24.02.2026 / Bibel heute
Die zwölf Fluchworte
Und Mose gebot dem Volk an diesem Tage und sprach: Diese sollen stehen auf dem Berge Garizim, um das Volk zu segnen, wenn ihr über den Jordan gegangen seid: Simeon, Levi, Juda, Issachar, Josef und Benjamin. Und diese sollen stehen auf dem Berge Ebal, um zu verfluchen: Ruben, Gad, Asser, Sebulon, Dan und Naftali.[...]
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Als ich diesen Bibeltext gelesen habe, konnte ich mir die Szene regelrecht in meinem Kopfkino vorstellen. Beide Berge überschauen das Tal Sichem, im heutigen Westjordanland. Der Berg Garizim im Süden und der Berg Ebal im Norden. Beide sind etwa 900 Meter hoch und liegen von Gipfel zu Gipfel betrachtet etwa drei Kilometer auseinander.
Tatsächlich wird der Berg Ebal schon im vorherigen Abschnitt erwähnt. Mose hatte dem Volk Israel geboten, alle Gebote Gottes auf Denksteine zu schreiben und sie auf dem Berg Ebal aufzurichten. Die getünchten und dann beschrifteten Steine sollten Gottes Volk an seine Gebote erinnern. Offenbar brauchte das Volk steinharte Erinnerungen an das, was Gott seinem Volk geboten hatte, damit sie seine Gebote nicht vergessen.
Die Zeremonie auf den Bergen Garizim und Ebal
Neben dieser Zeremonie mit den Gedenksteinen gebot Mose eine weitere, weitaus dramatischere Zeremonie. Die Hälfte der Stämme Israels sollte nach der Überquerung des Jordans auf den Berg Garizim steigen – konkret die Stämme Simeon, Levi, Juda, Issachar, Josef und Benjamin. Ihr Auftrag war es, von dort das Volk zu segnen. Interessanterweise werden die Segenswünsche im Bibeltext nicht erwähnt.
Die andere Hälfte der Stämme Israels – konkret Ruben, Gad, Asser, Sebulon, Dan und Naftali – sollten den Berg Ebal besteigen, um zu verfluchen. Der Ablauf der Zeremonie war klar von Mose beschrieben: „Und die Leviten sollen anheben und zu allen Männern Israels mit lauter Stimme sagen: Verflucht sei…" (5. Mose 27,14-15a). Im weiteren Verlauf des Textes werden dann zwölf Vergehen bzw. Gesetzesübertretungen genannt, aufgrund derer diese Flüche ausgesprochen werden.
Die Leviten waren also das Sprachrohr Gottes in dieser einzigartigen Zeremonie. Und jeder der zwölf Flüche wurde von den Leviten mit den Worten eingeleitet: „Verflucht sei…"
Und auch die Antwort des Volkes auf jeden der zwölf Flüche war bereits festgelegt: „Und alles Volk soll sagen: Amen." Mit anderen Worten: Auf die Warnung der Leviten hin, diese Gebote nicht zu brechen, sollte das Volk zur Antwort geben: „Alles klar! Verstanden! Dieses Schlimme und Böse soll über uns kommen, sollten wir diese Gebote Gottes brechen."
Spannend fand ich beim Lesen des Textes, dass keine Inhalte dieser zwölf Flüche beschrieben werden. Es wird also nichts über die Substanz der Flüche geschrieben, … also wie sich die Flüche in der Konsequenz auswirken werden. Es wird aber mit aller Deutlichkeit beschrieben, welche Vergehen, … welche Gesetzesübertretungen einen Fluch zur Folge haben werden.
Konkrete Beschreibungen der Flüche – also was passieren wird, wenn … – folgen dann im 28. Kapitel des 5. Mosebuches.
