12.08.2026 / Glaubens-FAQ

Okkult belastet oder psychisch krank?

In der Seelsorge stellt sich manchmal die Frage: Ist die Not des Betroffenen geistlichen oder psychischen Ursprungs? Eine Handreichung von Michael Großklaus.

„Helfen Sie mir. Ich bin von einem Dämonen besessen.“ Wenn ein hilfesuchender Mensch diese Worte an einen Pastor, eine Seelsorgerin oder einen Mitarbeiter im Gemeindedienst richtet, herrscht bei diesem oft vor allem eins vor: Sprach- und Hilflosigkeit. Wie soll man einem solchen Menschen begegnen? Gibt es so etwas wie Besessenheit überhaupt? Und wenn es sie gibt, wie lässt sie sich von psychischen Erkrankungen unterscheiden?

Man sieht die Not des Betroffenen und möchte diesem helfen, aber selbst viele Christen tun sich mit der Thematik Engel, Satan und Dämonen schwer. In einigen westlichen Theologenkreisen werden diese Begriffe belächelt oder der Glaube daran komplett in den Bereich der psychischen Störungen verlagert. Und diese Störungen gibt es, mehr als je zuvor. Auch viele Christen erkranken zunehmend im Bereich ihre Psyche.

Sind biblische Aussagen, die auf übernatürliche böse Mächte hinweisen, eventuell einfach nur andere Begriffe für psychische Erkrankungen?

Und wie kommt es, dass es in pfingstlich-charismatischen Kontexten – gerade auf dem afrikanischen Kontinent – eine Zunahme an Dämonenaustreibungen und Befreiungsdiensten gibt, während dies in anderen Konfessionen kaum eine Rolle spielt? Dies kann zur Folge haben, dass Dämonen ausgetrieben werden, die gar nicht da sind, und auf der anderen Seite Menschen keine Befreiung erleben, weil man mit übernatürlichen Mächten nicht (mehr) rechnet.

Eines steht fest: Es ist wichtig, psychische Erkrankungen und okkulte Belastungen sinnvoll voneinander abzugrenzen. Dieser Artikel möchte eine Handreichung dazu bieten, wie das in einer gesunden Art und Weise gelingen kann. Dabei hilft der Blick auf drei Bereiche.

Die wissenschaftliche Basis klären

Bei meinen Vorträgen oder Seminaren zu diesem Thema weise ich stets darauf hin, dass man einige wissenschaftliche Fakten kennen sollte, bevor man in der Bibel nach einer geistlichen Erklärung sucht. Es gibt nämlich einen Zusammenhang zwischen psychischen Störungen und okkulten Belastungen.

Säkulare Forschungseinrichtungen, wie etwa das Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) in Freiburg, erforschen seit Jahrzehnten paranormale Phänomene. Sie beobachteten Folgendes: Von 1 500 Menschen aus einem jahrzehntelangen Forschungsprojekt des IGPP, die von übernatürlichen Phänomenen berichteten, waren 23 Prozent psychisch sehr auffällig, sprich: psychotisch, paranoid, schizophren; 28 Prozent litten an Ängsten, Depressionen und Schlafstörungen. Lediglich 31 Prozent zeigten keinerlei Anzeichen einer psychischen Störung.

Diese Zahlen zeigen: Nicht jeder, der von übersinnlichen Erlebnissen berichtet, ist psychisch krank, doch die knappe Hälfte zeigt klare Anzeichen einer psychischen Erkrankung.

Dies ist eine wichtige erste Erkenntnis. Dies heißt jedoch nicht, dass Menschen, die von übersinnlichen Erlebnissen berichten, automatisch eine psychische Störung hätten. Und es heißt auch nicht, dass sie sich diese Erfahrungen einbilden.

Von daher ist es wichtig, diese Erfahrungen immer in ihrem jeweiligen Kontext zu betrachten und zu differenzieren und manchmal – etwa im Fall einer psychischer Erkrankung – auch zu diagnostizieren. Daher ergibt es Sinn, dass Seelsorger hier interdisziplinär denken und handeln. Im Laufe dieses Artikels gehe ich darauf noch näher ein.

Mittlerweile vermitteln viele, vor allem freikirchliche theologische Ausbildungsstätten dieses Wissen, um künftige Pastoren auch in diesem Bereich auszubilden. An dieser Stelle möchte ich auf das Buch „Das Okkulte von Helge Stadelmann und mein eigenes Buch „Okkult belastet oder psychisch krank“ hinweisen.

