24.01.2024 / Bibel heute

Von den Witwen

Ehre die Witwen, die allein sind. Wenn aber eine Witwe Kinder oder Enkel hat, so sollen diese lernen, zuerst im eigenen Hause fromm zu leben und sich den Eltern dankbar zu erweisen; denn das ist wohlgefällig vor Gott. Das ist aber eine rechte Witwe, die alleinsteht, die ihre Hoffnung auf Gott setzt und beharrlich fleht und betet Tag und Nacht.[...]

1. Timotheus 5,3–16

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47 Jahre war sie verheiratet, als ihr Mann starb. Mit ihm hatte sie zufrieden in ihrem kleinen Häuschen gelebt. Von den vier Kindern lebte durch Beruf und Familie keines mehr am Ort. Nun war sie ganz allein. Wie würde sich ihr Leben weiter gestalten?

Ihre Kinder rieten ihr, in ihre Nähe zu ziehen, aber sie wollte nicht weg aus dem Haus, das sie sich nach dem Krieg mit ihrem Mann mit viel Mühe aufgebaut hatte. Es war ihre Heimat. Und Heimat war ihr auch die Gemeinde, in die sie sich immer noch einbrachte. Hauskreis, Seniorenkreis und kleine Liebesdienste für jüngere Familien in ihrer Nähe machten ihr Freude.

Ihren Kindern fiel es zunächst schwer, aber sie akzeptierten ihren Wunsch zu bleiben. Allmählich spielte sich das Leben ein. Materiell war sie gut versorgt mit ihrem schuldenfreien Häuschen, ihrer Witwen- und einer kleinen eigenen Rente. Auch sozial war sie in der Gemeinde eingebunden.

Als sie gebrechlicher wurde, unterstützten sie ein Hausnotruf und ein Pflegedienst. Ein Sohn kam regelmäßig, um ihr in allen offiziellen Angelegenheiten zu helfen, der andere verbrachte einen Teil seines Jahresurlaubs bei ihr, und eine Tochter fuhr wöchentlich zu ihr, putzte ihre Wohnung und kaufte für sie ein. Aus der Gemeinde traf sich nun der Hauskreis in ihrem Haus, das sie nicht mehr verlassen konnte. Nach 22 Jahren starb sie zufrieden und dankbar in aller Stille. Ein Witwenleben zu Beginn des 21. Jahrhunderts in unserer westlichen Gesellschaft.

In unserem heutigen Bibeltext geht es auch um Witwen. Über das Leben der Witwen im Vorderen Orient der Antike gibt es kaum Überlieferungen, aber die Bibel gibt uns ein paar Hinweise. Witwen werden oft zusammen mit Waisen und Fremdlingen genannt. Sie standen am Rand der Gesellschaft. Deshalb macht Gott sich zu ihrem Anwalt (5. Mose 10,17f), wenn es nicht funktionierte mit der Fürsorge. Propheten ermahnten das Volk im Namen Gottes, auf die Rechte der Benachteiligten zu achten (z.B. Jesaja 1,23; Maleachi 3,5). Auch Jesus kritisierte die Übervorteilung von Witwen (Markus 12,40).

In der Apostelgeschichte lesen wir, dass sich die erste Gemeinde der Witwen angenommen hat (Apg. 6,1). Auch Paulus denkt an sie und weist seinen Mitarbeiter Timotheus an, die Witwen in der Gemeinde zu versorgen.

Dabei unterscheidet er drei Situationen. Es gibt Witwen, die alt und völlig auf sich gestellt sind. Sie haben ein gutes Leben gelebt in ihrer Ehe, Familie, Gesellschaft und Gemeinde. Da ist es keine Frage, dass man sich um sie kümmert. Sie haben es sich im besten Sinne verdient, dass man sie mit Respekt und Achtung versorgt.

