21.10.2024 / Text-Beiträge
Grenzenlos
Wofür Abgrenzung wichtig ist.
Kinder brauchen Grenzen. Das höre ich sehr oft und ich stimme dem auch zu, aber ich muss zugeben, dass ich lange nicht genau wusste, was damit gemeint war.
Ich bin immer ein Fan von bindungs- und beziehungsorientierter Erziehung gewesen. Dass Grenzen dabei wichtig sind, habe ich gerne ausgeblendet. Die Grenzen der Kinder kann ich erkennen und respektiere sie auch sehr, doch was ich immer wieder überschreite, sind meine eigenen Grenzen. Ich habe seit einiger Zeit mit extremer Wut zu tun - und wofür ist die Wut zuständig? Abgrenzung!
Ich schlucke so viele Grenzüberschreitungen, bis die Wut scheinbar plötzlich losbricht. Dann frage ich mich, worauf ich wirklich wütend bin, und was dahintersteckt. Durch diese Reflexion erkenne ich, dass ich das große Bedürfnis habe, meine Grenzen zu schützen. Zugleich fürchte ich, dass ich mich dadurch von anderen abschneide.
Was bedeuten mir Grenzen?
Ich habe letztens im Rahmen eines Weiterbildungsseminars eine schöne Übung mitgemacht. Es ging um einen sicheren Ort. Wir sollten ihn visualisieren und einem Gegenüber beschreiben, während der oder diejenige Fragen dazu stellte. Mein Ort war wunderschön und ich wollte am liebsten für immer dort sein. Doch dann ging es um Grenzen, Abgrenzung und den Schutz nach außen und ich verkündete fast schon stolz, dass mein Ort keine Zäune und keine Mauern habe. Das fand ich auch eine ganze Weile toll, bis meine Mentorin ungefähr eine Woche später zu mir sagte: „Ich hab den Eindruck, du hasst Grenzen, weil du damit nur Negatives verbindest.“
Puh, das saß und das war so wahr.
Ich brauche Grenzen
Grenzen wahrnehmen und zu verteidigen ist für mich eine ständige Herausforderung.
Ich tendiere zu Extremen: Entweder bin ich sehr zurückgezogen und keiner weiß, wie es mir wirklich geht. Ich ziehe dann hohe Mauern um mein Herz. Oder ich öffne mich ganz weit und lasse ungefiltert alle wissen, was gerade bei mir los ist, auch wenn es mein Gegenüber vielleicht überfordert.
Als Kind habe ich persönliche Grenzüberschreitungen erlebt und war nicht imstande, meine Grenzen wirksam zu verteidigen. Gleichzeitig war es schwer für mich mitanzusehen, wie Menschen in meinem Umfeld aufgrund ihrer psychischen Erkrankungen sehr hohe und enge Grenzen zogen und diese immer wieder schnell erreichten.
Ich nahm mir früh vor, mehr auszuhalten, grenzenlos für andere da zu sein, alles zu schaffen, was ich mir vornehme, mit meinen Gaben und Talenten Menschen zu helfen und sogar zu retten. Das klingt für mich noch immer super und erstrebenswert, doch auch ich habe Grenzen und ich brauche sie auch.
Freiheit innerhalb von Grenzen
Zurzeit lerne ich, dass Grenzen nicht bedeuten, hohe Mauern um meinen „sicheren Ort“ zu ziehen und dabei völlig zu vereinsamen. Sondern ich kann auch erstmal ganz subtil eine Begrenzung andeuten, oder sogar durchsichtige Mauern und ein kunstvoll gestaltetes Tor, das ich öffnen aber auch schließen kann.
Nur innerhalb von Grenzen sind wir frei. Das ist auch, was mein Glaube für mich bedeutet. Ich darf frei sein, weil meine Grenzen durch Gottes Kraft stabil sind. Ich darf mich entspannen, denn für meine Sicherheit ist gesorgt. Wenn mein sicherer Ort ohne Abgrenzung ist, muss ich immer auf der Hut sein.
Ich glaube, das Leben wird friedlicher, wenn jeder seine Grenzen kennt und bewahrt. Dadurch dürfen wir lernen, was es bedeutet, wirklich sicher zu sein.
Dieser Text von Claire Gonzales wurde zuvor auf www.keineinsamerbaum.org veröffentlicht.