Damit steht fest:

Erzählungen und Berichte von Betroffenen reichen nicht aus, um zu unterscheiden, ob es sich um eine psychische Erkrankung oder eine okkulte Belastung handelt.

Wenn von Händekribbeln auf Besessenheit geschlossen wird

Als ich im Jahr 2015 im Rahmen meiner Doktorarbeit zu diesem Thema in Uganda und Tansania war, nahm ich an einer großen Evangelisation teil. Hier beobachtete ich einen ganz anderen Umgang mit der Thematik als in Europa. Wie im afrikanischen Kontext üblich, wurden im Anschluss an die Predigt Dämonen ausgetrieben. Der Prediger bat alle Anwesenden ihre Hände zu heben. Wer ein Kribbeln in den Händen bemerkte, sollte ein Zeichen geben. Ein junges Mädchen etwa 10 Meter von mir entfernt nickte ihm zu.

Dann ging alles ganz schnell. Vier geistliche Leiter rannten auf das Mädchen zu, packten es an Händen und Beinen und trugen es in eine Scheune. Dort warfen sie das Mädchen auf den mit Stroh ausgelegten Boden und brüllten auf sie ein, während sie wild zuckte und ebenfalls schrie. Eine spektakuläre Dämonenaustreibung, könnte man meinen. Nach circa 15 Minuten waren alle total verschwitzt, aber glücklich. Auch das Mädchen freute sich.

Mit einem Übersetzer fragte ich es, was sie erlebt hatte. Sie meinte strahlend, dass sie besessen gewesen war und Jesus sie frei gemacht habe. Ich fragte weiter, woher sie das so genau wusste, und sie meinte: „Es hat doch in den Händen gekribbelt.“

Dass es automatisch durch das zurücklaufende Blut kribbelt, wenn man die Hände länger nach oben streckt, ließ man außer Acht. Stattdessen deutete man das körperliche Symptom als Besessenheit. Dieses Beispiel zeigt für mich, dass man schnell Hinweise auf Besessenheit in harmlosen Erfahrungen finden kann, wenn man explizit danach sucht. Das macht einen bedachtsamen Umgang mit der Thematik umso wichtiger.

Habt ihr in Deutschland auch Häuser für Besessene?“

Auch erzählte man mir auf dieser Reise von einem Käfig voller Besessener an einem Waldrand. Dort führte man mich hin und ich traute meinen Augen nicht. Niemals werde ich diesen Anblick vergessen. Denn es war tatsächlich ein großer Käfig, circa zehn mal fünf Meter groß. Darin befanden sich Menschen aller Altersgruppen. Ich sah körperlich und geistig Behinderte, Spastiker und psychisch Kranke.

Der Afrikaner fragte mich: „Habt ihr in Deutschland auch Häuser für Besessene?“ Ich versuchte ihm zu erklären, dass es körperliche und psychische Krankheiten gibt und wir daher Kliniken und Psychiatrien hätten. Dort werde mit therapeutischen und medikamentösen Therapien den Patienten geholfen. Diese Menschen seien krank und nicht besessen, erklärte ich ihm. Er verstand es nicht.

Ich bin mir sicher, keiner der Menschen in diesem Käfig war besessen. Sie hätten alle Hilfe bekommen können, aber eine adäquate Behandlung kannte man dort nicht. Mit dort meine ich die Enden der Erde. Das sind für mich Erdteile, in denen es keine Elektrizität, kein fließendes Wasser und vor allem keine ausreichende Bildung gibt.

Sicherlich rechnen Menschen in Afrika und an anderen Orten mehr mit dem Übernatürlichen, und nicht selten tut Gott dort auch Wunder. Die Lebensumstände vieler Menschen sind in weiten Teilen Afrikas so problematisch, dass ihnen oft nur Gott bleibt. Apotheken und Krankenhäuser sind unerreichbar und so setzen viele Christen dort alles auf die „Karte Gott“. Häufig belohnt Gott dieses Vertrauen, auch wenn manches für uns theologisch problematisch erscheinen mag.

Dennoch ist es für unser Thema wichtig, genau hinzusehen. Denn wer die fachlich-wissenschaftliche Sicht bei der Frage, ob ein Mensch okkult belastet oder psychisch krank ist, nicht berücksichtigt, kann Menschen nicht nachhaltig helfen.

