06.07.2026 / Bibel heute

HERR, lass ihn noch dies Jahr ...

So ließ Gott der HERR mich schauen: Und siehe, er schuf einen Schwarm Heuschrecken, als die Spätsaat aufging. – Die Spätsaat folgt auf die Mahd des Königs. – Als sie das Kraut im Lande abgefressen hatten, da sprach ich: Ach, Herr HERR, sei gnädig! Wie soll Jakob bestehen? Er ist ja so klein. Da reute es den HERRN. Der HERR sprach: Es soll nicht geschehen![...]

Amos 7,1–9

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Ein Landwirt als Bote Gottes

Amos ist ein exemplarischer Fall eines Propheten. Er beharrt darauf, dass Gott ihn berufen hat – von seinem angestammten Arbeitsplatz weg. Amos ist schlicht Landwirt. Aber der lebendige Gott selbst hat geredet, wie kann er dann schweigen?! Auf diese rhetorische Frage kann es nur eine Antwort geben: Gar nicht! Er muss reden, auch wenn er nicht will: „Der Löwe brüllt, wer sollte sich nicht fürchten? Der HERR redet, wer sollte nicht Prophet werden?“

Gott legt Seine Hand auf Amos. Mit Haut und Haaren, mit Leib und Seele bindet Gott ihn an sich. Amos ist wahrlich nicht zu beneiden. Er handelt sich mit seiner Botschaft jede Menge Scherereien ein. Er redet niemanden nach dem Munde. Er bringt keine „Schön-Wetter-Botschaften“, die nur den Ohren schmeicheln. Er sagt nur das, was er sagen muss – ohne etwas wegzulassen oder hinzuzufügen. Die Worte des Amos sind alles andere als lieblich oder harmlos! Sie tun weh. Sie schrecken auf. Sie decken Schuld und Unrecht auf, ohne Einschränkungen und vor allem ohne Ansehen der Person oder Rücksicht auf Stellung, Rang oder Titel. Ihr Anspruch gilt universal: In den ersten beiden Kapiteln bei Amos geht es um die Verfehlungen der Völker rings um Israel.

Stellen Sie sich mal die Botschaft von Amos vor der UNO vor … Es geht dann auch um Israel selbst, das „Volk des Eigentums“ (ab Kapitrel 3). Da verbietet sich jede Schadenfreude. Keiner kann mehr sagen: „Gottseidank – ich bin nicht so …!“ Und das Atemberaubende dabei: Israels Geschick in Gericht und Gnade steht stellvertretend für alle Welt (Kapitel 3, 2). An Israel soll jeder sehen, dass der lebendige Gott HERR über alles ist, dass Er das Weltgeschehen lenkt und leitet. Nicht blinder Zufall bestimmt unser Schicksal, sondern der Plan Gottes, wenn auch verborgen und für uns Menschen nicht logisch einsehbar oder verrechenbar.
 

Hohle Gottesdienste und der Zorn Gottes

Amos muss dem Volk Israel kompromisslos das Gericht Gottes für alle Verfehlungen ankündigen. Davon ist in den Kapiteln vorher so direkt die Rede, dass es wehtut. Der Hauptvorwurf Gottes lautet: „Eure Gottesdienste sind hohl, alles nur leeres Gerede. Eure frommen Bräuche sind erstunken und erlogen. Das passt hinten und vorne nicht. Glauben, Reden und Handeln stimmen nicht überein. Da klafft ein tiefer Abgrund.“ Das ist der entscheidende Grund für die Anklage Gottes: Gerechtigkeit meint in der Bibel Gottes Treue zu seinen Verheißungen, die unverbrüchlich und unwiderruflich gelten – ein für alle Mal. Dem entspricht aufseiten der Menschen ein Verhalten, wie es mit der Gemeinschaft zwischen Gott und seinem Volk übereinstimmt. Der Glaube an Ihn äußert sich im Gehorsam gegenüber Seinem Gebot, im Dreiklang: Hören – Gehören – Gehorchen. Aber dieser schlimme Bruch hier erregt den Zorn Gottes.