Doch was sind überhaupt Flüche? Nach meinem Verständnis ist ein Fluch der entschlossene Wunsch, dass über denjenigen, der einen Bund oder einen Vertrag verletzt hat, etwas Schlimmes und Böses hereinbricht. Bezogen auf den heutigen Bibeltext werden im nächsten Kapitel konkrete und elementare Dinge beschrieben, die dem Gesetzesübertreter das Leben richtig schwer machen werden.
Tatsächlich wurden in Israel Flüche in verschiedenen Situationen ausgesprochen. Mit Flüchen versuchte man die Bedingungen eines Vertrags zu sichern, indem man den Fluch in Richtung dessen aussprach, der in der Zukunft den Vertrag brechen würde. „Wenn du dich nicht an den Vertrag hältst, wird das die Konsequenz sein!"
Die zwölf Flüche und ihre Vergehen
Der erste Fluch richtet sich gegen denjenigen, der sich Götzen macht, … der zweite gegen den, der Vater oder Mutter entehrt, … der dritte gegen den, der des Nächsten Grenze verrückt, … der vierte gegen den, der einen Blinden irreführt, … der fünfte gegen den, der das Recht des Fremden, der Waise und der Witwe beugt. Darauf folgen vier Flüche gegen diejenigen, die sich sexuell versündigen, … konkret:
- Wenn jemand mit der Frau seines Vaters Sex hat.
- Wenn jemand Sex mit einem Tier hat.
- Wenn jemand Sex mit seiner Schwester hat.
- Wenn jemand Sex mit seiner Schwiegermutter hat.
Darauf folgt der zehnte Fluch… und zwar gegen den, der seinen Nächsten heimlich erschlägt, … dann der elfte, gegen den, der unschuldiges Blut vergießt, … und schließlich der zwölfte, der wie eine Zusammenfassung zu lesen ist: „Verflucht sei, wer nicht alle Worte dieses Gesetzes erfüllt, dass er danach tue!" (5. Mose 27, 26).
Alle genannten Vergehen gegen Gebote Gottes, die in unserem Bibelabschnitt einen Fluch zur Folge haben, werden auch an anderen Stellen in den Fünf Büchern Mose korrigiert: nicht in einer einzigen Passage, aber an verschiedenen Stellen. Und so frage ich mich, warum bei dieser denkwürdigen Zeremonie auf den beiden Bergen Garizim und Ebal genau diese Vergehen Erwähnung finden.
Eine gute Antwort fand ich in der Auslegung von Jack Ford und Alex Deasley. In ihrem Kommentar zum 5. Mosebuch schreiben sie:
„Das Auffällige an dieser Sammlung von Übeln und dem, was ihnen allen gleich ist, ist die Heimlichkeit, in der diese Vergehen begangen werden." Weiter schreiben sie: „Solche Vergehen mögen zwar dem menschlichen Blick entgehen und sich der menschlichen Gerechtigkeit entziehen, aber sie würden sich nicht dem Blick und der Gerechtigkeit Gottes entziehen." (Beacon Bible Commentary, Vol. 1, S. 595).
Nichts bleibt vor Gott verborgen
In der ganzen uns beschriebenen Zeremonie nennt Mose ausdrücklich Sünden und Vergehen gegen Gottes Gebote, die in der Regel in aller Heimlichkeit begangen werden. Doch dann fordert er das Volk zu einem klaren Bekenntnis in aller Öffentlichkeit korrigiert: Wer diese Dinge tut, der sei verflucht! Bitte quittiert das mit einem deutlichen AMEN.
Ich lerne, was der Psalmbeter gleich am Anfang des 139. Psalms in aller Deutlichkeit klar macht: „Herr, du erforschest mich und kennest mich" (Psalm 139,1). Bei Gott gibt es keine Heimlichkeiten. Und wer sich nicht sicher ist, ob in seinem Inneren alles mit Gott im Reinen ist, der darf mit dem Psalmisten beten: „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich's meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf dem ewigen Wege" (Psalm 139, 23-24).