Eine zweite Gruppe von Witwen lebt in einem Haus mit ihrer Familie, den Kindern und allen, die sonst zum Haushalt gehören. Für sie braucht die Gemeinde nicht zu sorgen, denn sie sind versorgt. Auf dem Hintergrund des Gebotes, Vater und Mutter zu ehren, ist es gut, dass Kinder sich um ihre alt gewordenen Eltern kümmern. Als sie noch Kinder waren, haben die Eltern sie versorgt. Nun können sie etwas zurückgeben: Respekt, Dankbarkeit, Liebe und Fürsorge. Das ist recht und darauf liegt Segen.

Und schließlich gibt es die jungen Witwen. Das waren vermutlich in der Gesellschaft im antiken Orient gar nicht so wenige. Mädchen wurden sehr jung verheiratet, und ihre Männer waren meist um Einiges älter. Da war die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie auch noch recht jung waren, wenn der Mann starb. Für sie stellte das Witwenleben eine Herausforderung dar, weil sie immer in Familie eingebunden unselbständig gelebt hatten.

Paulus sieht sie deshalb besonderen Versuchungen ausgesetzt – vor allem in einer solch weltoffenen Stadt wie Ephesus, wo Timotheus wirkte (1. Timotheus 1,3). Wenn man sie in der Gemeinde umfassend versorgte wie die alten Witwen, standen sie in der Gefahr, sich den Ablenkungen der Welt zuzuwenden und zu einem ausschweifenden Leben, zu Begierden, Müßiggang und Geschwätzigkeit verführt zu werden. Offenbar gab es schon solche Beispiele. Fürsorge der Gemeinde bestand deshalb eher darin, darauf zu achten, dass sie auch weiterhin ein ehrbares Leben führten, was in der antiken Gesellschaft für eine Frau hieß zu heiraten, Kinder zu bekommen, den Haushalt zu führen und sich um Bedürftige zu kümmern. Das war in der Regel der Platz, den die Frau in der Gesellschaft hatte.

Vergleichen wir nun das moderne Beispiel der Witwe mit dem unseres heutigen Bibeltextes, so mache ich manche Unterschiede aus. Ein antiker Lebensentwurf auf jüdisch-christlichem Hintergrund ist nicht eins zu eins übertragbar auf eine moderne westliche Lebenswelt. Und dennoch gibt es Prinzipien, die sich nicht verändern.

Materiell sind bei uns Witwen in der Regel sehr viel besser abgesichert. Sie erhalten eine Witwenrente und haben oft auch einen eigenen Rentenanspruch. Und wo dies nicht ausreicht, springen soziale Einrichtungen ein, wenn keine Familienangehörigen unterstützen können. Deshalb treten diakonische Aufgaben der Gemeinden zurück, eher unterstützen sie die Arbeit der sozialen Einrichtungen.

Generell leben die Menschen bei uns selbständiger. Mehrgenerationenhaushalte sind die Ausnahme. Üblicher ist es, dass Familien den Erfordernissen der Arbeitswelt folgend auch räumlich weiter auseinander leben. Selbständigkeit ist deshalb erforderlich. Junge, alleinstehende Frauen sind meist durch einen erlernten Beruf selbst in der Lage, für sich zu sorgen. Sie haben einen festen, eigenständigen Platz in der Gesellschaft. Selbstständigkeit kann aber zum Problem werden, wenn Menschen zu vereinsamen drohen, weil sie nicht mehr in der Lage sind, für sich selbst zu sorgen. Auf jeden Fall ist es gut und wichtig, dass Angehörige unter den gegebenen Umständen alle ihre Möglichkeiten ausschöpfen, sich umeinander zu kümmern, aber darüber hinaus bleibt die Gemeinde hier nach wie vor gefragt, die ihr anvertrauten Menschen zu unterstützen. Haben wir also auch in den Gemeinden aufeinander Acht, damit niemand unversorgt bleibt.

Autor/-in: Ute Cron-Böngeler