03.10.2026 / Wort zum Tag
Eine Revolution der Herzen
Dies Volk naht mir mit seinem Munde und ehrt mich mit seinen Lippen, aber ihr Herz ist fern von mir.
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Heute feiern wir den Tag der deutschen Einheit. Am 3. Oktober 1990, also vor 36 Jahren, trat die Deutsche Demokratische Republik ganz offiziell der Bundesrepublik Deutschland bei. Die Wiedervereinigung von Ostdeutschland und Westdeutschland war vollzogen – nach 45 Jahren Trennung. Als knapp ein Jahr vorher am 9. November 1989 die Berliner Mauer fiel, war die Wende nicht mehr aufzuhalten. Die Zeit war damals reif für eine Revolution – aus verschiedenen Gründen, politischen wie wirtschaftlichen. Doch dass diese Revolution weitgehend friedlich blieb, war ein Wunder. Es war eine Revolution der Kerzen. In vielen Städten Ostdeutschlands, unter anderem und vor allem in Leipzig, hatten sich Menschen an jedem Montag in den Kirchen zum Gebet getroffen, um danach auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren. Anfang der 80-iger Jahre waren es nicht viele, doch es wurden immer mehr. Zuletzt waren es Hunderttausende. In den Kirchen wandten die Menschen sich an Gott und beteten. Und auf der Straße wandten sie sich an den diktatorischen Staat und seine Vertreter und skandierten: „Die Mauer muss weg!“ und „Wir sind das Volk!“ und immer wieder riefen sie: „Keine Gewalt! Keine Gewalt!“ In der einen Hand hielten sie eine Kerze, mit der anderen Hand schützten sie die Flamme. So war keine Hand frei für Steine. Bewaffnete Polizeieinheiten begleiteten die Demonstrationen, bereit, einen Aufstand zu unterbinden. Doch gegen die friedlichen Demonstranten waren sie machtlos. „Wir hatten alles geplant, wir waren auf alles vorbereitet, aber nicht auf Kerzen und Gebete!“ so wird es Horst Sindermann zugeschrieben, dem damaligen Präsidenten der Volkskammer.
An jedem 3. Oktober blicken wir zurück auf dieses Wunder – doch wen feiern wir? Sicherlich die vielen mutigen Menschen, die damals der Angst und den Drohungen und dem staatlichen Druck widerstanden. Mit Recht! Doch was ist mit dem Dank gegenüber Gott? Er hat die vielen Gebete erhört. Er hat unser Volk und unser Land beispiellos gesegnet. Wer feiert ihn? Wo sind die Beter der Revolution der Kerzen heute?
Nachdem die Wende vollzogen war, das Westgeld eingeführt und die Reisefreiheit gegeben, da war für Gott plötzlich kein Platz mehr und für Gebete keine Zeit.
Da wich die Anfangseuphorie einer zunehmenden Ernüchterung. Denn es stellte sich heraus, dass das Wunder der Wiedervereinigung nicht sofort blühende Landschaften mit sich brachte, sondern viel Arbeit und schmerzliche Veränderungen. Die Kirchen waren plötzlich wieder leer. Nur Wenige beteten weiter. Die Hoffnung auf eine geistliche Erweckung in ganz Deutschland erfüllte sich nicht.
Dabei hätte unser Volk eine Erweckung so nötig – auch 36 Jahre nach der Wiedervereinigung. Es gibt immer noch so viel Anlass, Gott zu suchen. Es gibt immer noch so viele Gründe, sich nach ihm auszurichten, nach seinem Willen zu fragen und auf sein Wort zu hören. Es gibt immer noch so viel von ihm zu erbitten. Und es gibt so viel, wofür wir ihm danken können. Aber es geht dabei nicht um Worte, nicht um Lippenbekenntnisse, nicht um Parolen, nicht um Religiosität, bei der das Herz unverändert bleibt. Es geht um eine tiefe Vertrauensbeziehung zu Gott, zu dem Gott, der Wunder tut – damals wie heute.
Er wünscht sich diese Vertrauensbeziehung zu jedem von uns. Er wünscht sich noch eine ganz andere Wende als die, die er wunderbar gewirkt hat vor 36 Jahren in unserem Land: Gott wünscht sich, dass seine Menschen sich ihm zuwenden – von ganzem Herzen. Er will nicht feststellen müssen, was als Bibelwort aus den Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine über diesem Tag steht:
„Dies Volk naht mir mit seinem Munde und ehrt mich mit seinen Lippen, aber ihr Herz ist fern von mir.“ Jesaja 29, 13