23.08.2023 / Bibel heute

Der Gottesknecht

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Wie an jedem Dienstag treffen sie sich nach der 6. Unterrichtsstunde im Geographiezimmer. Sie gehören zum Team des Evangelischen Gymnasiums. Heute sind sie zu dritt: Mirjam, die Sekretärin, Friedemann, Lehrer für Deutsch und Geschichte, und Ronny, zweiter Hausmeister. Sie lesen gemeinsam einen Abschnitt aus der Bibel und beten miteinander.

Heute bedenken sie Verse aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 12.

„Krass,“ beginnt Ronny nach der Zeit der Stille den Austausch. „Jesus geht weg. So kommt mir das auch manchmal vor. Er merkt den Hass, und da ist für ihn kein Platz mehr. Bevor ich zu euch kam, wusste ich nicht, wohin mit meinem Frust. Ich war voller Wut auf alles und jeden. Mit Gott und Jesus hatte ich nichts am Hut.“

„Hast du Jesus gehasst?,“ fragt Mirjam zurück.

„Nein, den gab’s für mich nicht. Ich denke halt, das ist wie bei einem Magneten: Wo Hass ist, wird Jesus abgestoßen.“

„Hm.“ Mirjam denkt nach. „Zuletzt hat sich Jesus dem Hass ausgesetzt. Es hat ihn das Leben gekostet. Aber dabei hat er das dunkle Kraftfeld … neutralisiert? Kann man das so sagen? Es gibt aber auch hier im Text Leute, die folgen ihm einfach. Und die hat er alle geheilt.“

„Wie klingt das für dich?,“ fragt Friedemann. „Dich hat er ja nicht geheilt.“

Mirjam sitzt im Rollstuhl. Sie leidet an Multipler Sklerose, und die Krankheit schreitet fort.

„Klar, das macht mir zu schaffen,“ antwortet sie. „Natürlich wünschte ich mir, gesund zu sein. Aber heil sein, das ist für mich mehr als körperlich unversehrt. In einem tieferen Sinn habe ich erlebt, wie Jesus mich heilt. Ich finde, mein Leben ist reich und schön. Anfangs habe ich mich in Selbstmitleid vergraben. Ich war total geknickt, als ich die Diagnose bekam. Habe um Heilung gebetet. Und war bitter enttäuscht, als das nicht geschah. Meine Therapeutin hat mir geholfen, die Blickrichtung zu wechseln: sehen, was mich stärkt, was ich trotz allem kann, gute Beziehungen zu Menschen pflegen, Schönes genießen und so weiter. Dabei habe ich erlebt, wie Jesus bei mir ist. Anders, als ich es mir wünschte. Jesus hat mich innen aufgerichtet. Ich fühle mich jetzt tiefer mit ihm verbunden als vor meiner Krankheit. Auch die Beziehungen zu Menschen sind tiefer und echter geworden.“

Friedemann nickt. Das Sekretariat, findet er, ist ein Segensraum. Lehrerinnen, Eltern oder Schüler kommen mit den verschiedensten Anliegen dorthin. Mirjam empfängt sie alle freundlich und kümmert sich. Nicht wenige schütten ihr Herz bei ihr aus. Taschentücher, um Tränen zu trocknen, sind in diesem Büro unverzichtbar. Kummertränen oder Lachtränen, je nachdem. Denn mit Mirjam kann man auch wunderbar Spaß haben. Es stimmt, Mirjam wirkt nicht wie ein geknicktes Rohr, sondern wie der Inbegriff eines lebensfrohen, glücklichen Menschen.

„Ich bin bei dem Knecht hängen geblieben,“ setzt Friedemann das Gespräch fort. „Das klingt gar nicht gut: knechten, abhängig sein, schuften bis zum Umfallen. Und ‚Gottesknecht‘ macht es nicht besser. Ich habe im griechischen Text nachgeschaut. Dort steht ein ganz anderes Wort: ‚Kind‘ könnte man übersetzen, ‚Junge‘, jedenfalls jemand, der einem innerlich nahesteht. Und das sagen ja auch die Worte danach: Er ist erwählt, geliebt, Gott schaut mit Freude auf ihn, und er hat ihm seinen Geist gegeben.“

„Genau das meinte ich“, platzt Ronny dazwischen. „Wo Jesus ist, weht ein anderer Geist als dort, wo Menschen geknechtet werden oder sich in Selbstmitleid vergraben oder wo Hass geschürt wird. Gut, dass du griechisch kannst, Friedemann!“

„Ja, aber manchmal wirft das auch neue Fragen auf: Dieser von Gott Erwählte und Geliebte soll den Völkern das Recht verkündigen. Da steht aber ‚krisis‘. Der bringt Krisen! Okay, man kann auch ‚Gericht‘ sagen. Aber ich habe grad genug von Krisen, und ich finde, die helfen überhaupt nicht zur Gerechtigkeit! Da wird doch alles nur immer schlimmer!“

