21.05.2026 / Bibel heute
Wenn Altes neu wird
Nun hatte ja der erste Bund seine Satzungen für den Gottesdienst und sein irdisches Heiligtum. Denn es war da aufgerichtet das erste Zelt, worin der Leuchter war und der Tisch mit den Schaubroten, und es heißt das Heilige; hinter dem zweiten Vorhang aber war das Zelt, welches das Allerheiligste heißt.[...]
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Die alte Ordnung: Gottesdienst hinter dem Vorhang
Wer die alte Ordnung kennt, der darf gespannt sein auf die neue. Es sind Menschen aus dem jüdischen Volk an die sich der Schreiber des Hebräerbriefes wendet. Menschen, die gut mit den jüdischen Gesetzen und Ritualen vertraut sind, die aber in Jesus ihren Herrn und Retter gefunden haben. Und gerade dieses Verständnis soll noch einmal vertieft werden. Worin unterscheidet sich die neue Ordnung von der alten?
Im Hebräerbrief wird die Stiftshütte beschrieben … eine Zeltanlage, die Mose zur Zeit der Wüstenwanderung des Volkes Israels nach Gottes Anweisungen in der Wüste errichten ließ. Hier wollte Gott unter seinem Volk wohnen. Hier konnte Israel seinem Gott begegnen.
Nach dem Vorbild der Stiftshütte ließ Salomo später auch den Tempel in Jerusalem erbauen. Alle Anweisungen für die verschiedenen Opfer- und Reinigungsrituale wurden übernommen. Etwa 1500 Jahre lang haben diese Rituale das Glaubensverständnis Israels geprägt.
Jetzt macht der Schreiber des Hebräerbriefes deutlich, dass all das, was das jüdische Volk verinnerlicht hat, Hinweise waren. Hinweise auf das, was Jesus Christus durch seinen Tod bewirken wird. Er beschreibt den Aufbau der Stiftshütte. Da gab es den vorderen Raum, das Heilige. Hier versahen die Priester ihren Dienst. Gottesdienste wurden vorbereitet. Außerdem waren sie für die Reinigung des Siebenarmigen Leuchters zuständig und mussten zweimal täglich Öl nachfüllen. Die Lampen brannten Tag und Nacht in diesem fensterlosen Raum.
An diesen heiligen Raum schloss sich ein weiterer an. Ein schwerer, kostbar gewebter Vorhang trennte diese beiden Räume. Er wurde „das Allerheiligste“ genannt. Hier stand die mit Gold beschlagene Bundeslade. In diesem – ebenfalls fensterlosen Raum – brannte keine Lampe. Gott selbst erfüllte ihn mit seiner Herrlichkeit.
Während die Priester täglich im vorderen Raum ihrer Beschäftigung nachgingen, war das Allerheiligste tabu für sie. Nur ein einziger, nämlich der Hohepriester, durfte einmal im Jahr diesen abgetrennten Bereich betreten … diesen heiligsten Bereich der Gegenwart Gottes. Nur am großen Versöhnungstag war es ihm erlaubt, hier für alle unwissentlich begangenen Sünden Abbitte zu tun.
Der zerrissene Vorhang: Die neue Ordnung tritt in Kraft
Diese räumliche Trennung macht deutlich, dass der Weg in Gottes Gegenwart noch nicht offen war. Menschliche Unvollkommenheit und Schuld vertrug sich nicht mit der Herrlichkeit Gottes. Die damaligen Opfer und Rituale konnten das Gewissen des Menschen nicht vollkommen reinigen; sie waren nur eine vorübergehende Ordnung. Sie gehörten zu dem alten Bund, den Gott mit Mose geschlossen hatte.
Jetzt betont der Schreiber des Briefes das Ende der alten Ordnung und den Beginn der neuen, der besseren Ordnung.
Der Vorhang ist zerrissen, der das Allerheiligste verschlossen hielt. Durch das Opfer, das Jesus Christus gebracht hat als er starb, wurde der Zugang zu Gottes heiliger Gegenwart frei.
Wie ging es den Adressaten des Hebräerbriefes mit dieser Botschaft? Das gewohnte Denk- und Glaubensmuster wurde damit ja völlig auf den Kopf gestellt! Ohne Opfer und ohne priesterlichen Vermittler Zugang zu Gottes Herzen zu haben ––– in diese neue Ordnung musste man ja erst einmal hineinfinden.
Die Reformation: Aufbruch in die bessere Ordnung
Es erinnert mich sehr an die Zeit der Reformation. Es war eine Zeit des geistlichen Aufbruchs. Die Angst vor dem Fegefeuer hatte so viele Menschen in seelische und finanzielle Not gebracht. Der Ablasshandel versprach Erleichterung, aber frei und glücklich wurde dadurch niemand. Das sollte sich ändern.
Die Reformatoren des 16. Jahrhunderts gaben fünf Leitsätze heraus. Fünf Leitsätze die für mich die neue, die bessere Ordnung des Hebräerbriefes noch einmal deutlich machen.
Erstens: Allein der Glaube! Keine Opfergaben, kein Gehorsam gegenüber kirchlichen Würdenträgern, keine schmerzhafte Geißelung kann Schuld bereinigen und zu ewigem Leben verhelfen. Allein der Glaube an Jesus Christus kann das bewirken.
Zweitens: Allein die Schrift! Gottes Wort ist genug. Die heilige Schrift darf wohl kommentiert, aber nicht durch Sonderlehren verzerrt oder ersetzt werden!
Drittens: Allein Christus! Weder Engelwesen noch irgendwelche spirituellen Meister können Vermittler sein zwischen Gott und Mensch. Christus ist der Einzige, der uns den Zugang zu Gottes Vaterherzen ermöglicht.
Viertens: Allein die Gnade! Den Zutritt zum Allerheiligsten kann ich mir mit nichts verdienen. Keine guten Werke, kein moralisch einwandfreies Verhalten öffnet mir diesen Raum. Ich bin vollständig auf die Gnade Gottes angewiesen.
Im 5. Leitsatz heißt es: Gott allein gehört die Ehre. Die Erlösung ist kein Menschenwerk. Das Opfer, das Jesus Christus gebracht hat, sein Tod am Kreuz, hat eine reinigende Kraft. Sie reicht in die Tiefe des Menschen hinein und kann sein Innerstes verwandeln.
Blick in die Gegenwart: Brauchen wir eine neue Erweckung?
Am Kreuz von Golgatha trat die neue Ordnung in Kraft. Der Vorhang im Tempel zerriss. Nichts und niemand kann uns den Weg versperren, den Christus uns geöffnet hat.
Die Reformation hat damals viel Unruhe mit sich gebracht. Alte Denk- und Glaubensmuster zu verlassen bedeutete, etwas völlig Neues zu wagen. Erlösung wurde plötzlich als Geschenk verstanden und nicht als Verdienst. Da war ein geistliches Aufwachen in unserem Land, eine Erweckung!
Werden wir so etwas noch einmal erleben?