02.11.2026 / Anstoß - Gedanken zum Tag

Geborgen im Gleichzeitigen

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;[...]

Prediger 3,1-8

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Ich liebe Gedichte. Sie beschenken mich mit Schönheit, mit einem Lächeln, mit Klugheit oder dem Gefühl umarmt zu werden. Deshalb freue ich mich, dass auch in der Bibel Poeten am Werk sind.

Der Prediger Salomo, zum Bespiel. Von ihm stammt ein Gedicht über das Leben in Gegensätzen: „Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit.“ (Prediger 3, 1-3). Die Aufzählung setzt sich noch länger fort. Alles im Leben hat also seine von Gott bestimmte Zeit. Ich habe dazu bei einer Autorin einen neuen Gedanken gelesen. Als ihr Vater starb, war sie traurig. Sie konnte aber auch lachen. In ihrem Leben ging etwas zu Ende und es begann gleichzeitig etwas Neues. Sie erlebte, dass scheinbar Gegensätzliches gleichzeitig sein kann. Es wechselt sich eben nicht alles ab. Sondern vieles ist gleichzeitig da: finden und verlieren, aufbewahren und wegwerfen, zerreißen und zusammennähen. Salomos Grundgedanke bleibt für die Autorin davon unangetastet: ihr Leben, wie auch immer es sich gerade begibt, ist in Gott geborgen und wird zeitlos geliebt.

Das ist am Ende das schönste Gedicht, das ich mir vorstellen kann. 

Autor/-in: Ute Heuser-Ludwig