Die anderen schweigen betroffen. So kennen sie Friedemann gar nicht, so aufgebracht. Er ist normalerweise die Besonnenheit in Person. Irgendetwas scheint ihm arg an die Nieren zu gehen. Was sie nicht wissen: Friedemann erlebt gerade eine Krise in der Beziehung zu seiner Frau Katja. „Die Flamme unserer Liebe ist nur noch ein glimmender Docht,“ denkt er. „Nur noch beißender, giftiger Rauch. Und keine Ahnung, wie es weitergehen soll.“

Da öffnet sich leise die Tür. Ein junger Mann kommt herein: „Darf ich mich zu euch setzen?“

Mirjam erkennt ihn zuerst. „Jesus, bist du es?“

 Er lacht. „Ja, klar! Was denkt ihr denn? Habe ich doch versprochen – wo zwei oder drei in meinem Namen… ihr wisst schon.“

Ronny hat sich als erster wieder gefasst. „Na dann kannst du uns ja selbst erklären, wie das ist mit den Krisen, dem Gericht und der Gerechtigkeit!“

„Ich versuch’s,“ beginnt Jesus. „Oft braucht es wirklich eine Krise, bevor sich ungerechte Verhältnisse wandeln lassen. Krisen sind immer auch eine Chance. Es geht hier um eine neue Ordnung, die allen zu einem Leben in Frieden hilft. Und die allen gerecht wird, auch den Tieren und der Schöpfung. In eurem Text wird ja aus dem Jesajabuch zitiert. Der Vertraute Gottes bringt das Recht zu den Heidenvölkern. Das war damals sensationell weit gedacht, eigentlich unvorstellbar.“

„Auch heute noch ist das unvorstellbar,“ wirft Friedemann ein. „Trotz Völkerrecht und Menschenrechten schreit die Ungerechtigkeit an allen Ecken und Enden zum Himmel. Jesus, du bist viel zu leise! Es stimmt doch, dass du dieser Gottesknecht bist, oder?“

„Zumindest hat mich Matthäus so gesehen.“

„Warum bist du so leise?,“ beharrt Friedemann. „Wer etwas bewirken will, braucht eine gute Öffentlichkeitsarbeit. Aber du versteckst dich lieber. Okay, mir ist es sympathisch, dass du nicht lauthals auf den Straßen tönst. Das Geschrei geht mir eh auf die Nerven. Wo jeder auf seinem Standpunkt beharrt und niemand den anderen zuhört, bist du nicht zu finden. Aber ich wünschte mir schon, du wärst nicht ganz so leise.“

„Wer hören will, wird mich hören. Und verstehen. Ich spreche den Menschen ins Herz. Das geht nicht laut. Dann würden sie verschreckt. Was zu Herzen gehen soll, muss behutsam sein. Und wenn ich Menschen in ihrem Inneren erreiche, dann strahlt das ganz von alleine nach außen.“

Ronny versteht. Vor einigen Jahren hatte ihm ein Richter Sozialstunden aufgebrummt, weil er sich mit jemandem geprügelt und ihn verletzt hatte. Die leistete er am Evangelischen Gymnasium ab. Für ihn begann damit ein Weg, auf dem er innerlich heil wurde. Er fühlte sich angenommen, wurde geschätzt. Der Hausmeister, dem er zur Hand ging, nahm ihn ernst, setzte sogar manche seiner Vorschläge um. Sie führten oft gute Gespräche. Auch neue Freunde fand er hier. Mittlerweile ist er fest angestellt. Er spürt ihn genau, diesen anderen Geist, der ganz leise heilsame Veränderungen bewirkt. Bei Mirjam, beim Hausmeister, sogar bei dem Richter hat er ihn gespürt. Der hatte zwar ein Urteil gefällt, aber das war nicht einfach kalt nach dem Gesetz, sondern dieser Richter hatte ihn gesehen. Wie ein guter Vater. Er hatte nicht Gnade vor Recht ergehen lassen, nein, er hatte Recht gesprochen, das zugleich Gnade für ihn war. Eine Riesenchance. Ronny hat sie genutzt. Gnädiges Recht, ja, so muss man das wohl sagen.

Ronny schaut Jesus an: „Danke,“ sagt er leise, „danke, dass du so behutsam bist. Mein Lebensmut war nur noch ein glimmender Docht, du hast ihn wieder zum Leuchten gebracht.“

Mirjam seufzt: „Jesus, ich sehne mich so sehr danach, dass du überall deinem Recht zum Sieg verhilfst.“

Friedemann schweigt.

„Wollen wir beide noch eine Runde durch den Park gehen?,“ fragt Jesus ihn. Er nickt.

Als sie zum Schluss gemeinsam das Vaterunser beten, sind die Worte voller Sehnsucht, und der Raum ist erfüllt von Gott.

Autor/-in: Pfarrerin Dr. Brigitte Seifert