11.03.2024 / Bibel heute

Die Frage nach dem höchsten Gebot

Und es trat zu ihm einer der Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen? Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt* und mit all deiner Kraft«[...]

Markus 12,28–34

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Es gibt ein Sprichwort: „Reden ist Silber. Schweigen ist Gold.“

Der Schweizer Alfred Selacher hat dieses Sprichwort abgewandelt: „Reden ist Silber. Fragen ist Gold.“

Wenn ich frage, eröffnen sich mir neue Perspektiven. Wenn ich frage, bekomme ich eine neue Sichtweise. Fragen helfen, das Wesentliche zu erkennen. Das gilt für meinen Alltag und das gilt für meine Beziehung zu Gott. Und je besser meine Fragen sind, desto mehr Antworten bekomme ich.

Ein jüdisches Sprichwort sagt: "Die besten Fragen haben mehr als eine Antwort.“ Mit diesem Sprichwort bin ich mitten in unserem Text:

Ein Schriftgelehrter wird Zeuge einer Auseinandersetzung der Sadduzäer mit Jesus. Sie sind überzeugt, dass es keine Auferstehung der Toten gibt. Geschickt fordern die Sadduzäer Jesus mit einer erfundenen Geschichte heraus. Doch Jesu Antwort lässt sie verstummen. Denn die Geschichte entspricht nicht der Lebenswirklichkeit, weil die Sadduzäer den Sinn der Schrift und die Macht Gottes nicht kennen.

In der Schrift steht, was mit den Toten geschieht. In der Schrift ist zu lesen: “Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden.” Das beeindruckt den Schriftgelehrten zutiefst. Er hört zu. Er nimmt wahr, wie Jesus das Streitgespräch führt und wie gut, aufrichtig und zufriedenstellend Jesus geantwortet hat.

Deshalb geht er auf Jesus zu und stellt ihm seine Frage:

“Welches ist das höchste Gebot unter allen Geboten?”

Eine gute Frage, auf die Jesus mehrere Antworten gibt. Wenn der Schriftgelehrte diese Frage stellt, dann ist es interessant zu wissen, dass es zu seiner Zeit im Judentum etwa 613 Gebote gab. Welches davon ist das Wichtigste? Nach welchem soll er leben? Woran kann er sich orientieren, ohne sich zu verirren?

Jesus beantwortet seine Frage mit dem Grundgebet und Fundament des jüdischen Glaubensbekenntnisses: Das höchste Gebot ist: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein.“ Das wusste der Schriftgelehrte. Zweimal am Tag betete er es nach jüdischem Brauch. Zweimal am Tag schwieg er. Zweimal am Tag erinnerte er sich daran. Zweimal am Tag wurde er in all seiner Geschäftigkeit dazu aufgefordert, zu hören, dass der Herr, der Gott Israels, der Herr allein ist. Zweimal am Tag hat er es bekannt.

Gott ist der eine Gott, der einzige Gott, der Herr allein. Es gibt keinen Gott neben ihm.

Die Basis Bibel bringt es auf den Punkt: „Begreift es endlich: Ich bin Gott, ich allein! Es gibt keinen anderen Gott außer mir. Ich töte und mache lebendig, ich verletze und heile. Keiner kann einen andern aus meiner Hand befreien (5. Mose, Kapitel 32,39). “

Gott ist einzigartig. Das ist das Wesen Gottes und darin ist seine Autorität begründet.

Jesus gibt dem Schriftgelehrten eine zweite fortführende Antwort auf die Frage, was es bedeutet, dass Gott allein Gott ist: „Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft“. Gott will, dass der Schriftgelehrte Gott liebt. Mit seinem ganzen Herzen: mit seinen Gedanken, seinem Willen, seinen Gefühlen, seinem Empfinden für Recht und Unrecht. Mit seiner ganzen Seele: Mit seinen leiblichen Sinnen und Fähigkeiten. Mit seinem Verstand. Mit seinen ihm gegebenen körperlichen Eigenschaften. Mit seiner ganzen Kraft.