Psychologisches Wissen hilft sehr bei der Unterscheidung. Erst wenn man dies in der Seelsorge bedacht hat, sollte man meiner Meinung nach zur theologischen Deutung kommen.

Was sagt die Bibel zur Dämonenaustreibung?

Gott redet am zuverlässigsten durch die Bibel zu Menschen. Damit ist die Bibel die wichtigste Quelle, wenn es um den christlichen Glauben und Gott geht. Sie ist zuallererst ein Glaubensdokument.

Gott, den wir in der Bibel kennenlernen, ist selbst kein Mensch und vor diesem Hintergrund bleibt unser Zugang zu Gottes Reich immer begrenzt. So auch in unserer Thematik: Die Bibel beschreibt einen personalen Gegenspieler Gottes, den Teufel. Daran, dass er als reale Person existiert, glauben weltweit die allermeisten Christen. Leider ist diese Ansicht in Europa und auch in Deutschland immer mehr zu einer Außenseiterposition geworden.

Was hat es mit dem Teufel auf sich?

Im Alten Testament wird der Teufel als Satan (Lateinisch: Satanas) bezeichnet. Satanas meint so viel wie Aufhalter, Gegner, Ankläger. Auch Engel als Zwischenwesen zwischen Gott und Mensch werden in der Bibel als real existierende Wesen vorausgesetzt. Im Alten Testament taucht der Begriff Satanas kaum auf. Im Wesentlichen kommt er nur bei Hiob (Hiob 1-2), in 1.Chronik 21,1 und in Sacharja 3,1-2 vor. Im Vergleich mit den Begriffen für Gott, von denen es im Hebräischen etliche gibt, ist dies verschwindend selten.

Eines aber erfahren wir: Der Teufel ist wohl ein Engel gewesen, der eine folgenschwere Idee hatte: Er wollte so sein wie Gott. Jesaja 14 und Hesekiel 28 werden von einigen Bibelauslegern so gedeutet.

Im Neuen Testament wird für den Teufel der griechische Begriff Diabolos verwendet. Diabolos heißt übersetzt: Durcheinanderbringer oder Durcheinanderwerfer. Im 1. Jahrhundert nach Christus lebten die Menschen mit klaren Vorstellungen über das Böse. Der Glaube an Dämonen war üblich. Viele Nöte und Krankheiten wurden bösen Mächten zugeschrieben. Es gab für alles und jedes einen passenden Geist.

Sowohl Jesus als auch seine Jünger, die ersten Christen und der Apostel Paulus kannten daher die Praxis von Dämonenaustreibungen. Immer wieder wird in den Evangelien und der Apostelgeschichte von Menschen berichtet, die von Dämonen geheilt werden. Doch wie genau diese Austreibungen aussahen, wird nicht detailliert beschrieben, allerdings wurde bereits zwischen Krankheiten und Dämonisierungen unterschieden.

Jedoch wurde beides im damaligen Denken häufig dem Teufel zugeschrieben. Genauso herrschte die Vorstellung vor, dass Krankheiten mit persönlichem sündhaftem Verhalten in Zusammenhang stünden. In den Evangelien taucht diese Vorstellung mehrfach auf.

Ein gutes Beispiel ist die Frage der Jünger an Jesus, ob ein blind Geborener selbst gesündigt habe oder dessen Eltern, dass es so mit ihm stünde (vgl. Johannes 9,2-3). Jesus erwiderte hier deutlich: „Weder noch.“ Damit widersprach er der damals gängigen Vorstellung, dass Leiden und Krankheiten automatisch eine geistliche Ursache hätten.

Körperliche und seelische Nöte zu vergeistlichen oder zu dämonisieren, greift viel zu kurz.

Besessen oder dämonisiert?

Wie sind aber nun diese biblischen Texte im heutigen Kontext zu verstehen? Vor allem ist es wichtig, die Bedeutung der verwendeten Begrifflichkeiten zu klären.

Der in manchen Kreisen übliche Begriff Besessenheit sollte sparsam oder besser gar nicht verwendet werden. Denn Besessenheit ist kein genuin biblischer Begriff, sondern hat sich nur landläufig für bestimmte Phänomene eingebürgert.

