12.10.2023 / Bibel heute

Die Frage nach dem höchsten Gebot

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Fragen gehören zum Leben. Jede Antwort hat – neben der Tonart und diversen Zwischentönen - unterschiedliche inhaltliche Komponenten. Der, der spricht, sagt etwas über sich selbst und seine innere Haltung aus. Sachliche Aspekte spielen eine Rolle, ebenso vielleicht Aufforderungen und auch die Beziehung zwischen dem Fragenden und dem, der Auskunft gibt. Deutlich wird dies z. B. in dem biblisch gestützten Gebet: „Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach. Aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund!“ Ich kann heraushören: „Was gibt der Sprecher von sich preis? Was soll Jesus tun? Worum geht es faktisch? Wie sieht der Redende seine Beziehung zu Jesus?“

Dieselben Fragen kann ich auch auf das Matthäusevangelium, Kapitel 22 anwenden. Denksport mit Jesus könnte nicht anregender sein: Jesus stellt Fragen. Er folgt seiner ganz persönlichen und göttlichen Logik. Wenn, … dann … - wie kann das sein? Wie geht das? Jesus baut Brücken zwischen Himmel und Erde. Aber wie kann der, der zur Rechten Gottes sitzt, gleichzeitig Davids Sohn sein? Gott und Mensch zugleich? Schon bald dämmert es den Pharisäern: ihre hochgeschätzte Erkenntnis versagt hier.

Das alles zu verstehen, ist nicht so einfach. Es zu glauben für manch einen auch nicht. Und doch ist Gottes Sohn Mensch geworden, um uns den Zugang zum Vater freizumachen. Jesus hat seine Jünger viele Dinge gelehrt, Glauben gefördert und innere Einstellungen verändern geholfen, als sie Tag für Tag mit ihm unterwegs waren. Auf Platz 1 steht für ihn allezeit und ewig Gott als sein Vater. Selbst am Kreuz hat er noch für die, die ihn gepeinigt haben, gebetet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Dem Schwerverbrecher am Kreuz neben ihm, der Buße getan hat, hat er zugesagt: „Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein!“

Wäre es nicht schön, wenn das alles auch Ihnen gelten würde? Ihnen ganz persönlich? Evangelium heißt übersetzt: „Die gute Nachricht“. Eine sehr gute Nachricht an dieser Stelle ist: Was Jesus gesagt hat, gilt jedem Menschen. Es ist die Entscheidung jedes Einzelnen, ihm zu folgen und seine Verheißungen persönlich in Anspruch zu nehmen.

In einem Schunkellied, das oft von alkoholisierten Großgruppen gesungen wird, heißt es: „Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel, weil wir so brav sind.“ Jesus hat etwas anderes gesagt: „Niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ Es geht um Glauben an ihn, darum, ihm zu vertrauen, und nicht nur, brav zu sein und gute Werke tun. Ein Nachfolger Jesu zu sein, geht weit über Werkgerechtigkeit hinaus. Es ändert unsere Identität, wenn Heiligung – so unmodern der Begriff vielleicht klingen mag – auch ein Prozess ist. „Wer bin ich in Christus?“, ist eine Frage, mit der ich mich beschäftigen will. Sie setzt voraus, dass ich erkenne und anerkenne, dass Jesus nicht nur Menschensohn, sondern vor allem Gottessohn ist und selbst Teil der Dreieinigkeit. Alle drei – Vater, Sohn und Heiliger Geist - sind sich einig und miteinander vereint.

Gott an erste Stelle zu setzen, hat Jesus als Antwort auf die Frage nach dem höchsten Gebot genannt. Aus der Liebe Gottes heraus, die so groß ist, dass er sogar seinen einzigen Sohn für uns geopfert hat, damit wir ewig leben können, resultiert dann – hoffentlich – die Liebe zu unserem Nächsten – egal ob er uns sympathisch ist, nach Schweiß riecht, arm oder reich ist. Nächstenliebe hat viel mit Entscheidung zu tun: mit welcher Haltung will und werde ich jemandem begegnen? Schaue ich von oben auf ihn herab oder sehe ich ihn quasi mit Jesu liebevollen Augen?

Als Krankenschwester – das ist mein Erstberuf – habe ich mit vielen Patienten gearbeitet. Plötzlich ist da ein völlig fremder Mensch, um den ich mich kümmern soll. Krankenbeobachtung findet mit allen Sinnen statt – stets neu, oft lebenswichtig, keineswegs immer ästhetisch und nett. Unabhängig von dem, was ich wahrnehme, entscheide ich mich dafür, für jemanden da zu sein und mein Bestes zu geben, um ihn in seiner Notlage zu unterstützen, Schaden von ihm abzuwenden und Leiden zu lindern. Oft erlebe ich, wie Gesundheit sich entwickelt. Einige Menschen durfte ich in ihren letzten Stunden hier auf Erden begleiten - es ihnen und ihren Angehörigen, wenn es welche gab, ein Stück weit erleichtern, Abschied zu nehmen. Manchmal bleiben nach einem Unfall oder einer schweren Erkrankung Einschränkungen zurück, mit denen jemand erst leben lernen muss. Die Frage: „Was kann er alles nicht oder nicht mehr?“, kann Leid dauerhaft vergrößern und eine Depression entwickeln. Wenn ich umgekehrt schaue: „Was kann er wie mit seinen Möglichkeiten hinbekommen?“, können betroffene Menschen und ich Geist geleitet Lösungen für manche Probleme entdecken. Jesus schaut nicht auf das Minus - unsere Sünde, unsere Unvollkommenheit (selbst der größte Perfektionist ist keineswegs perfekt) und unsere Begrenzungen. Er hilft uns aufzustehen. Seine Liebe führt in neue Freiheit. Wer wir sind und was wir können, ist unerheblich. Seine Liebe zählt und bewirkt viel mehr. Er liebt uns, obwohl er uns kennt.

Gott wünscht sich, dass wir diese Liebe erwidern – mit all unserer Kraft und von ganzem Herzen. Gleich an zweiter Stelle sollen wir unseren Nächsten lieben wie uns selbst. Manche fallen dabei links vom Pferd herunter und erheben sich über andere, sind sich selbst die Nächsten. Hauptsache ich! Andere fallen zur anderen Seite und opfern sich stärker für ihre Mitmenschen auf, als sie es eigentlich vertragen. Ich kann aber nur das geben, was ich habe. Aus dem Mangel heraus zu leben, beschädigt auf Dauer. Es ist das Gegenteil von überfließendem Leben, das Jesus verheißen hat, und um das er gebeten werden möchte.

Er selbst gibt gern großzügig, lässt mich teilhaben, wenn ich ihm vertraue, sogar am ewigen Leben. Jeder neue Tag bietet die Gelegenheit, mich für ihn zu entscheiden, ein „Jesus-Follower“ zu werden. Sind Sie dabei? Ich wünsche Ihnen Weisheit vom Himmel her, in allen anstehenden Fragen, und Gottes Segen.

Autor/-in: Claudia Volkmann