11.09.2026 / Bibel heute

Eine Antwort auf Unrecht

Dies ist die Last, die der Prophet Habakuk geschaut hat. HERR, wie lange soll ich schreien, und du willst nicht hören? Wie lange soll ich zu dir rufen: »Frevel!«, und du willst nicht helfen? Warum lässt du mich Bosheit sehen und siehst dem Jammer zu? Raub und Frevel sind vor mir; es geht Gewalt vor Recht.[...]

Habakuk 1,1–11

Ihr Browser unterstützt HTML5 Audio nicht!

Habakuks Zeit und Auftrag

Mit dem heutigen Bibeltext beginnt das Buch des Propheten Habakuk. Das Buch hat nur drei kleine Kapitel. Und diese sind in der Lutherbibel einheitlich mit den Worten überschrieben: „Gott bleibt gerecht“. Wenn ich das höre, dann finde ich das zunächst widersprüchlich. Denn Habakuk schreit nach Gott und fühlt sich nicht gehört. Er verzweifelt daran, dass er Böses sieht. Dass Gewalt vor Recht geht. Und dass verkehrte Urteile gesprochen werden. Das klingt überhaupt nicht nach Gerechtigkeit.

Worum geht es also im heutigen Text? Was bedeutet es, wenn Gott die Chaldäer erwecken will?

Was hat der Prophet Habakuk damit zu tun? Und was will mir heute ein solcher Text sagen, der aus dem 7. Jahrhundert vor Christus stammt?

Los geht es mit einer kleinen geschichtlichen Einführung in die Zeit von Habakuk. Sein Buch fällt in die Jahre, in denen die Chaldäer von ihrer Hauptstadt Babylon aus das babylonische Reich aufgebaut haben und dieses das assyrische Weltreich ablöst. Damals ist die Situation in Israel schwierig. Das Land ist geteilt in das Südreich Juda und das schon von Assyrien besiegte Nordreich Israel. Beide Teile haben sich mehr oder weniger an die Religionen ihrer verfeindeten Nachbarstaaten angepasst. Und in dieser Zeit des Abstiegs beruft Gott Habakuk zum Propheten.

In der Stellenausschreibung für das Prophetenamt stehen oft schwere Aufgaben. Gott achtet genau darauf, wem er seinen Willen zeigen möchte. Ein Prophet sieht, dass der Gott der Bibel nicht naiv ist, sondern dass dieser Gott ernsthaft will, dass Menschen zu ihm umkehren. Er sieht, dass Ungehorsam Folgen hat und dass Gott über Schuld nicht einfach hinweggeht. Gott will vergeben.

Und hier muss ein Prophet Klartext sprechen können. Er muss es ertragen, wenn seine Aufrufe nur selten Erfolg haben. Ja, ein Prophet sollte leidensfähig sein. Denn vielleicht kann er gerade dann besonders gut mit den Betroffenen mitleiden und für sie beten. Und dazu gehört auch, dass Propheten an die Grenze ihrer Kraft kommen. So geht es Habakuk, wenn er ruft: „Herr, wie lange soll ich schreien und du willst nicht hören? Wie lange soll ich zu dir rufen und du willst nicht helfen?“ Habakuk klagt darüber, dass Gott dem Unrecht zuschaut.

Habakuks Klage über das Unrecht

Und das ist das Thema im ersten Teil des heutigen Abschnitts: Warum straft Gott nicht die Bösen? Wie kann Gott das nur zulassen? Wieso? Weshalb? Warum? Habakuk ist ein Mann der Fragen. Und Gott hört ihm zu. Habakuk bringt das Unrecht so allgemein, dass sich viele Gesellschaften und Epochen darin finden können.

Und auch ich kann mich heute darin wiederfinden: Ich klage vielleicht über die soziale Ungerechtigkeit. Manche verzweifeln vielleicht daran, dass sie liebe Menschen verloren haben. Andere klagen darüber, wie sie um ihr Erbe gebracht wurden oder wie sie unter Mobbing leiden. Man kann leicht darüber verbittern, wie sich das Unrecht in das eigene Leben hineingeschlichen hat. Habakuk spricht vielleicht das damalige schlimme Leiden der Juden unter den Assyrern an. Aber als Prophet wendet er sich auch gegen das Unrecht in Gottes Volk, das sich von Gottes guten Ordnungen entfernt hat. Habakuk sieht, wie daraus Unheil und Bedrückung entstanden sind. Aber noch schlimmer ist für ihn, dass Gott zu allem irgendwie schweigt – bis Gott dann doch redet.