Doch zum einen steht in der griechischen Sprache an diesen Stellen das Wort daimonizomai (dämonisiert), zum anderen beschreibt der Begriff Besessenheit einen Zustand, in dem ein Mensch unter der hundertprozentigen Kontrolle fremder oder böser Mächte steht. Entweder besessen oder frei ist nicht das, wovon das Neue Testament spricht. Daher ist der Begriff dämonisiert zu verwendet, er beschreibt die Thematik genauer.

Christen, in denen Gottes Geist wohnt, können nicht besessen sein, was eine seelsorgerlich enorm hilfreiche Wahrheit darstellt, auf die wir später noch eingehen werden. Der Begriff Besessenheit müsste mit den Begriffen sehr stark dämonisiert ersetzt werden.

Dämonisiert bedeutet, dass ein Mensch von bösen Mächten angegriffen wird, beziehungsweise angegriffen werden kann. Dies entspricht den Aussagen des Neuen Testamentes (vgl. Markus 16,17; 1. Korinther 12,10; Epheser 4,27; Epheser 6,12; Jakobus 4,7: 1.Petrus 5,8). Diese Angriffe können von einem oder mehreren dämonischen Mächten kommen.

Ein kleiner Exkurs in die Kirchengeschichte

In der ersten Christenheit war die Praxis der Dämonenaustreibung verbreitet. Jede Kirche hatten ihren Exorzisten (Griechisch: exorkismós, hinausbeschwören). Dieser Begriff wurde später kennzeichnend für Priester der römisch-katholischen Kirche, die diesen Dienst mit entsprechender liturgischer Vorgehensweise durchführten. Das Rituale Romanum, von dem es zwei Versionen gibt, liefert genaue Vorgaben für den katholischen Exorzismus, der bis heute vereinzelt durchgeführt wird.

Martin Luther schenkte dem Teufel und seinen Knechten wenig Bedeutung. Er bezeichnete den Teufel als den „Affen Gottes“ und als „Wüterich, aber als Gottes Wüterich“. Für den Reformator war klar: Der Teufel und seine Dämonen können nur das, was Gott zulässt. Folgerichtig taucht in dem bekannten Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ folgende Passage auf: „Ein Wörtlein kann ihn fällen“. Luther betonte mehr die Allmacht Gottes und weniger die begrenzte Macht des Teufels. Ein lohnenswerter Gedanke für uns Christen: „Fürchte Gott und nicht den Teufel“.

Nachdem die Bibel infolge der Reformation vielen Menschen zugänglich gemacht wurde, entdeckten immer mehr Gläubige Widersprüche zwischen dem, was sie in der Bibel lasen, und dem, was sie aus den römisch-katholischen Messen kannten. So entstand nicht nur der Protestantismus, sondern auch die Täuferbewegung und letztlich die evangelischen Freikirchen.

Gab es jahrhundertelang in Deutschland eine große Kirche, nämlich die römisch-katholische, entstand infolge der Reformation die zweite große christliche Strömung: Der Protestantismus – und daraus pietistische und letztlich freikirchliche Bewegungen. Deren Umgang mit dem Okkulten unterschied und unterscheidet sich bis heute teils stark voneinander und von dem Exorzismus der römisch-katholischen Kirche.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass je nach Denomination und theologischem Verständnis unterschiedlich mit dieser Thematik verfahren wurde und teils immer noch wird.

Von spektakulären Dämonenaustreibungen

Wenn wir über Okkultismus, Engel und Dämonen sprechen, sticht einer der Schwabenväter des württembergischen Pietismus heraus: Johann Christoph Blumhardt (1805-1880). Der evangelische Pfarrer und Kirchenlieddichter hatte es in den Jahren 1840 bis 1843 mit einem möglicherweise dämonisierten Kirchenmitglied mit dem Namen Gottliebin Dittus zu tun.

Die junge Frau war überzeugt, dass ein Geist in ihrer Unterkunft wohnte und litt an unerklärlichen körperlichen Symptomen wie Ohnmachtsanfällen, Krämpfen und Blutungen. Kein Arzt konnte ihr helfen, und Blumhardt kam zu dem Schluss, dass hier eine okkulte Macht am Werk war. Blumhardt vertraute auf die Kraft des Gebets – mit Erfolg: Nach zwei Jahren Kampf war Gottliebin Dittus frei und konnte ein normales Leben führen.

