19.10.2023 / Bibel heute
Kein Ansehen der Person in der Gemeinde
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Wer hin und wieder mal ins Kino geht, kennt diese Frage. Für ein paar Euro mehr bekommt man einen Platz mit besserer Aussicht auf die Leinwand und auch mehr Beinfreiheit. Bei vielen Veranstaltungen kann man bei der Buchung der Tickets aus verschiedenen Kategorien wählen. Die besten Karten können dann schnell mal mehr als das Doppelte der einfachsten Plätze kosten. Noch extremer wird es im Fußballstadion. Was darf es sein? Ein Stehplatz für 10 bis 20 Euro oder die VIP-Loge für einen fünfstelligen Betrag? Geld macht wie so oft im Leben eben den Unterschied.
Das war früher in Kirchen mitunter genauso. Da gab es so etwas wie den Vorläufer der heutigen VIP-Logen. Während die einfachen Menschen auf normalen Bänken saßen oder stehen mussten, hatten Adelige, reiche Bürger oder Amtsträger ihre eigenen Emporen. So saßen sie abgesondert von den restlichen Gottesdienstbesuchern. Manchmal konnte man diese Emporen im Winter sogar ein bisschen beheizen, was dann in der kalten Jahreszeit den Kirchenbesuch etwas angenehmer machte. Hier machte nicht nur Geld, sondern auch die Geburt und der soziale Status den Unterschied.
Für Gott sind alle Menschen gleich wichtig
Deshalb hat der Bibeltext, den wir eben gehört haben, nie seine Bedeutsamkeit verloren. Es geht darum, dass alle Menschen für Gott gleich wichtig sind, ungeachtet ihrer Herkunft oder ihres gesellschaftlichen Ranges. Jakobus stellt die Frage in den Raum, wie das wohl wäre, wenn da auf einmal zwei Männer in den Gottesdienst kämen. Der eine Mann trägt kostbare Kleidung mit wertvollem Schmuck, der andere Mann ist in schmutzige Lumpen gehüllt. Der Mann in der kostbaren Kleidung bekommt einen Ehrenplatz, während der Mann in den schmutzigen Lumpen in einer Ecke regelrecht abgestellt wird oder auf dem Boden sitzen muss. Jakobus findet deutliche Worte für so ein Verhalten. Ich bin versucht, dem einfach nur zuzustimmen, ohne weiter darüber nachzudenken. Warum auch? So eine Situation ist in meiner Gemeinde noch nicht vorgekommen. In meiner Gemeinde muss in der Regel niemand im Gottesdienst stehen, es gibt genügend Stühle, und die sind auch alle gleich. Es gibt keine Ehrenplätze. Was das angeht, machen wir keine Unterschiede. Aber ist das Thema für mich damit abgehakt?
Je mehr ich in den Text eintauche, desto mehr merke ich, dass ich nicht so schnell aus der Nummer herauskomme. Als Jakobus den Brief schrieb, waren viele Menschen in den Gemeinden nicht besonders wohlhabend. Es gab auch reiche Menschen, die sich dem neuen christlichen Glauben zuwandten, aber das kam nicht so häufig vor. Deshalb könnte ich es verstehen, dass man einem reichen Menschen besondere Aufmerksamkeit zukommen lässt. Was könnte man nicht auch alles für die Armen tun, wenn man einen großzügigen Spender in der Gemeinde hätte? Also bekommt der wohlhabende Mann die Aufmerksamkeit, die er von anderen Situationen gewohnt ist. Genauso kann ich es nachvollziehen, wenn jemand dem Armen etwas distanziert begegnete. Wenn er in Lumpen gekleidet war, roch seine Kleidung vielleicht auch nicht besonders gut. Solche Begegnungen können dann schon einmal herausfordernd werden.
Der Mensch macht den Unterschied
Ich spreche aus Erfahrung. Ich habe eine Zeit lang einem Obdachlosen geholfen. Das war nicht immer einfach. Ich merke, es ist schnell gesagt, dass man keine Unterschiede macht. Aber es ist nicht so einfach, das auch immer im Alltag zu leben. Wie so oft gehen Theorie und Praxis auseinander. Also stelle ich mir die entscheidende Frage: Wie ist das bei mir? Und wenn ich ehrlich bin, erkenne ich, dass ich auch Unterschiede mache. Ich behandle nicht alle Menschen gleich. Mir ist aufgefallen: Ich gebe den Menschen unterschiedlich viel Aufmerksamkeit. In einem gewissen Maße ist das ja normal. Es gibt zum Beispiel Menschen, mit denen ich mich besonders gut verstehe. Es gibt immer Gesprächsthemen, und es ist nie langweilig, wenn man zusammen ist. Und es gibt Menschen, da fällt es mir schwer, im Gespräch zu bleiben, weil es keine gemeinsamen Interessen gibt. Und so suche ich eher die Nähe der Menschen, wo der Kontakt leichtfällt. Darum geht es Jakobus aber nicht.
Natürlich dürfen wir den Menschen mehr Aufmerksamkeit schenken, mit denen wir auf einer Wellenlänge sind. Problematisch wird es, wenn man nur den Menschen Aufmerksamkeit schenkt, von denen man sich etwas erhofft. Wenn man sich also nur denen zuwendet, die Geld, Macht oder Einfluss haben. Und da muss ich zugeben, dass ich davon auch nicht ganz frei bin. Ich ertappe mich schon hin und wieder mal dabei, dass ich mich frage, wie nützlich eine Person für unsere Gemeindearbeit ist. Ich merke, dass das auch meine Aufmerksamkeit und Zuwendung zu den Menschen beeinflusst. Dabei soll christliche Gemeinschaft doch ein Zufluchtsort sein und kein Ort, wo es um Nützlichkeit geht!
Deshalb versucht Jakobus die Menschen wachzurütteln. In Jesus hat sich Gott allen Menschen barmherzig zugewandt, aber besonders den Armen, Schwachen und Unterdrückten.
Barmherzigkeit und Nächstenliebe
Allen Menschen, die keine Fürsprecher haben, ist Gott ein besonderer Beistand. Wenn Gott allen Menschen barmherzig begegnet, soll auch ich keine Unterschiede machen. Gott macht seine Zuwendung nicht davon abhängig, welches Ansehen ein Mensch genießt, ob er reich ist oder in irgendeiner Form nützlich sein könnte. Gottes Zuwendung ist Liebe ohne Hintergedanken. Für Jakobus ist das ein ganz wichtiger Gedanke. Das macht er daran deutlich, dass die Barmherzigkeit oder Nächstenliebe wesentlich für die Gebote Gottes ist. Und wer sich an alle Gebote hält, aber keine Barmherzigkeit lebt, keine Nächstenliebe praktiziert, der lebt an allen Geboten Gottes vorbei. Bei Barmherzigkeit und Nächstenliebe macht Arm oder Reich keinen Unterschied, auch nicht Jung oder Alt, Mann oder Frau, Einheimischer oder Ausländer, denn Gott macht auch keine Unterschiede.
Überlegen sie doch mal: Behandeln sie alle Menschen gleich, oder geht es ihnen wie mir? Gibt es da etwas, das ihr Handeln beeinflusst, sodass doch Unterschiede gemacht werden? Ich will mich immer wieder selbst überprüfen, damit ich keine Unterschiede mache, weil Gott es auch nicht tut.