05.06.2026 / Wort zum Tag

Halt auf freier Strecke

Harre des HERRN! Sei getrost und unverzagt und harre des HERRN!

Psalm 27,14

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Neulich ist es wieder mal passiert. Ich saß im ICE, ich war unterwegs von Berlin in meine Heimat im Südwesten. Wir waren schon mit einiger Verspätung losgefahren, und irgendwo zwischen Erfurt und Fulda blieb der Zug dann einfach auf freier Strecke stehen. Es gab lange keine Durchsage, und so standen wir da, schauten hinaus auf die Wiesenblumen am Waldrand, und wussten nicht, was los war. Irgendwann kam dann doch die Durchsage: die Weiterfahrt verzögert sich, denn die Lokführerin wartet darauf, dass die Zentrale ihr den aktualisierten Fahrplan schickt. Nun gut. Ich hatte in diesem Fall Glück, ich hatte keinen dringenden Termin, der wegen der Verspätung in Gefahr war. Ich hatte ein gutes Buch dabei. Und ich wusste, dass die Deutsche Bahn ihre Züge nicht ewig auf freier Strecke stehen lässt.

Nicht alle Zwischenfälle im Leben verlaufen so glimpflich. Manchmal ist die Ungewissheit sehr viel größer, die es auszuhalten gilt. Wenn ich nach einem Arztbesuch auf Ergebnisse warten muss. Weil er etwas gefunden hat, das erst mal untersucht werden muss. Oder wenn das Kind nicht zur verabredeten Zeit nach Hause gekommen ist. Oder wenn im Betrieb plötzlich der wichtigste Geschäftspartner aussteigt und unklar ist, wie es nun mit der Firma weitergeht. Da ist es nicht getan mit dem Satz: „Bitte haben Sie noch etwas Geduld.“ Da muss etwas Stärkeres her, das mir in diesem Moment Kraft gibt.

Der Text der heutigen Losung der Herrnhuter Brüdergemeine steht in Psalm 27, Vers 14. Dort steht: „Harre des HERRN! Sei getrost und unverzagt und harre des HERRN!“

Ich mag diese wunderbaren alten Wörter hier in der Luther-Übersetzung. „Harren“ ist so ein altes Wort. Es bedeutet Warten, Hoffen, Geduld haben. „Getrost“ sein: Trost zu finden in der Gewissheit, dass Gott ein gutes Ende im Sinn hat. „Unverzagt“ finde ich besonders schön: „Verzagt“ ist jemand, der die Hoffnung verliert, der nur noch schwarz sieht und aufgibt. „Unverzagt“ ist das Gegenteil davon. Aber wo nehme ich die Kraft her, nicht zu verzagen?

Der Psalmist David nennt den Grund dafür in dem Text, der diesem Vers vorangeht. Der Vers von heute ist der letzte Vers in einem Loblied auf Gott, in dem David Gott für die eigene Bewahrung dankt. Da schreibt er, in einer modernen Übersetzung: „Denn ich bin gewiss, dass ich am Leben bleiben und sehen werde, wie gütig der Herr ist.“

Meine Bahnfahrt wurde dann tatsächlich irgendwann fortgesetzt und ich bin an diesem Tag zwar später als gedacht, aber doch noch gut an meinem Ziel angekommen. Nämlich in meinem Elternhaus. So ähnlich ist es dann auch mit den größeren Wartezeiten, die mir das Leben aufdrückt: Am Ende komme ich sicher ans Ziel. Oft erreiche ich tatsächlich noch rechtzeitig meine Zwischenhalte im Leben. Die Diagnose fällt günstig aus. Das Kind hat bloß bei einem Kumpel übernachtet und vergessen, Bescheid zu sagen. Für die Firma wird rechtzeitig ein neuer Auftraggeber gefunden.

Aber es kann auch sein, dass der Zug des Lebens einmal direkt ohne Halt bis zur Endstation fährt. Die steht von vorneherein fest, und die wird auch sicher erreicht: nämlich das Vaterhaus. Dort wartet Gott schon, ganz getrost und unverzagt.

Autor/-in: Jutta Schierholz