02.05.2026 / Wort zum Tag

Leben wie Jesus

Wer von sich sagt, dass er mit Gott verbunden ist, soll auch so leben, wie Jesus gelebt hat.

1. Johannes 2,6

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So leben, wie Jesus gelebt hat? Was kann der Evangelist Johannes wohl damit meinen?

Das ist gar nicht so einfach zu sagen. Denn die einen verweisen darauf, dass Jesus gelebt hat wie ein Rabbi. Andere sehen in ihm den Revolutionär. Wieder andere heben hervor, wie einfühlsam Jesus war oder unterstreichen seinen Opfermut. Den Mann, der in kein Schema passt, kann ich aus vielen Blickwinkeln betrachten.

Mir scheint, Johannes meint es anders. Vielleicht würde er auf die Frage, wie Jesus gelebt hat, antworten: Achtet nicht so auf die Einzelheiten! Denkt größer! Entscheidend ist doch die innige Verbindung mit dem Vater.

Dazu könnte Johannes auf den Auftritt des 12-jährigen Jesus im Tempel verweisen. Ich muss dort sein, wo mein Vater ist. Ich gehöre zu ihm. Oder er könnte darauf verweisen, wie Jesus sich immer wieder zurückgezogen hat, um die Gemeinschaft mit dem Vater zu suchen. In der Wüste; im Garten Gethsemane. Johannes könnte auf die Selbstaussagen von Jesus verweisen: Ich und der Vater sind eins.

So kristallisiert sich für mich diese Antwort unter verschiedenen Möglichkeiten heraus: Jesus hat in der besonderen Gemeinschaft mit Gott, seinem Vater, gelebt. Daraus kann sich dann auch ergeben, wie ich leben soll. Wer von sich sagt, dass er mit Gott verbunden ist, soll dann auch diese innige Verbindung mit dem Vater pflegen.

Das gilt nun nicht nur für die Gemeinden damals, denen Johannes schreibt. Ich muss es mir immer wieder bewusst machen: Ich bin auch gemeint.

Was aber zeichnet solche Gemeinschaft aus? Die Liebe. Eine solch innige Verbindung kann nicht funktionieren, wenn Menschen einander Listen vorlegen, auf denen sie abhaken: Das habe ich gehalten; das auch; das auch; das nicht – daran arbeite ich.

Im Moment werden ja etliche neue Gesetze verabschiedet. Ich bin sicher, dass sofort andere Menschen nach Lücken suchen, um die Gesetze umgehen zu können. Aber eine lebendige innige Beziehung würde durch solche Gedanken zerstört. Wenn etwa Eheleute – oder auch Mitglieder einer geistlichen Gemeinschaft – auf Buchstaben pochten und mit Paragrafen kämen, dann wäre die Gemeinschaft schnell am Ende. Solch ein Miteinander lebt aus dem Geist der Liebe und nicht aus dem Buchstaben.

Daran werde ich aber immer wieder scheitern. Denn auch wenn ich wie Jesus lebe, bin ich nicht wie Jesus – nämlich ohne Sünde. Johannes behauptet nicht, dass jemand, der das versucht, sündlos ist oder wird. Darum verweist Johannes auf den Fürsprecher. „Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus.“

Damit stellt mir Johannes eine große Vision vor: Wer sagt, dass er in Gott bleibt, der soll leben, wie Jesus gelebt hat. Dabei geht es entscheidend um das Lebensziel, das Jesus hatte: Menschen hin zu lieben zum Vater und mit ihm in Verbindung zu bringen. Denn das ist das Große an der Botschaft des Johannes, ja des Evangeliums überhaupt: Jesus ist die Versöhnung für die Sünden der ganzen Welt

Autor/-in: Pfarrer i.R. Manfred Schultzki