29.10.2026 / Bibel heute

Die vier Reiter

Und ich sah, dass das Lamm das erste der sieben Siegel auftat, und ich hörte eines der vier Wesen sagen wie mit einer Donnerstimme: Komm! Und ich sah, und siehe, ein weißes Pferd. Und der darauf saß, hatte einen Bogen, und ihm wurde eine Krone gegeben, und er zog aus sieghaft und um zu siegen. Und als es das zweite Siegel auftat, hörte ich das zweite Wesen sagen: Komm![...]

Offenbarung 6,1-8

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Ein starkes Bild und die Frage nach seiner Deutung

Im heutigen Text sieht Johannes die vier „apokalyptischen Reiter“. Immer wieder sind diese vier Reiter das Motiv in vielen Kunstwerken. In unserem Text sieht Johannes die Farben der einzelnen Pferde, die Ausrüstung der Reiter und das, was die Reiter jeweils tun. Jedes Mal beginnt dies damit, dass Jesus ein Siegel öffnet. Jesus ist dabei das Lamm, das geopfert ist und das trotzdem lebt und das ganze Geschehen im Griff hat. Und dann wird ein Reiter nach dem anderen aufgefordert, in Erscheinung zu treten.

Das alles ist ein starkes Bild. Und mit starken Bildern arbeitet gerade auch das Buch der Offenbarung. Es ist prophetische Literatur. Und wenn Gott sich in Bildern mitteilt, dann haben diese Bilder oft eine symbolische Bedeutung. Wie komme ich nun der richtigen Deutung der vier Reiter auf die Spur?
 

Der erste Schritt: Der prophetische Zusammenhang

Als erstes nehme ich den Zusammenhang in den Blick: Das Bild von den vier Reitern ist ein prophetischer Text. Die Propheten der Bibel haben oft eine schwere Aufgabe. Und Gott bereitet seine Leute auf die Aufgaben vor, die er für sie hat. So ist es auch hier. Das Bild von den vier Reitern umfasst acht kleine Verse. Aber fünf Kapitel lang dauert es, bis Johannes über dieses Bild berichtet. Zuerst wendet sich Jesus drei Kapitel lang in mehreren Sendschreiben an einzelne Gemeinden.  Er gibt den damaligen Gemeinden eine ehrliche Rückmeldung zu ihrem geistigen Zustand. Danach schenkt Jesus Johannes einen Blick in den Himmel. Gott hat so etwas im Alten Testament auch schon getan. Ich denke an den Propheten Hesekiel. Im ersten Kapitel seines Buches beschreibt er detailliert, wie der Thron Gottes aussieht und wie sich darum vier lebendige Gestalten versammeln. Und der Prophet Daniel schreibt im siebten Kapitel seines Buches, dass vor Gott Throne aufgestellt werden und viele Tausende Gott dienen. Er sieht, wie Gericht gehalten wird und wie Bücher aufgetan werden.

Das zeigt mir, dass Johannes jetzt nichts grundsätzlich Neues sieht. Jesus lässt ihn sehen, dass nur er – als geopfertes Lamm – die Schriftrolle mit den sieben Siegeln öffnen kann. Nur Jesus hat die Macht dazu, die Weltgeschichte Siegel für Siegel zu entfalten und Schritt für Schritt zu vollenden. Und das beginnt mit dem Bild von den vier Reitern. Genau dieses Bild ist auch schon im Alten Testament vorgezeichnet. Denn der Prophet Sacharja sieht im sechsten Kapitel seines Buches, wie vier Rosse vier Wagen ziehen und sich in alle vier Himmelsrichtungen ausbreiten. Wenn ich den heutigen Text mit alldem in Verbindung bringe, dann beschreiben die vier Reiter vielleicht symbolisch wiederkehrende Motive der Weltgeschichte: Kriege folgen auf Frieden. Der Friede ist nicht dauerhaft. Kriege führen zu Armut, Hunger, Ungerechtigkeit und Inflation.
 

