Hause keine persönlichen Gebete kannte und die Gebete im Gottesdienst mir sehr „geschraubt“ vorkamen. Gerne habe ich dann Gelegenheiten gesucht, wo ich mitbekam, was und wie andere beten. Heute habe ich ein Gebet gefunden, das wir mithören können. Es steht in der Bibel und wird von Maria gebetet. Hören wir mal mit rein:

„Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes: denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.“

Das ist interessant. Anders als oft in meinen Gebeten geht es zunächst nicht um eigene Anliegen, wo Gott um Hilfe gebeten wird, sondern Maria freut sich an Gott und lobt ihn. Sie nimmt ihn als Adressaten in den Blick und liefert nicht einfach eine Wunschliste ab. Sie reagiert darauf, dass Gott ihr etwas Gutes getan hat, ja viel mehr, dass er sie in ihrer Niedrigkeit und Schwäche angesehen hat. Und das löst Freude aus.

Ähnlich hat einmal eine gewisse Hagar gebetet: „Du bist ein Gott, der mich ansieht.“ So wird das Gebet zum Ausdruck einer Beziehung, die mehr ist als das Absetzen eines Wunsches oder gar einer fordernden Erwartung.

In unserer Gesellschaft ist in den letzten Jahren in vielen Bereichen eine Kultur der Anerkennung und des Lobens wichtig geworden.  Es gut tut, wenn wahrgenommen wird, was eine oder einer macht. Sprüche wie „Nicht gemeckert ist genug gelobt“ sind wirklich nicht passend.  Vielleicht ist das ein guter Hinweis fürs Gebet:

Gott danken und sogar mehr: Gott loben! Loben geschieht öffentlich. Man macht damit seine Beziehung zu Gott etwas transparenter. Das erleichtert den Austausch darüber, wie und was man beten kann. Es ist eben mehr als eine Privatsache. Meine Erfahrung: mir und anderen ist es gar nicht so peinlich, darüber zu sprechen und auf Unverständnis treffe ich eher selten.

Autor/-in: Hans-Georg Filker