21.09.2026 / Bibel heute
Eine Schnur, die nicht reißt
Wiederum sah ich alle, die Unrecht leiden unter der Sonne, und siehe, da waren Tränen derer, die Unrecht litten und keinen Tröster hatten. Und die ihnen Gewalt antaten, waren so mächtig, dass sie keinen Tröster hatten. Da pries ich die Toten, die schon gestorben waren, mehr als die Lebendigen, die noch das Leben haben. Und besser daran als beide ist, wer noch nicht geboren ist und des Bösen nicht innewird, das unter der Sonne geschieht.[...]
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Gemeinsam durch den Traugottesdienst und die Bibellese
Da sitzen die beiden vor mir im Traugottesdienst – aufgeregt, glücklich und voller Freude über diesen wunderbaren Tag. Heute wollen sie sich vor Gott und den Menschen das Ja-Wort geben. Familie und Freunde sind dabei; viele freuen sich mit ihnen, die die beiden bis zu diesem Tag begleitet haben.
Wie gut, dass die beiden einander haben!
Immer wieder einmal werden in Traugottesdiensten Verse aus der heutigen Bibellese zitiert: „Es ist ja besser zu zweit als allein. Wenn zwei beieinander liegen, wärmen sie sich. Einer mag überwältigt werden, aber zwei können widerstehen, und eine dreifache Schnur reißt nicht leicht entzwei.“ Wie gut, dass wir nicht allein durchs Leben gehen müssen! Bei der dreifachen Schnur denken wir daran, dass Gott der dritte im Bund des Paares sein will. Auch wenn der Verfasser diesen Bezug vermutlich nicht vor Augen hatte.
Die wenigsten Paare werden die anderen Verse der Bibellese kennen. Die klingen ganz anders: „Da pries ich die Toten, die schon gestorben waren, mehr als die Lebendigen, die noch das Leben haben. Und besser daran als beide ist, wer noch nicht geboren ist.“ Was für ein Kontrastprogramm! Da ist jemand tief deprimiert. Hoffnung ist nicht in Sicht. Beim Blick auf die Welt zeigt sich nichts Helles.
Lebensfreude klingt anders. Menschen können so verzweifelt sein, dass das Leben für sie keinen Sinn mehr ergibt. Von Hiob und vom Propheten Jeremia sind ähnliche Aussagen bekannt. Wie passen die so gegensätzlichen Aussagen aus unserem Abschnitt zusammen?
Die schonungslose Diagnose des Predigers
Das Buch Prediger liefert eine schonungslose Analyse seiner Zeit. Vieles, wonach Menschen streben, ist „eitel“, wie Luther übersetzt hat, ein Windhauch. Es hat keinen Bestand. Reichtum kann das Gefühl der Sinnlosigkeit nicht vertreiben. Was hat man denn vom Leben, wenn das Leben nur Arbeit ist?! „Das letzte Hemd hat keine Taschen“, sagen wir zu Recht.
Der Verfasser des Buchs lebte in einer Zeit, in der die sozialen Gegensätze groß waren. Einige wenige profitierten von der Armut der vielen. Ihr Machthunger schien keine Grenzen zu kennen. Menschen mussten ihr Hab und Gut verkaufen, um ihre Schulden zu bezahlen. Wenn das nicht reichte, arbeiteten zunächst die Kinder als Sklaven für die Gläubiger. Später traf es dann die Eltern. Dazu kamen Neid und ein unbarmherziger Konkurrenzkampf.
Das alles kommt mir bekannt vor.
An vielen Orten unserer Welt ist genau das Realität. Eine schonungslose Diagnose. Der Prediger macht sich keine Illusionen. Der Blick auf die Welt, so wie sie ist, macht ihn deprimiert und raubt ihm die Hoffnung. – Verstehen kann ich Menschen, die heute angesichts der vielen Krisen wenig Hoffnung für unsere Erde haben. Wo soll das noch enden! Da ist es scheinbar besser, einfach die Augen vor dem Elend in der Welt zu verschließen.
