12.09.2026 / Bibel heute

Der Gerechte wird leben

Aber du, HERR, bist du nicht mein Gott, mein Heiliger, von Ewigkeit her? Lass uns nicht sterben; sondern lass sie uns, o HERR, nur eine Strafe sein, und lass sie, o unser Fels, uns nur züchtigen. Deine Augen sind zu rein, als dass du Böses ansehen könntest, und dem Jammer kannst du nicht zusehen! Warum siehst du dann aber den Treulosen zu und schweigst, wenn der Gottlose den verschlingt, der gerechter ist als er? Du lässt es den Menschen gehen wie den Fischen im Meer, wie dem Gewürm, das keinen Herrn hat.[...]

Habakuk 1,12–2,5

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1. Unruhige Zeiten im Vorderen Orient

Unruhige Zeiten sind das, in denen wir leben. Das verbindet Sie und mich mit der Zeit vor 2.600 Jahren im Vorderen Orient, als in Israel der Prophet Habakuk seinen Auftrag bekam.

Auffällig an diesem Propheten ist: Er hat ein ausgeprägtes Unrechtsbewusstsein. Ist ja gut, dass Gott eingreifen wird – aber warum lässt er sich so viel Zeit mit seinem Gerichtshandeln?

Es klingt, als ob der Prophet Habakuk es zunächst einmal mit Komplimenten versucht, Gott zum Handeln zu bringen. Tatsächlich offenbaren Habakuks Worte, die er an Gott richtet, aber seine Irritation, sein Rätseln. Was er erlebt und beschreibt, das bringt er nicht mit seiner Vorstellung von Gott zusammen. Als Angehöriger des Volkes Israel weiß der Prophet: Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist zuverlässig und steht zu dem, was er den Erzvätern versprochen hat. Und auch die Anweisungen an das Volk, das viele Generationen vorher der Sklaverei in Ägypten entkommen ist, sind ihm gegenwärtig. Von daher ist dem Propheten garantiert auch bewusst: Gott liebt sein erwähltes Volk – aber er hat noch nie einen Zweifel daran gelassen, dass er ein eifersüchtiger Liebhaber ist. Nur kann oder mag es sich Habakuk nicht vorstellen, wie konsequent Gott in seinem Zorn über sein treuloses Volk zu handeln vermag. Wie viel schlimmer es noch kommen kann.

DASS es schlimm kommen kann, das steht dem Propheten klar vor Augen. Das Nordreich Israel ist bereits untergegangen, zehn der zwölf Stämme Israels sind unter der unerbittlichen Herrschaft der Assyrer in alle Winde zerstreut worden. Habakuk hat seinen Auftrag ja gerade in dem geschichtlichen Augenblick erhalten, als die Chaldäer und ihr neubabylonisches Reich das assyrische Großreich ablösen – auch das nicht mit gutem Zureden, sondern mit roher, gnadenloser Gewalt.

2. Habakuks Blick auf die Geschichte

Soll das nun ewig so weitergehen? Wird das geprüfte und geschlagene Volk Israel, wird Gottes Volk überhaupt jemals wieder zu einem geordneten, friedlichen Dasein zurückfinden? Darüber lässt Gott den Propheten nicht im Unklaren. Auf Habakuks Fragen hin gibt Gott Antworten – im Klartext.

Schlüsselworte in diesem Abschnitt des Buches Habakuk sind die Begriffe „Treue“ und das schiere Gegenteil davon: Untreue oder Treulosigkeit. Der Prophet fragt Gott: „Warum siehst du den Treulosen zu“ bei ihrem Treiben? Und das auch noch so lange? Und Habakuk erhält tatsächlich eine Antwort: „Derjenige, der nicht aufrichtig ist, erhält seine Strafe. Ein Gerechter aber wird durch seine Treue leben“ – so übersetzt die BasisBibel Habakuk 2,4. Sprich: Untreue zahlt sich nicht aus, treuloses Verhalten wird sich rächen. Auch wenn das etwas länger dauern kann – für Betroffene, für die Opfer womöglich unerträglich lang.