Der zweite Schritt: Die einzelnen Reiter

In einem zweiten Schritt schaue ich mir die einzelnen Reiter genauer an. Zur Zeit von Johannes sind Reiter auf Rennpferden im Römischen Reich sehr beliebt. Und auch heute noch wirkt zum Beispiel die Quadriga auf dem Brandenburger Tor in Berlin sehr eindrucksvoll. Übertragen auf unseren Text hat Jesus die Zügel dieser Quadriga in seiner Hand. Er ruft zuerst einen Reiter auf einem weißen Pferd herbei. Im Alten Orient sind weiße Pferde Königen vorbehalten und das zeigt mir, dass der erste Reiter die drei anderen anführt.  

Der erste Reiter soll sieghaft ausreiten. Aber was ist das für ein Sieg, wenn ihm Krieg, Hunger und Tod folgen? Der zweite Reiter auf dem roten Pferd hat einen solchen Krieg im Schlepptau. Er hält ein Schwert in der Hand und die Farbe rot lässt erahnen, dass er Blut vergießen wird. Ihm folgt der Reiter auf dem schwarzen Pferd mit der Waage in der Hand. Das Bild der Waage kann bedeuten, dass Weizen und Gerste genau abgewogen und rationiert werden müssen. In Kriegszeiten ist es typisch, dass man Brot aus Weizen oder Gerste mit einem normalen Monatsgehalt nicht mehr bezahlen kann. Aber Luxusgüter – wie es damals Öl und Wein sind – bleiben für die Gewinner von Krisen oft weiterhin verfügbar.  

Das wäre eine ironische Verdrehung dieser schlimmen Situation. Eine andere Deutung ist, dass Wein und Öl früher Erzeugnisse für medizinische Zwecke sind. Eine weiterhin funktionierende medizinische Versorgung kann dann Hungersnöte abmildern. Letztlich führt aber der vierte Reiter auf dem fahlen Pferd viele Menschen doch noch in den Tod. Und der fahle Farbton soll vielleicht gerade an das Aussehen von Leichen erinnern. Der Text sagt ja, dass diesen vier Reitern Macht gegeben wird, ein Viertel der Erde zu töten mit Schwert und Hunger, mit Pest und durch wilde Tiere.

Dieses Bild der vier Reiter ernüchtert mich. Und das will Jesus auch: „Seid nüchtern und wachsam!“ Das schreibt der Apostel Petrus in seinem 1. Brief, (1. Petrus 5,8). Jesus will mich zu einem reifen und wachen Glauben bringen, der die Dinge prüfen kann und der sich nicht täuschen lässt.
 

Der dritte Schritt: Spiegel, Gnade und Gericht

Und daher frage ich in einem dritten Schritt, wie das alles sein kann. Ich denke doch, dass Jesus für die Liebe in der Welt steht. Dass er vergeben will. Dass er barmherzig ist. Wie kann dann aus seiner Gnade und Güte eine Zeit hervorgehen, die so sehr von Schmerz und Leid und Unheil geprägt ist? Ich will mir aber auch einen Spiegel vorhalten: Bin ich mit meiner Schuld vertrauensvoll zu Jesus gekommen? Habe ich seine Vergebung für meine Fehler in Anspruch genommen? Gestaltet mich seine Barmherzigkeit zu dem Menschen, den er aus mir machen will? Oder verschließe ich mich ihm? Versperre ich mich einer unangenehmen Wahrheit, die Gott doch schon längst kennt? Wähle ich Selbstbetrug? Und wenn es so ist: Wie soll Gott darauf reagieren? Seine Liebe und Wahrheit bringen alles ans Licht: Bin ich von ihm erlöst oder nicht? Jesus nimmt meine Entscheidungen sehr ernst. Er geht mir mit Liebe nach. Aber wenn ich mich seiner Gnade nicht öffnen will, dann respektiert Jesus das. Gnade und Gericht sind für ihn kein Widerspruch.

Autor/-in: Tim Philipp Holler