Knapp 100 Jahre später sorgte 1968 ein weiterer Fall in dem Örtchen Klingenberg am Main weltweit für Aufmerksamkeit. An der jungen Studentin Anneliese Michel, die unter Wahnvorstellungen und Epilepsie litt, wurde 67-mal der katholische Exorzismus durchgeführt. Obwohl sich der Zustand der jungen Frau immer weiter verschlechterte und sie keine Nahrung mehr zu sich nahm, holten die Eltern keine ärztliche Hilfe.

Das Ergebnis: Die Betroffene starb schließlich an extremer Unterernährung. Der „Exorzismus von Klingenberg“ veränderte die Praxis der römisch-katholischen Kirche in Bezug auf den Exorzismus. Seitdem werden bis heute zunächst medizinische und psychologische Untersuchungen bei einem „Verdachtsfall“ abgeklärt.

Die Wiederentdeckung der Dämonenaustreibung

Im Gegensatz zur katholischen Kirche hatte die evangelische landes- und freikirchliche Szene das Thema Exorzismus wenig im Blick – bis zum Jahr 1900. Denn da begann eine neue christliche Bewegung, die dem Thema Engel, Satan und Dämonen wieder mehr Raum gab: Die Pfingstbewegung. Mittlerweile zählen sich weltweit über 500 Millionen Christen zu ihr.

Auch die charismatische Bewegung, die in den 60er-Jahren quasi als Folge der Pfingstbewegung entstand und auch in der evangelischen und katholischen Kirche zu finden ist, rechnet mit dem Wirken des Teufels und lehrt das Austreiben von Dämonen. Um sich vom katholischen Exorzismus theologisch und praktisch abzugrenzen, wählte man den Begriff Befreiungsdienst.

Unter anderem beruft die Bewegung sich hierbei auf die Worte Jesu in Markus 16,17: „Diese Zeichen aber werden denen folgen, die glauben: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben ...“ 

Die Literatur – vor allem im charismatischen Lager – ist unüberschaubar und vielfach wird eine Art Erfahrungstheologie betrieben.

Alle möglichen und unmöglichen Geschichten, gerne aus Missionsgebieten, werden mit einem wichtigen Grundanliegen verbreitet: Christen stehen im geistlichen Kampf und überall lauern Dämonen.

Dies kann in extremen Kreisen so weit gehen, dass von einem „Geist des Alleinseins“ bei Singles oder einem „Geist der Sehschwäche“ bei Brillenträgern gesprochen wird. Auch sind immer wieder Theorien der sogenannten „Territorialen Kampfführung“ im Umlauf, nach der es bestimmte Hierarchien in der unsichtbaren Welt gibt und bestimmte satanische Engel über Städte oder Länder bestimmte Rechte hätten, die es zu Fall zu bringen gilt. Das reicht bis hin zu der Überzeugung, dass man zuerst in einem Helikopter über einem Stadtteil Dämonen und Geister binden müsse, bevor man dort effektiv evangelisieren könne.

Dämonenaustreibung: Im Neuen Testament allenfalls ein Unterthema

Vor dem Hintergrund biblischer Aussagen sind solche Praktiken als äußerst problematisch einzuordnen, eben weil es hierzu keinerlei Aussagen in neutestamentlichen Texten gibt.

Wenn Dämonenaustreibung so wichtig wäre, wie manche Charismatiker behaupten, hätte insbesondere Paulus hierzu klare Anweisungen gegeben.

Der Apostel hat immerhin die Hälfte des Neuen Testaments geschrieben, zahlreiche Gemeinden gegründet und diverse Missionsreisen unternommen. Und wie schon erwähnt: Für Paulus war die unsichtbare Welt der Teufel und Dämonen eine Realität.

Noch wichtiger war Paulus jedoch Jesus, das Licht, der Sieger – und so ermutigt er permanent in seinen Briefen dazu, eng mit diesem Jesus zu leben. Sollte man es wirklich aktiv mit geistlichen Angriffen zu tun bekommen, rät er zur geistlichen Waffenrüstung. Jakobus gibt zudem den praktischen Tipp: „Widersteht aber dem Teufel! Und er wird vor euch fliehen“ (Jakobus 4,7).

Doch eins ist Paulus ein Anliegen: Dass Christen sich nicht mit okkulten, esoterischen oder gar satanischen Praktiken beschäftigen. Mit der Aussage „Gebt dem Teufel keinen Raum“ (Epheser 4,27) macht er deutlich, dass es auch für Christen gefährlich werden kann, wenn sie sich auf solche Dinge einlassen. Mit einfachen Worten ausgedrückt: Wer ganz in Christus lebt, ist „teufeldicht“.

