02.09.2026 / Wort zum Tag

Gottes paradoxe Erwählung

Was gering ist vor der Welt und was verachtet ist, das hat Gott erwählt, was nichts ist, damit er zunichtemache, was etwas ist.

1. Korinther 1,28

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Der Apostel Paulus hatte auf einer seiner Missionsreisen die Gemeinde in Korinth gegründet. Er hatte der Gemeinde das „Wort vom Kreuz“ verkündigt und damit der Gemeinde gesagt, dass wir Menschen vor Gott verlorene Sünder sind, die durch das Kreuz Christi gerettet werden müssen. Mit dieser Botschaft wird alle Weisheit, alles Denken der Menschen über sich selbst und über die Welt sozusagen durchkreuzt. Und dieses Wort vom Kreuz hat dann auch Konsequenzen für das Leben der Gemeinde. Die Gemeinde selbst und ihre Verkündiger müssen es wagen, im Gegensatz zum Wesen der Welt in der Schwachheit und Torheit zu leben, die sie an Gott selbst im Kreuz des Christus erkannt haben. Aber nun steht die Gemeinde in der Gefahr, weltlicher Weisheit zu erliegen und die im Kreuz Christi offenbarte Weisheit Gottes aus dem Blick zu verlieren.

Da lenkt Paulus den Blick der Korinther auf die Zusammensetzung der eigenen Gemeinde. Und da kann man feststellen: Den menschlichen Wünschen und Interessen entspricht die Zusammensetzung der Gemeinde in Korinth nicht. Wer gehörte nicht lieber einer großartigen und imponierenden Gemeinde an, in der man auf allerlei ansehnliche Leute hinweisen kann? Aber Gott hatte nicht viele Gebildete, nicht viele Mächtige, nicht viele Reiche, nicht viele vornehme und adlige Menschen in seine Gemeinde berufen. Die Glieder der Gemeinde in Korinth gehörten vor allem den sozial niedrigen Schichten an; sie waren vorwiegend Handwerker, kleine Händler und Sklaven. Gott hatte das, was die Welt für töricht, schwach und unedel hielt, für die Gemeinde erwählt. Damit hatte er die irdischen Größen und Kategorien der weltlichen Weisheit in ihrer Nichtigkeit und Wertlosigkeit für das Heil entlarvt.

So heißt es in dem Lehrtext der Herrnhuter Losungen für den heutigen Tag aus 1. Korinther 1,28: Was gering ist vor der Welt und was verachtet ist, das hat Gott erwählt, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist. Der Glaube an das Wort vom Kreuz ist der radikale Verzicht auf allen menschlichen Selbstruhm. Stattdessen geht es im Glauben um die Haltung des Hörens und des Empfangens. So verdanken eben auch die Christen in Korinth ihren Glauben nicht den eigenen Leistungen, sondern der Erwählung durch Gott. Als Glieder am Leib Christi sind Menschen, die nach weltlichen Maßstäben als Nichtse gelten, im Glauben mit Christus verbunden und dadurch Kinder Gottes und Erben des zukünftigen Gottesreiches.

Man kann immer wieder beobachten, wie in Jesus einfache Menschen, die in der Welt nichts bedeuten, im Glauben eine erstaunliche Weisheit besitzen und in ihrem Wissen von Gott die größten Denker der Menschheit überragen. Ich denke, das bedeutet auch für uns heute, dass wir die Weisheit der Welt mit all ihren Erkenntnissen kritisch betrachten sollten. Wir sollten sie jedenfalls nicht zum Grund unseres Selbstbewusstseins machen. Stattdessen können wir im Blick auf das Kreuz Christi die Weisheit und die Kraft Gottes erfahren - so wie Paulus es später als ein Wort von Gott sagen wird: „Er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Es bedeutet auch, dass nicht immer die rhetorisch brillantesten und wortgewaltigsten Prediger die vollmächtigsten sein müssen. Ich erinnere mich an eine junge Mitarbeiterin im Konfirmandenunterricht, die auf einer Freizeit ihre erste Andacht vor einer Gruppe gehalten hat. Sie erzählte ganz persönlich, wie sie durch einen „Sing and Pray“- Abend mit Liedern und stillen Gebeten zum Glauben gekommen war. Alle Konfirmanden hörten mucksmäuschenstill und wie gebannt zu. Obwohl die Mitarbeiterin vor Aufregung mit leiser Stimme sprach und sich eng an ihr Manuskript hielt, hat diese Andacht die Konfirmanden nachhaltig geprägt. Solche Erfahrungen können uns helfen darauf zu vertrauen, dass Gott auch unsere Schwachheit gebrauchen kann, um sein Wort wirkmächtig weiterzugeben.

Autor/-in: Pastor Rainer Gremmels