12.05.2026 / Wort zum Tag

Gebet gefragt

Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.

Jakobus 5,16

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„Alles Beten hat nichts genützt“, sagte mir ein Mann. Erst kürzlich war sein Schwager verstorben, mit 48 Jahren nach einem schweren Krebsleiden.
„Wir haben so sehr gehofft und gebetet, dass er die Krankheit übersteht und wieder gesund wird, aber es hat alles nichts geholfen“, fuhr mein Gesprächspartner fort.

Waren die Gebete wirklich umsonst gewesen? Oder war nicht lange genug oder intensiv genug gebetet worden?

An dieses kurze Gespräch dachte ich, als ich über den Bibeltext aus dem Neuen Testament nachdachte, der für heute im Losungsbuch der Herrnhuter Brüdergemeine angegeben ist: „Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.“

Waren die Gebete für den krebskranken Mann nicht ernsthaft genug gewesen? Ich hatte schon den Eindruck, dass sehr ernsthaft, ja, inbrünstig, gebetet worden war. Nicht nur seine Familie, auch manche anderen hatten für diesen Mann gebetet, und sie hatten es sehr ernst gemeint.

Ich habe im griechischen Urtext nachgelesen. Das Wort, das Luther mit „ernstlich“ übersetzt hat, bedeutet wörtlich: „wirksam, wirkungsvoll“. Sehr treffend finde ich die Übersetzung dieses Satzes in der Neuen Genfer Übersetzung. Dort lese ich: „Das Gebet eines Menschen, der sich nach dem Willen Gottes richtet, ist wirkungsvoll und bringt viel zustande.“

Dieser Satz steht am Ende eines Abschnitts im Jakobusbrief, in dem es um das Gebet für Kranke in der Gemeinde geht. Jakobus ermutigt die Leser seines Briefes und auch Sie und mich, alle Anliegen, gerade auch die Bitte für kranke Menschen, im Gebet vor Gott zu bringen.

Wenn Jakobus von dem Gerechten spricht, der zu Gott betet, dann meint er nicht etwa einen selbstgerechten Zeitgenossen, sondern einen Menschen, der Gott recht gibt und alles von Gott erwartet. Ja, er darf voller Vertrauen zu Gott beten, alle Anliegen vor ihn bringen und gerade auch für kranke und belastete Mitmenschen beten, vielleicht gerade auch für Menschen, die selbst keine Kraft mehr haben zum Beten. Und ich rechne damit, dass Gott eingreift, dass er den Kranken, für den ich gebetet habe, heilt, dass es ihm besser geht.

Doch ich kann eine Besserung nicht erzwingen. Die Bitte aus dem Vaterunser: „Dein Wille geschehe“ begleitet mein Gebet. Ich weiß nicht, warum der eine gesund wird und der andere krank bleibt. Bete ich für einen kranken Menschen, bringe ich ihn vor Gott. Ich blicke von mir selbst weg zu Gott und traue ihm zu, dass er hilft, dass er eingreift.

Wenn ich für einen Menschen bete, dann werfe ich gewissermaßen die Sorge um meinen kranken Mitmenschen Gott vor die Füße. Ich traue darauf, dass er hilft. Das Gebet dessen, der vertrauensvoll betet, vermag viel. „Es vermag viel“, das bedeutet ja wohl: Es vermag nicht alles, oder?

So lese ich es jedenfalls bei Jakobus. Ja, ich traue Gott alles zu. Gott bleibt der souveräne Herr. Ich schreibe ihm nicht vor, wie er handeln soll. Und manchmal erlebe ich auch: „Mein Gebet wurde nicht so erhört, wie ich es mir gedacht und gewünscht habe. Es ist anders gekommen, als ich es erwartet habe.“

So erging es ja auch dem Mann, der für seinen krebskranken Schwager gebetet hat. Sein Schwager ist infolge seiner Erkrankung gestorben.

Ich habe mit diesem Mann kein weiteres Gespräch mehr geführt. Ich hoffe, dass er nicht aufgehört hat, sich mit seinen Anliegen an Gott zu wenden.

Autor/-in: Pastor Bernhard Berends