Gemeint ist damit, dass der beste Schlüssel, um sich vor möglichen Angriffen des Bösen zu schützen, eine enge Christusbeziehung ist.

Jesus ist Sieger über den Teufel, das bezeugt die Bibel an vielen Stellen.

Der praktische Umgang mit okkulten Belastungen

Eine grundlegend wichtige Wahrheit wurde schon genannt: Christen können nicht besessen sein! Wie viele Gespräche habe ich in den vergangenen 30 Jahren schon zu diesem Thema geführt. Nicht selten meldeten sich Christen bei mir mit der Überzeugung, besessen zu sein. In allen Fällen traf dies nicht zu. Manche waren regelrecht enttäuscht über meine „Diagnose“, hatten sie doch ein vollmächtiges Befreiungsgebet im Namen Jesu erwartet. Andere litten tatsächlich unter dämonischen Angriffen, dies zeigte sich in nachweislich übernatürlichen Erlebnissen oder Phänomenen.

Genau hier greift die Frage: Okkult belastet oder psychisch krank? Wer ernsthaft diese Frage beantworten möchte, sollte dringend diese drei Bereiche im Blick haben: die fachlich-wissenschaftliche Basis, das theologische Verständnis der Bibel zu diesem Themenbereich und den praktischen Umgang mit Dämonenaustreibung und Befreiungsdienst.

An der Stelle sei an den Fall der Anneliese Michel erinnert und den daraus resultierenden Änderungen der römisch-katholischen Kirche in Bezug auf ihren Exorzismus. Ich selbst habe meine Masterthesis 2009 und meine Doktorarbeit 2016 zu dieser Thematik geschrieben und möchte einige Gedanken und Vorschläge anführen, wie man als Betroffener oder Seelsorger vorgehen kann, wenn eine okkulte Belastung vermutet wird.

Hilfen für die seelsorgerliche Begleitung

Grundsätzlich sei hier erwähnt, dass niemand „einfach so“ unter dämonischen Einfluss gerät. Menschen müssen sich bewusst und aktiv auf Mächte der Finsternis einlassen. Dies kann zum Beispiel durch okkulte Praktiken geschehen. Wenn diese Menschen zum Glauben an Jesus kommen und Buße über diese Sünden tun, ist diese Problematik in aller Regel geklärt. Pastoren und Seelsorgeteams in Kirchen und Gemeinden sind hier die entsprechenden Ansprechpartner.

1. Niemanden einfach so dämonisieren

Christen haben Gottes Geist in sich und keine Dämonen. Deshalb sollten wir von anderen nicht vorschnell als dämonisiert oder gar besessen sprechen. Damit wecken wir im schlimmsten Fall nämlich große Ängste vor dem Okkulten oder gar eine ungesunde Faszination dafür.

Dennoch gilt auch für Gläubige: „Gebt dem Teufel keinen Raum“ (Epheser 4,27). Wo Menschen aus esoterischen, okkulten oder gar satanischen Hintergründen kommen, ist es erforderlich, dies konkret zu bekennen und sich von möglichen Praktiken zu lösen. Dazu kann ein Befreiungsgebet mit anderen Christen hilfreich sein, vor allem aber sollte der Betroffene alles unterlassen, was ihn wieder an diese Praktiken binden könnte.

2. Fragen stellen und Situation des Betroffenen verstehen

Um Menschen in der Seelsorge zu helfen, brauchen wir Informationen über die vom Betroffenen wahrgenommen okkulten Phänomene, dessen Erklärung und über die ratsuchende Person selbst. Nur alle drei Aspekte können zusammen ein klares Bild ergeben.

Da wir Menschen sind und nicht Gott, hilft es, dem Ratsuchenden ganz konkrete Fragen zu stellen: Was hat jemand wie und wo erlebt? War jemand dabei? Wie erklärt sich die Person das Erlebte? Hatte sie Kontakt mit okkulten oder satanischen Gruppen? Ist die Person gläubig, spirituell oder esoterisch unterwegs? Diese einfachen Fragen können helfen, das Erlebte einzuordnen.

