01.04.2026 / Bibel heute

Jesus, wer bist du?

Da führten sie Jesus von Kaiphas vor das Prätorium; es war aber früh am Morgen. Und sie gingen nicht hinein in das Prätorium, damit sie nicht unrein würden, sondern das Passamahl essen könnten. Da kam Pilatus zu ihnen heraus und sprach: Was für eine Klage bringt ihr vor gegen diesen Menschen? Sie antworteten und sprachen zu ihm: Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten dir ihn nicht überantwortet.[...]

Johannes 18,28–40

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Verantwortung und Flucht vor der Entscheidung

Ein nahezu perfektes Spiel bietet uns dieser Bibeltext und eine Antwort, die zeigt, wie man sich in schwierigen Entscheidungen geschickt aus der Verantwortung zieht: nämlich gar nicht – man hält andere für zuständig.

Aber der Reihe nach: Nach einer Nacht im Kreuzverhör, in der man Jesus keine Schuld nachweisen konnte, wird Jesus zur Anklage zu Pilatus gebracht. Inzwischen war es längst Morgen geworden und Pilatus musste den Tag mit einer schweren, ja folgenschweren Entscheidung beginnen. Da stand er nun, Jesus, am Eingangstor vom Amtssitz des Pilatus. Vor ihm der Römer, hinter ihm anklagende Juden, die Jesus um jeden Preis loswerden wollten.

»Welche Anklage erhebt ihr gegen diesen Mann? Was hat er getan?« So fragte der erstaunte Pilatus. Mit dem Problem namens „Jesus" konnte er beim besten Willen nichts anfangen. Schließlich kannte er sich im römischen Gesetz besser aus als in der Streitsache und den Gesetzen der Juden. Und überhaupt: Was sollte ausgerechnet ER sich um eine Sache kümmern, die nur theoretisch in seinen Bereich fiel. Ganz richtig spürt Pilatus, dass es hier um einen Streit von Glaubensfragen geht, aber auch um die Frage der Verantwortung. Was wäre, wenn Pilatus jemanden verurteilt, ja sogar hinrichten lässt, aber es wäre überhaupt nicht notwendig, ja vielleicht sogar völlig falsch, ja schlichtweg ungerecht. Würde er nicht Schuld auf sich laden?

Und wie ein paralleler Bericht aus dem Matthäusevangelium schildert, war da noch die Sache mit der Frau von Pilatus, die offensichtlich von der Verhandlung und sich anbahnenden Verurteilung etwas mitbekommen hat und darum ihrem Mann von ihrem Traum aus der letzten Nacht berichten ließ. Wegen Jesus hatte sie mehr als schlecht geträumt und spürte, dass sich da großes Unrecht anbahnte. Niemand sollte und wollte hier Verantwortung übernehmen.

 

Das Opferlamm und die Schuld der Menschen

Von der Bedeutung der Verurteilung und sich anbahnenden Kreuzigung steht Jesus in Sachen Verantwortung genau auf der gänzlich anderen Seite. Ja, er übernimmt Verantwortung, besser gesagt: die Schuld. Die Schuld der Menschen. Hieß es nicht schon beim Propheten Jesaja, dass Gott alle Schuld der Menschheit auf ihn, auf Jesus, das Opferlamm, legte?! Und hatte dies nicht auch schon Johannes der Täufer vor der öffentlichen Wirkungszeit Jesu mit seinen Worten wiederholt: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt!" Das waren Worte, die sicher nicht nur im Garten Gethsemane schwer auf dem Leben Jesu lasteten.

Zurück zum Palast von Pilatus. Die Juden betreten sein Haus nicht, weil sie nach ihren Regeln sonst unrein würden und das Passahmahl nicht halten könnten. Rein wollten sie bleiben, die Juden vor dem Haus von Pilatus, sich keinesfalls als beschmutzt oder schuldig erweisen, keine Schuld auf sich laden. Sich schuldig machen? Sie doch nicht, schon gar nicht in der Verhandlungssache namens JESUS. Dabei waren sie doch zutiefst überzeugt, dass sie Pilatus jemanden brachten, der sich schwerstens am jüdischen Volk und ihrem Glauben versündigt hatte. »Wenn er kein Verbrecher wäre, hätten wir ihn nicht zu dir gebracht«, behaupteten sie steif und fest bei Pilatus. Aber so fest ihre Überzeugung diesbezüglich auch war, so fest entschlossen waren sie auch, in dieser Sache keinerlei Verantwortung zu tragen. Und dazu kommt ihnen das römische Gesetz, dass sie als Juden keinen hinrichten dürften, entgegen. Hätten sie einen Menschen im Ehebruch ertappt, hätten sie keinen Skrupel gehabt, die betreffende Person zu steinigen. Aber jetzt schien ihnen die Sache doch zu heikel. Ob sie vielleicht doch Zweifel hatten?

Im Vorherwissen Gottes erfüllen sich in diesen wenigen Stunden prophetische Worte des Alten Testaments und eine einzigartige Wende in der Weltgeschichte, wie es sich wohl niemand damals hätte vorstellen können. Hören Sie noch einmal hinein in das Geschehen im Amtssitz des Pilatus.

„Ich bin ein König" – Das Bekenntnis der Wahrheit
 

Es mag überraschen, wie offen Jesus bekennt: „Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge." Doch dann die alles in Zweifel ziehende Frage des Pilatus: „Was ist Wahrheit?" Damit versteckt er sich hinter der fehlenden letzten Gewissheit. Ob Pilatus auch so gedacht und gehandelt hätte, wenn er gewusst hätte, dass sein Name ständig fällt, wenn Christen ihr Glaubensbekenntnis sprechen: „Gelitten unter Pontius Pilatus." Oder sollte man nicht besser seinen Namen mit den nachfolgenden Worten verbinden: „Unter Pontius Pilatus gekreuzigt, gestorben und begraben."

Zeitpunkt und Historizität des Todes Jesu haben die ersten Christen bewusst mit diesen Worten festhalten wollen. Doch nicht ob und auch nicht was war, ist hier die entscheidende Frage, sondern die Frage nach dem Wer. „Was ist Wahrheit?" Das wäre an dieser Stelle sicher gleichbedeutend mit: „Wer, Jesus, bist du wirklich?"

 

Die entscheidende Frage – Jesus, wer bist du?

An dieser Frage, der sich keineswegs nur Pilatus stellen musste, wird sich jedermanns Glaube in guten wie in schweren Zeiten entscheiden. Diese Frage bzw. unsere Antwort zeigt dann, dass Jesus keine leeren Worte gemacht hat. Schließlich hinterließ er eine Bewegung, die sich später in christlichen Gemeinden und Kirchen als Segen für die ganze Menschheit erwies. Bei aller Fehlerhaftigkeit unter uns Menschen wird dies helfen zu sehen, um was es im Glauben wirklich geht, genauer: um wen. Nicht was Inhalt, Mitte und Halt unseres Lebens ist, wird entscheidend sein, sondern wer. Stellen Sie ruhig diese Frage im Gebet: Jesus, wer bist du, wer bist du für mich? Und seien Sie sich gewiss, dass Jesus selbst Zweiflern nicht ausweicht, wenn sie eine ehrliche Antwort nicht scheuen.

Autor/-in: Pastor Michael Maas