Ist doch klar, dass Amos heftig widersprochen wird. Die brutale Konsequenz für ihn: Der König fackelt nicht lange: „Ausweisung! Raus hier – hau ab!“

Ich halte inne und erschrecke. Das kommt mir bekannt vor. Wenn ich das mit meinem Alltag vergleiche und Gottes Maßstab da anlege, läuft es mir eiskalt den Rücken ’runter. Das treibt mir die Schamesröte ins Gesicht. Gottes Wort ist eben erschreckend aktuell, auch noch nach 2.700 Jahren… Und was, wenn der lebendige Gott das zu mir auch sagt: „Raus hier! Hau ab …!“ – Das wäre eine furchtbare Vorstellung! Nicht auszudenken …
 

Drei Visionen: Heuschrecken, Feuer und Bleilot

Mit Kapitel 7 beginnt ein neuer Abschnitt. Bisher empfing Amos das Wort des HERRN. Nun zeigt Er ihm in Bildern, was Er vorhat. Gott ringt leidenschaftlich um Sein abtrünniges Volk. Gleichzeitig kämpft Amos verzweifelt für seine Leute. Gott lässt keinen Zweifel aufkommen: „Das Maß ist voll. Mir reicht’s mit euch. Bis hierher und nicht weiter. Ihr habt von mir nichts Gutes mehr zu erwarten. Jetzt bleibt nur noch das Gericht!“ In zwei Visionen gewährt Gott dem Amos Einblick in das, was Er tun will: Heuschrecken werden kommen, die das Land kahlfressen und eine Hungersnot auslösen. Ein verzehrendes Feuer wird ausbrechen, das noch das vernichtet, was die Heuschrecken übrigließen.

Wie groß muss die Enttäuschung Gottes sein über Seine widerspenstigen Leute – so viel Liebe, und was ist der Dank dafür? Da bleibt dann unausweichlich wohl nur noch: „Wenn ihr nicht wollt, dann will ich auch nicht mehr!“ Aber – hier stockt mir der Atem. Amos hat kein Vergnügen daran, dass er das Gericht Gottes ankündigen muss. In dieser verzweifelten Lage tritt er für sein Volk in die Bresche. „HERR, verschone! Wer soll Jakob dann wieder aufhelfen? Er ist doch so jämmerlich und kraftlos!“ Wir erinnern uns: Jakob gehört in die Reihe der Erzväter, mit denen Gott seinen Bund geschlossen hatte: Abraham, Isaak und Jakob.

Aber warum wird gerade hier der Name Jakobs genannt? Nun, weil seine Geschichte voller Irrwege und Umwege ist. Er war der Betrüger, der seinen Bruder Esau übers Ohr gehauen hatte und dafür sein ganzes Leben lang auf der Flucht war. Und mit solchen Typen macht Gott Geschichte – kaum zu glauben … Es gibt wohl doch nichts Neues unter der Sonne.

Auch hier halte ich inne – und erschre>Jesu: „HERR, lass ihn noch dies Jahr… Hab Geduld. Lass Gnade vor Recht ergehen.“ Wie gut ist es zu wissen, dass es Menschen gibt, die in treuer unablässiger Fürbitte für uns eintreten! Das ist ein Zeichen von Liebe. Kennen und haben Sie auch solche Menschen, die für Sie im Gebet vor dem HERRN stehen? Dann sind Sie gut dran! Mag Gott auch schenken, dass wir selber solche Menschen sind, die treu für andere beten.

Gott haut nicht alles kurz und klein, wie im Affekt – zumindest noch nicht.

Im dritten Gesicht geht es um ein Bleilot. Das wird im Bauhandwerk gebraucht, um zu prüfen, ob eine Mauer gerade ist. Und jetzt gerinnt einem wirklich das Blut in den Adern: Gott legt seinen unbestechlichen Maßstab an – und siehe da: Alles ist krumm und schief. Das Maß ist voll. Das Gericht ist unausweichlich. Gott will nichts mehr übersehen an Schuld und Frevel. Da versagt auch Amos der Mut zur Fürbitte. Mit der Ankündigung des Gerichts Gottes endet dieser Abschnitt. Ziemlich hart und erschreckend…
 

Das letzte Wort gehört der Gnade

Ist nun auch die Geschichte Gottes mit seinem Volk und mit seinen Menschen überhaupt hier zu Ende? Das Gericht kommt unbedingt, und die Fürbitte bleibt aus. Dann wäre es auch aus mit uns … der reinste Horror! Nein, das kann nicht sein – niemals! Denn ich höre von Amos aus gesehen in ferner Zukunft den Ruf: „HERR, lass ihn noch dies Jahr…!“ Wir erinnern uns an die Gerechtigkeit Gottes – das ist: Er steht unbedingt zu seiner Gnadenwahl. Die vergisst er nie. Das Gericht fällt nicht aus. Es trägt nun ein anderer für mich: Jesus Christus.

Autor/-in: Joachim Opitz