Die Antwort auf die Geschichte

Im zweiten Teil antwortet Gott und zeigt Habakuk, wie er Gerechtigkeit üben wird. Gott lässt Habakuk sehen, dass er den Assyrern und seinem eigenen Volk ihr Unrecht nicht durchgehen lässt. Gott spricht: „Ich will die Chaldäer erwecken“, d. h. er lässt das babylonische Reich stark werden und zu großer Macht kommen. Gott gibt die Assyrer in ihre Hand und er lässt es auch zu, dass die Chaldäer sein eigenes Volk besiegen. Und Gott geht noch weiter: Im letzten Vers ist schon ein bisschen angedeutet, dass auch die Chaldäer und ihr babylonisches Reich „dahinbrausen“ werden, d. h. auch sie werden wieder untergehen.

Gott setzt Könige ein und setzt Könige ab. Er sieht den Hochmut von menschlichen Herrschern voraus, die er für seine Pläne gebraucht. Ja, Gott gebraucht auch böse Menschen, um gute Ziele mit seinem Volk zu erreichen. Das ist wahre Souveränität! Wenn ich mir diese souveräne Antwort Gottes anschaue, dann ist Gott wirklich gerecht, auch wenn ich noch nicht alles überblicke. Und jetzt meine ich, dass die einheitliche Überschrift in der Lutherbibel für das Buch Habakuk sehr gut ist. Denn Gott entgeht kein Unrecht und er weiß genau, wie er sich darum kümmert. Er plant langfristig.

Vertrauen und der Umgang mit Unrecht

In einem letzten Schritt möchte ich Habakuks ganze Betroffenheit in die Gegenwart holen und fragen: Wie antworte ich – von der Bibel her – auf Unrecht, wenn ich selbst betroffen bin? Wenn ich wie Habakuk nur noch klagen will? Räche ich mich dann selbst? Oder vertraue ich darauf, dass Gott eingreift?

Habakuk hebt seine Klage auf eine grundsätzliche Ebene: Wer über Unrecht klagt, der sehnt sich nach Gerechtigkeit und damit letztlich nach Gott selbst. Und Gott hört genau zu. Er lenkt die Geschichte. Ohne seinen Willen geschieht nichts. Aber ich kann von Gott keine Rechenschaft fordern. Sondern er will, dass ich ihm vertraue, auch wenn ich ihn nicht verstehe. Gott arbeitet hinter den Kulissen. Er ist geduldig – auch mit den Feinden. Gott will, dass ich das Böse mit Gutem überwinde. Und das kostet mich viel Kraft: Wenn ich auf die rechte Wange geschlagen werde und dann auch noch die andere hinhalten soll.

Das ist an sich keine menschliche Leistung. Das ist erst im Glauben möglich. Habakuk sagt das später im 2. Kapitel, Vers 4 selbst: „Der Gerechte wird durch seinen Glauben leben.“

Im Neuen Testament zeigt mir Jesus einen Umgang mit Unrecht, der den Gegner vor die Entscheidung stellt, ob er so weitermachen will. Und das hilft dabei, Leid und Unrecht zu verarbeiten. Im Johannesevangelium, Kapitel 18, Vers 23, hat Jesus zurückgefragt, als ihm ins Gesicht geschlagen wurde: „Habe ich übel geredet, so beweise, dass es böse ist; habe ich aber recht geredet, was schlägst du mich?“

Das greift später auch der Apostel Paulus auf und gibt den guten Rat, dem Zorn Gottes Raum zu geben. Gott selbst sagt, dass die Rache sein ist. Und das bedeutet, dass Gott sich um das Unrecht kümmert. Das macht mich frei und ich bekomme einen kühlen Kopf. Bei meinen Feinden kann das übrigens ganz anders aussehen. Paulus hat das gewusst: „Wenn dein Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.“ (Sprüche 25,21 f.). Erfrischende Feindesliebe mit feurigen Kohlen in diesem Sinne: Das ist heute – von der Bibel her – eine mögliche Antwort auf Unrecht.

Autor/-in: Tim Philipp Holler