3. Körperliche und psychologische Verfassung klären

Hierbei lohnt es sich, von außen nach innen zu gehen. Das heißt: Wir versuchen zunächst als Seelsorgende herauszufinden, ob die Person bereits somatische Diagnosen hat, also nachgewiesene körperliche Leiden. Dann fragen wir nach psychiatrischen Diagnosen. Wenn ein Mensch körperlich einigermaßen fit ist und auch psychisch stabil, bleibt nur der dritte Bereich übrig. Dann muss es sich um ein geistliches Problem handeln. Doch es ist wichtig, zuerst die anderen beiden Bereiche sorgfältig abzuklopfen.

4. Mit dem Betroffenen um Befreiung beten

Wenn dies nach eingehender Prüfung der Fall ist, beten wir im Namen Jesu mit dem oder der Betroffenen um Befreiung von der dämonischen Belastung. Dies sind in der Regel keine stundenlange Gebetskämpfe. Wir sprechen konkret zu dem Dämon, dass er die Person verlassen muss. Wichtig: Dieses Gebet wird weder in Länge noch in Lautstärke gemessen, sondern im Glauben. Weder Gott noch der Teufel sind schwerhörig!

Ein Gebet mit dem Ratsuchenden ist für diesen übrigens auch dann eine Hilfe, wenn die Ursache körperlicher oder psychischer Natur ist.

Im Gebet spricht Gott ins Leben von Menschen hinein. Wer merkt, dass er mit seinen Beschwerden besser einen Psychiater aufsuchen sollte, braucht für diesen Schritt eventuell genauso Gebetsunterstützung, wie ein okkult belasteter Mensch ein Befreiungsgebet braucht. Die Frage sollte also nicht sein „Bete ich mit einem Ratsuchenden?“, sondern „Wofür und wie bete ich mit diesem?“.

Ein konkretes Gebet zur Befreiung könnte so lauten: „Im Namen Jesu Christi, des Sohnes Gottes, der gekommen ist, um die Werke des Teufels zu zerstören und der am Kreuz von Golgatha die Macht der Finsternis besiegt hat, gebiete ich dir, du Geist des Todes, dass du diesen Menschen verlässt...“

Natürliche und geistliche Probleme klar trennen

Wichtig ist mir in diesem Kontext jedoch folgende Wahrheit: Natürliches muss man natürlich, Geistliches muss man geistlich angehen (vgl. 1. Korinther 2,13-14).

Es macht wenig Sinn Natürliches geistlich anzugehen oder Geistliches natürlich. Dies erklärt, warum manche Gebete nicht erhört werden. Nicht weil Gott nicht kann, sondern weil es gar keine geistliche Sache ist.

An der Stelle möchte ich ein mir unvergessliches Erlebnis erzählen: In einem Seminar behauptete ein lieber Glaubensbruder, dass viele Deutsche Vitamin-D-Mangel hätten. Diese Aussage ist richtig. Sein Vorschlag, wie man diesen Mangel beheben können, war dagegen falsch. Denn er meinte: Danken würde helfen, den eigenen Vitamin-D-Speicher aufzufüllen. D wie Danken! Dieser Christ wollte ein somatisches, körperliches Problem – den Vitamin-D-Mangel – geistlich mittels Dankens lösen.

Ich bin fest davon überzeugt, es gibt immer wieder Christen, die versuchen, natürliche Probleme geistlich zu lösen. Jemand fragte mich, ob es helfen würde, sein Notebook zu salben, da er immer wieder Pornografie konsumierte. Ich meinte daraufhin, dass dies auf jeden Fall helfen würde, denn wenn er genügend Öl auf sein Notebook schütten würde, ginge dieses kaputt und damit käme er erst einmal nicht mehr an die Inhalte ran.

Ich glaube, jedem wird deutlich, was ich meine. Alles zu vergeistlichen ist keine gute Vorgehensweise. Viele Dinge unseres Alltags sind eben gar nicht geistlich und können auch ohne ein besonderes Gebet um geistlichen Beistand funktionieren. Selbstverständlich beziehen Christen Gott in alle Lebensbereiche mit ein. Aber sie sollten nicht jedes Problem Gott zuschieben, sondern auch den von Gott geschenkten Verstand nutzen.

Daher gilt grundsätzlich: Nicht überall, wo Jesus draufsteht, ist Jesus drin – und nicht überall, wo Teufel draufsteht, ist der Teufel drin.