Ganz. Nicht mit gespaltenem Herzen. Nicht einmal an Gott denken und dann wieder nicht. Nicht mal heute Gottes Willen tun und morgen nicht. Nicht mal voller Lebensfreude und dann mit kaltem Herzen. Nicht mal mit einer Gabe, die besonders leichtfällt, sondern mit allen. Nicht mal am Sabbat mit ganzer Kraft und die Woche über dahingedümpelt. Ganz. Mit ganzem Herzen.

Und Jesus gibt dem Schriftgelehrten eine dritte fortführende Antwort, was es heißt, dass Gott allein Gott ist: „Das andere ist diese: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« Es gibt kein größeres Gebot als dieses.“

Gott gibt dem Schriftgelehrten die Aufgabe, seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst.

Seinen Nächsten: Damit ist die Person gemeint, die in seiner Nähe wohnt oder sich dort aufhält. Ihr soll er sich zuwenden. Wohlwollend in der Begegnung. Im Zuhören. Im Sprechen. Im Schweigen. In der praktischen Hilfe.

Im Miteinander: Liebe deinen Nächsten und zeige deine Treue. Pflege eine starke und dauerhafte Beziehung. Vertraue ihm. Unterstütze ihn in guten wie in schlechten Zeiten. Fühle dich ihm verpflichtet. Sei verlässlich. Lebe vertrauenswürdig. Sei ehrlich und offen. Sei verständnisvoll und einfühlsam, indem du versuchst, seine Perspektive zu verstehen. Zeige Mitgefühl für seine Gefühle und Erfahrungen.

Diese vielschichtige Liebe ist nicht nur für seinen Nächsten angesagt, sondern auch für seine Beziehungen zu sich selbst. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Aus der Liebe zu Gott wächst die Liebe zum Nächsten. Aus der Liebe zu Gott wächst die Liebe zu mir selbst. Aus der Liebe zu Gott folgt eine verantwortliche Selbstfürsorge.

“Welches ist das höchste Gebot unter allen Geboten?”

Jesus beantwortet die Frage des Schriftgelehrten mit mehreren fortführenden Antworten: Es gibt kein größeres Gebot als dieses. Und Jesus unterstreicht damit, dass dieses Gebot die größte und wichtigste Bedeutung hat. Alles andere ist diesem Gebot untergeordnet. Alles andere erklärt, wie dieses Gebot zu leben ist.

Der Schriftgelehrte bestätigt Jesu Antwort. Zugleich aber weist er Jesus darauf hin, dass es darum geht, Gott mit dem Verstand zu lieben und zu handeln und fasst die Antwort Jesu auf seine Weise zusammen: Er vergleicht das größte Gebot mit dem Gebot der Brand- und Schlachtopfer. Die haben nicht diese Bedeutung, wie allgemein gemeint. Es ist für Gott wichtiger auf ihn zu hören, ihn zu lieben und den Nächsten von ganzem Herzen wie sich selbst.

Wie endet die Begegnung zwischen dem Schriftgelehrten und Jesus? Jesus lobt ihn, lobt ihn für seine Erkenntnis und Einsicht. Er signalisiert ihm: „Du bist nahe dran, mein Jünger zu werden!”

Welche Frage stelle ich mir heute?

Bei mir ist es manchmal so, dass ich, wenn ich eine Frage stelle, mir meine Antworten schon vorher gegeben habe. Aber das möchte ich von dieser Geschichte lernen: Wenn ich Jesus eine Frage stelle, kann es sein, dass Jesus Christus mir nicht nur eine, sondern mehrere fortführende Antworten auf meine Frage gibt. Ich möchte sie hören. Ich möchte offen dafür sein. Und ich bin ermutigt, Jesus zu fragen: Wie sieht die Umsetzung dieses größten Gebotes in meinem Leben aus?

Autor/-in: Klaus Knödler