20.08.2026 / Bibel heute

Gehört, gesehen, betrachtet

Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens – und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist –, was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.[...]

1. Johannes 1,1–4

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Augenzeugenschaft und Ursprung der Botschaft

Im Bibeltext unserer Tageslese ziehen die Verben sofort meine Aufmerksamkeit auf sich. „Gehört, gesehen, betrachtet und betastet“, heißt es in Vers 1. In Vers 2: „Erschienen, gesehen, bezeugen und verkündigen.“ Und auch in Vers 3 und 4: „Gesehen, gehört, verkündigen und schreiben.“ Ich empfinde die Power, die Dynamik in der dichten Folge dieser Verben. Den Schreiber drängt es, von dem zu berichten, was er erlebt hat. Persönlich erlebt! Nicht über den Freund eines Freundes eines Freundes gehört. Nicht in gedanklichen Diskussionsrunden erörtert. Erlebte Tatsachen!

Auffällig ist weiterhin: Weder der Absender noch der Verfasser werden benannt. Ausleger verweisen in diesem Zusammenhang auf die in den einführenden Sätzen erkennbare Parallele zum Auftakt des Johannesevangeliums. Das „Was von Anfang an war … vom Wort des Lebens“ unseres Textes und das „Am Anfang war das Wort“ des Johannesevangeliums sind sich nicht nur sprachlich sehr ähnlich. Die Worte weisen auch inhaltlich in die gleiche Richtung. Zusammen mit Beobachtungen zum Wortschatz und der ausdrücklich aufgeführten Augenzeugenschaft kann ich wohl zu Recht von dem Jünger Johannes reden, der diesen Brief verfasst hat. Verfasst an einen Personenkreis, den er im späteren Verlauf öfter als „Kinder“ oder „meine Kinder“ anredet. Aufgrund dieser Beobachtung und der aufgegriffenen Themen nimmt man an, es sind Gemeinden, an die er sein Schreiben richtet. Gemeinden, die er auf das Wichtigste fokussieren möchte. Es bleibt nicht nur bei dem von Gott von Anfang an gesetzten „Wort des Lebens“. Sondern: „Das Leben selbst ist erschienen!“ „Wir sind Augen- und Ohrenzeugen!“, so Johannes. Bibelkundige haben die Parallele zu Joh. 1,14 vor Augen, wo es heißt: „Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“

Das Leben ist erschienen

Ich werde den Eindruck nicht los: Johannes ist beim Nachdenken über dieses Geschehen immer wieder von der gleichen Faszination ergriffen. Er will nichts lieber, als dass dieser Funke von ihm auf die Leser überspringt.

Haben Sie schon einmal durch ein Fernglas geschaut, dessen Fokussierung auf den Nahbereich eingestellt ist, Sie aber wollten in die Ferne schauen? Das, worauf es ankommt, was ich unbedingt sehen möchte, erscheint völlig verschwommen. Mehr noch, die Augen sind irritiert. Wenn Sie nicht die Entfernungsschärfe einstellen, werden Sie sehr schnell das Fernglas wieder absetzen. Mir scheint, Johannes geht es gleich zu Beginn seines Schreibens um eine vergleichbare Fokussierung. Er will das scharfstellen, worauf es im Leben ankommt. „Das Leben ist erschienen“, schreibt er in Vers 2. Das von Gott gesetzte Leben ist in unsere Welt getreten. Es ist nicht ein Etwas. Es ist ein Jemand: Jesus Christus, der Sohn Gottes, ist Mensch geworden. Er ist unser Lebensretter geworden. Das galt es damals und das gilt es heute zu „bezeugen und verkündigen“. Es gilt „ewig“, schreibt Johannes in Vers 2.

Die Fokussierung auf Jesus Christus

Gott hat diese Tatsache gesetzt. Von ihr her gilt es, unser Leben zu gestalten. Wenn das nicht mehr als persönliche Überzeugung im Fokus steht, wird Anderes oder werden Andere diesen Platz einnehmen. Im weiteren Verlauf des Briefes wird er näher darauf eingehen. Er wird von Rangeleien unter Glaubensgeschwistern schreiben, die sich bis zum – so Luther – Hass ausweiten. Er wird im weiteren Verlauf des Kapitels 2 auf die Gier nach Macht und Besitz und die Gefahr der Verführung durch Menschen hinweisen. All das sind auch für Christen mögliche Folgeerscheinungen, wenn die Fokussierung auf Jesus Christus abhandenkommt.

Verstehen Sie, warum es Johannes so wichtig ist, das von Gott dem Vater in seinem Sohn Jesus Christus personifizierte Leben in den Mittelpunkt zu stellen.

Unweigerlich stellt sich für uns die Frage: Würde ich auch von der Fokussierung meines Lebens auf Jesus Christus sprechen? Mehr noch: Lebe ich das? Oder dominieren in meinen Gedanken und meinem Handeln Geld, Ansehen und Karriere? Halte ich einen Moment inne und frage mich: Wie wichtig ist es Ihnen und mir, in den zwischenmenschlichen Differenzen Recht zu behalten? Oder kann ich, aus der Liebe zu Jesus Christus heraus, mal auf das abschließend korrigierende Wort verzichten und die Sicht meines Gegenübers stehen lassen?

Gemeinschaft und persönliche Nachfolge

Johannes ist die Fokussierung auf Jesus Christus als Gottes personifiziertes „Wort des Lebens“ ein Anliegen. Wo dies von anderen Christen und Gemeinden aufgenommen und gelebt wird, entsteht – so Vers 3 in unserem Bibeltext – eine „Gemeinschaft“. Eine Verbindung nicht nur zwischen Menschen, sondern auch eine Verbindung mit Gott dem Vater und seinem Sohn Jesus Christus. Johannes fordert mich indirekt damit auf, im Bewusstsein dieser Verbindungen das eigene Leben zu gestalten. Wo er sieht, dass ich das umsetzen darf – so möchte ich den abschließenden Vers unseres Bibeltextes zuspitzen –, ist es ihm eine rundum stimmige Freude.

Ich empfinde die Aussagen des Johannes als Aussagen eines reifen Christen. Eines Menschen, der darauf fokussiert ist, anderen Menschen Jesus Christus wichtig zu machen. Eines Menschen, der sich freut, wo das gelingt. Eines Menschen, der selbst bereit ist, seinen eigenen Namen als bedeutungslos erscheinen zu lassen, wenn nur Jesus Christus an Bedeutung gewinnt.

Ich bitte Gott, in die Art eines solchen Menschen hineinwachsen zu dürfen.

Autor/-in: Pastor Dr. Lothar Beaupain