Darum gilt es zu prüfen, wie das Neue Testament es vorschlägt. Prüfhilfen können sein: Konkrete Fragen an den Ratsuchenden, die Gabe der Geisterunterscheidung und Fachwissen im Gebiet der Psychologie und Theologie.

Was die Gabe der Geisterunterscheidung angeht, wird sie als eine der in 1.Korinther 12 aufgeführten neun Gaben des Heiligen Geistes genannt. Geistesgaben sind keine natürlichen Fähigkeiten, sondern von Gottes Geist gegebene Gaben, die Christen von Gott latent oder permanent verliehen werden.

Die Gabe der Unterscheidungen der Geister – wie sie wörtlich heißt – kann im Gespräch mit Ratsuchenden helfen, zwischen göttlichem und teuflischem Ursprung, psychisch und okkult belastet, menschlichen und göttlichen Gedanken zu unterscheiden. Sie ist ein weiteres Hilfsmittel aus dem geistlichen Bereich und eine Ergänzung zu anderen natürlichen Hilfen zum Unterscheiden und Prüfen.

Um dieses Fachwissen und theologische Ausgewogenheit sollten geistliche Leiter und Seelsorger sich bemühen. Denn einen Menschen als vom Teufel besessen zu bezeichnen oder auch als dämonisiert ist eine Form von geistlichem Missbrauch. Darum kann die Frage, ob jemand okkult belastet oder psychisch krank ist, nur jemand beantworten, der über psychologisches Fachwissen, gute Bibelkenntnis und ausreichend seelsorgerliche Praxis verfügt.

Fazit

Vieles, was nach Dämonisierung aussieht, ist bei genauer Betrachtung eine psychische Krankheit. Diese lässt sich mit Therapie beziehungsweise Medikamenten behandeln. Von daher sollten Christen Erkrankungen nicht vorschnell vergeistlichen oder mit dämonischen Belastungen verwechseln. Dies gilt umgekehrt ebenso für Fachleute aus Medizin und Psychotherapie. Dämonen reagieren nämlich weder auf Therapie noch auf Medikamente.

Das Wichtigste in Seelsorge und Psychotherapie ist in diesem Kontext also, den wahren Grund für die beobachteten Phänomene zusammen mit dem Betroffenen zu klären. Dazu zählt, den Menschen immer als Einheit aus Körper, Seele und Geist zu sehen.

Wo Körper oder Psyche leiden, hat dies oft Auswirkungen auf die persönliche Gottesbeziehung, die von Betroffenen wahrgenommen werden – und zwar ohne, dass direkt eine dämonische Belastung vorliegt.

Die Bibel beschreibt übernatürliche Vorgänge als Realitäten – im Guten wie im Bösen. Jesu Wirken umfasste auch die Befreiung von dämonischen Mächten. Dieser Befreiungsdienst wurde von Jesus, seinen Jüngern, Paulus und den Christen bis heute durchgeführt. Das Neue Testament ermutigt in diesem Zusammenhang mehrfach dazu, die „Geister zu prüfen und zu unterscheiden“. Darum ist auch die Gabe der „Unterscheidung der Geister“ in 1. Korinther 12 obligatorisch.

Christen, die sowohl mit dem Wirken Gottes als auch mit dem Wirken des Teufels rechnen, sollten einem Menschen nie einen Dämon einreden und auch nie Dämonen austreiben, wo keine sind. Im Verdachtsfall sollten immer zuerst medizinische und psychische Probleme ausgeschlossen werden. Nur wenn es sich nachweislich um eine Dämonisierung handelt, werden diese in der Vollmacht Jesu ausgetrieben. Dies geschieht weder manipulativ noch mittels Geschrei.

Es gilt hier der Anweisung zu folgen: „Prüft die Geister, ob sie aus Gott sind“ (1. Johannes 4,1). Dies geschieht immer ruhig und ohne Hektik, souverän in der Vollmacht Jesu. Denn bis heute gilt für die Kirche Jesu und seine Nachfolger, dass sie im Namen Jesu Dämonen austreiben können.

Therapie, Beratung und Medikamente können psychisch angeschlagenen Menschen helfen, ein Befreiungsgebet hilft Menschen, die unter den Einfluss dämonischer Mächte geraten sind. Was dran ist, muss weise im Gebet geprüft werden.
 

Autor/-in: Michael Großklaus

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