Hoffnung trotz einer aus den Fugen geratenen Welt
Vor kurzem bin ich das erste Mal Großvater geworden. Es ist wunderbar und ein Geschenk Gottes, dieses neue Leben im Arm halten zu können. Ich vertraue darauf, dass Gottes Segen den Lebensweg meines Enkels begleiten wird. Und als Christ vertraue ich darauf, dass diese Welt immer noch Gottes Welt ist. Er hält die Geschicke der Welt nach wie vor in seiner Hand. „Es wird regiert – aber ganz von oben, vom Himmel her!“ Das hat der Theologe Karl Barth einmal gesagt. Damals brannte es in der Welt lichterloh. Gott regiert: Das ist mein Glaube und meine Hoffnung. Aber manchmal frage ich mich trotzdem beklommen, in welcher Welt mein Enkel einmal leben wird.
Christen malen sich die Welt nicht rosarot. Sie setzen keine Scheuklappen auf. Einen ehrlichen Blick für Ausbeutung und soziale Ungerechtigkeit zu haben, gehört zum Leben als Christ. Das ist keine Sache, auf die wir zur Not auch verzichten können. Aber Christen vertrauen darauf, dass es in der Welt die Wirklichkeit Gottes gibt. Gott gibt diese aus den Fugen geratene Welt nicht auf. Er ist da mit seinem Segen. Hier ist die Verbindung zwischen der ehrlichen Zeitanalyse und dem Lob der Gemeinschaft in unserem Bibelabschnitt: Gott beschenkt uns mit Beziehungen. Er stellt uns Menschen an die Seite. Wir müssen nicht allein das Leben bewältigen.
Gemeinschaft als Weg durch das Leben
Der Prediger verwendet hier Bilder einer Reise. Zu reisen war damals gefährlich. Auf den schlechten Straßen konnte man stürzen. Deshalb „Fällt einer von den beiden, so hilft ihm sein Gefährte auf!“ Gerade in der Wüste kann es nachts bitterkalt werden. Deshalb: „Wenn zwei beieinander liegen, wärmen sie sich.“ Von Räubern überfallen zu werden, war an der Tagesordnung. Deshalb: „Einer mag überwältigt werden, aber zwei können widerstehen.“
1.000 Jahre nach dem Prediger ermutigt der Apostel Paulus die Christen im Galaterbrief: „Ein jeder trage die Last des anderen!“ Die christliche Gemeinde kann ein Ort sein, wo Menschen sich unterstützen und tragen. Dazu gehört allerdings der Mut, andere um Hilfe zu bitten. Manchmal erfordert das Tragen des anderen auch, dass man aus der eigenen Komfortzone heraustritt und sich nicht mehr nur um sich selbst dreht.
Auch wenn diese Verse aus dem Buch Prediger häufig auf die Ehe bezogen werden – sie gelten auch für Menschen, die nicht in dieser engen Zweisamkeit leben. Alleinstehende können ebenfalls in einem Netzwerk von Beziehungen leben, das sie trägt. Die Gemeinschaft von Christen kann ein Ort sein, an dem Menschen in verschiedenen Lebenssituationen einander begegnen und sich gegenseitig unterstützen.
Es kommt darauf an, wie wir auf die Welt um uns herum sehen. Irgendwo habe ich den Satz gehört: „Der einzige Unterschied zwischen einem Zyniker und einem Heiligen ist Glaube.“ Ein Zyniker sieht die Welt so, wie sie ist. Aber er hat keine Hoffnung. Wem Gott Glauben schenkt, der sieht ebenfalls die Realität der Welt.
Aber er sieht sie mit den Augen des Vertrauens auf Gott. Vertrauen, dass Gott uns Hoffnung schenkt. Und dass er uns Kraft gibt, da zu helfen, wo wir es können.