29.04.2026 / Wort zum Tag
Umgang mit den eigenen Möglichkeiten
Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.
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Offensichtlich ist die Frau vor mir in der Schlange an der Kasse im Supermarkt keine Deutsche. Kleidung und Aussehen lassen mich auf eine Asylbewerberin schließen. Sie scheint die Worte der Kassiererin nicht zu verstehen. Und mit dem hiesigen Geld sich auch nicht auszukennen. Langsam zählt die ihre Taler vor. Es reicht nicht. Da greift der Mann in der Schlange hinter mir an mir vorbei und legt einen Fünf-Euro-Schein dazu. Irritiert schaut ihn die Kassiererin an. Die Ausländerin vor mir weiß gar nicht, wie ihr geschieht. Da kommt von dem Mann der Kommentar: „Ist schon recht. Ist doch Christenpflicht, zu helfen.“
Die Bemerkung trifft mich. Wenn es Christenpflicht ist, wäre es doch auch meine Aufgabe gewesen, hier zu handeln. Dabei hatte ich noch nicht einmal angefangen, über die Situation nachzudenken.
Ist es Christenpflicht, zu helfen? Es gibt doch so viele Probleme auf der ganzen Welt, was kann ich als Einzelner schon dagegen tun? Auch diese fünf Euro eben haben doch das Problem mit der Asylantenschwemme nicht gelöst.
Mit unserem heutigen Bibelwort hat es etwas ganz Besonderes auf sich: Es stammt von der Mutter eines arabischen Königs, vielleicht vor dreitausend Jahren, die ihren Sohn berät. Nur an dieser einzigen Stelle in der Bibel, im Buch der Sprüche, hier des Königs Lemuel von Massa, werden Weisheitssprüche einer Frau überliefert.
„Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.“
Es ist also Aufgabe des Königs, für Gerechtigkeit zu sorgen, grade sich derer anzunehmen, die sonst kaum einen Fürsprecher haben: Für diejenigen, auf die sonst keiner hört. Denen sonst keiner zur Seite steht. Schon tausend Jahre, bevor Jesus sich konsequent für Ausgegrenzte, Bedürftige und Hilflose einsetzte, was sich in seiner Zuwendung zu den Sündern und Schwachen zeigte, gab eine Königinmutter ihrem Sohn diesen Rat.
Über uns herrscht heute kein König mehr. Wir leben heute in Deutschland in einer Demokratie. Die Aufgaben des Königs haben Parlament und Regierung übernommen.
Tun sie ihren Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind?
Doch halt, bevor es jetzt zu den üblichen Vorwürfen kommt, dass die da oben ja doch nur machen, was sie wollen: In einer Demokratie herrscht doch das Volk. Also ist jeder einzelne von uns auch ein bisschen König. Ich muss mich also selbst fragen: Tue ich meinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind?
Da hatte der Mann in der Schlange hinter mir ja völlig recht, als er von der Christenpflicht sprach. Mir hat es an Aufmerksamkeit gefehlt, an Mitgefühl, dass von mir gefordert ist.
Gott selbst hat sich mir in Barmherzigkeit zugewandt. Er hat mich nicht nach meinen Taten bewertet.
Stellvertretend für mich hat er seinen Sohn Jesus ans Kreuz gehen lassen, zur Vergebung meiner Schuld. Wie kann ich da über andere hinwegsehen?
Ich will meinen Mund für die Stummen auftun und für die Sache aller, die verlassen sind. Ich will nicht mehr schweigen, wenn über die Interessen derer, die nicht für sich selbst eintreten können, hinweggegangen wird. Ich will meinen Beitrag leisten, wenn Hilfe nötig ist, ob finanziell oder durch die Tat. Ich will mich nicht mehr damit rausreden, dass ich als Einzelner ja doch nichts bewirken kann.
Ja, ich weiß, dass es mir nicht immer gelingen wird. Aber ich lebe in der Gnade Gottes, der mich in seiner Barmherzigkeit hält und mir mein Bemühen damit ermöglicht.
Ich will meinen Mund für die Stummen auftun und für die Sache aller, die verlassen sind.
Machen Sie mit?