18.09.2026 / Wort zum Tag

Ein Königreich von Priestern

Ihr sollt einer mit dem andern reden: »Was hat der HERR geantwortet?«, und: »Was hat der HERR gesagt?«

Jeremia 23,35

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Gott duldet nicht, wenn Verantwortungsträger seines Volks ihrer von ihm gegebenen Aufgabe nicht nachkommen. Er sieht nicht tatenlos zu, wenn Politiker statt dem Wohl des Volkes ihren eigenen Vorteil suchen. Er lässt es nicht zu, wenn geistliche Führer ihre geistliche Verantwortung vernachlässigen. Gegen solches Fehlverhalten öffentlich zu reden, ist die unbequeme Aufgabe des Propheten Jeremia. Seine Botschaft: Gott sieht nicht länger tatenlos zu, wie sein Recht missachtet, sein Name geschändet, sein Volk irregeleitet wird.

Am Tempel tun in Israel viele Propheten Dienst. Meist werden sie Kultpropheten genannt. Ihre Aufgaben bestehen in Unterweisung und Seelsorge. Sie sollen den Menschen Orientierung und Rat aus Gottes Wort geben. Ihnen muss Jeremia Gottes Gerichtswort sagen: Ihr erzählt falsche Träume, verführt das Volk mit Lügen und losem Geschwätz. Gottes hilfreiches, heilsames Wort gebt ihr nicht weiter.

Weil aber Gott will, dass sein Wort gehört wird, redet der Herr zu den Gläubigen und ermächtigt sie, einander sein Wort zuzusprechen. „Ihr sollt einer mit dem andern reden: »Was hat der HERR geantwortet?«, und: »Was hat der HERR gesagt?«“

Jeremia sagt Revolutionäres: Weil die Propheten nicht ihrer gottgegebenen Aufgabe nachkommen, sollen die Menschen Gottes Wort und Weisung einander sagen. Wo bislang Mittler zwischen dem Volk und Gott stehen, stehen die Menschen nun unmittelbar vor Gott. Sie sollen einander Propheten sein, sich gegenseitig auf dem Weg des Glaubens begleiten, einander mahnen, trösten, orientieren.

Schon am Sinai wird dem Gottesvolk gesagt: „Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.“ In Enttäuschung und Ärger über die versagenden Funktionsträger lässt Gott jetzt durch Jeremia den Ernstfall ausrufen. Mit heutigen Worten und in unsre Gegebenheiten hinein gesagt: Werdet mündige Christen. Seid miteinander auf dem Weg des Glaubens unterwegs. Übernehmt füreinander geistliche Verantwortung. Studiert Gottes Wort. Befragt einander. Redet miteinander darüber, was Gott uns heute sagen will.

Dieses tief in Gottes Wort gegründete Verständnis von mündiger Gemeinde geben uns Jahrhunderte später die Reformatoren mit auf den Weg durch die Zeit. Und es ist immer noch hochaktuell. Wir Christen sind gefordert, mündig zu sein, Gottes Wort weiterzusagen und einander seelsorglich zu begleiten.

Gottes Wort soll wie zu Jeremias Zeit hörbar sein. Und wir alle sollen unser Teil dazu beitragen. Wir sollen einander hilfreiche Weggefährten auf dem Weg des Glaubens sein.

Nehmen wir es als Auftrag für heute: „Ihr sollt einer mit dem andern reden: »Was hat der HERR geantwortet?«, und: »Was hat der HERR gesagt?«“

Autor/-in: Dekan Harald Klingler