Wir Menschen leben ja von Geburt an gegen die Uhr – zumindest gefühlt haben wir erschreckend wenig Zeit. Ich merke es an mir selbst: Ich bin mittlerweile ins siebte Lebensjahrzehnt eingetreten, und wer erst einmal die 60 geknackt hat, wird bei bestimmten Prozessen entweder ungeduldig – oder stellt sich die Frage: Werde ich dieses oder jenes Ergebnis, diese oder jene ersehnte Veränderung überhaupt noch erleben? Oder kommt das vielleicht erst der nächsten Generation zugute, wenn überhaupt?

Habakuk bekommt auf seine Frage: „Warum siehst du denen zu, die Unrecht begehen?“ zur Antwort: „Die Verheißung wird zu einer bestimmten Zeit erfüllt werden; wenn es so weit ist, wird kein Rest Zweifel übrig bleiben. Das Verheißene wird eintreffen, du kannst dich darauf einstellen.“ – Ein kleines Problem liegt möglicherweise in Habakuks Blickrichtung. Auch Prophetinnen und Propheten sind nicht davor gefeit, dass ihr Blickwinkel womöglich eingeschränkt ist. Habakuk hat ja die Gewalttätigkeit und Maßlosigkeit der Assyrer und neuerdings der Babylonier vor Augen, ihr Gebaren, ihre Neigung, die eigene Macht zur Schau zu stellen und durch drastische Maßnahmen zu zementieren. Weniger im Blick hat Habakuk das Lavieren der Regierung Judas. Ihre Unschlüssigkeit. Ihr Liebäugeln mit konkurrierenden Mächten. Die Vetternwirtschaft in den oberen Rängen des Staatsapparats. Die Duldung von Korruption und käuflicher Rechtsprechung.

Aber die Botschaft, die Gott dem Propheten aufgetragen hat, zielt eindeutig nicht nur auf die überheblichen Supermächte seiner Zeit. Das wird im nachfolgenden Abschnitt deutlich, und um den wird es übermorgen gehen hier an dieser Stelle im Programm von ERF Plus.

Fünf Weherufe, fünfmal das vernichtende Urteil Gottes über die Habgierigen, über ausbeuterische Praktiken, über Unterdrückung, über Gewalttätigkeit und schließlich über Götzendienst. Alles Phänomene und Tatbestände, die es auch 2.600 Jahre später noch gibt – im ach so aufgeklärten Mitteleuropa, in einer sozial organisierten Gesellschaft, in einem geordneten Rechtsstaat.

3. Ein Halbsatz mit großer Wirkung

Zurück zu Habakuk: Von der Mitte her, nicht von den Rändern her, wird die dem Propheten anvertraute Botschaft verständlich. Und was steht in der Mitte, was kommt nach der Ankündigung des konkreten Gerichts über Israel und über die damals aktuell herrschende Großmacht Assyrien, aber vor den fünf Weherufen über alle, die auf dem Holzweg sind?

Ein Satz. Ein Sätzchen nur. Noch nicht einmal ein ganzer Satz, sondern nur ein Halbsatz. Herausgelöst aus dem Zusammenhang eben jene Aussage, die in den folgenden Jahrhunderten und Jahrtausenden eine schier unglaubliche Wirkung entfaltet hat. Habakuk 2,4 – ich habe die Aussage vorhin schon mal zitiert in der Fassung der BasisBibel: „Ein Gerechter wird durch seine Treue leben.“ Bekannter ist die Lesart aus der Luther-Bibel: „Der Gerechte wird durch seinen Glauben leben.“

Bei bibelkundigen Menschen klingelt es möglicherweise an dieser Stelle, denn der Satz wird in den Schriften des Neuen Testaments gleich mehrfach zitiert: Im Hebräerbrief und besonders fleißig beim Apostel Paulus – im Römerbrief, dort schon im ersten Kapitel. „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“ Und im Galaterbrief, Kapitel 3 – dort mit einem etwas anderen Akzent. Für Martin Luther war der Satz ein Augenöffner und ein Türöffner: Durch den Glauben – und nach Luthers Überzeugung eben nur so und nicht anders – wird ein Mensch gerecht. Habakuk 2,4 ist ein Ankerpunkt in Luthers Rechtfertigungslehre.

Im Judentum spielt dieser Halbvers ebenfalls eine gewichtige Rolle. Im Talmud im Traktat Makkot wird diskutiert, ob sich all die unterschiedlichen Weisungen Gottes – nach rabbinischer Zählung sind es 613 Gebote – auf eine Formel bringen lassen. Kandidat Nr. 1 ist Jesaja 56,1: „Wahrt das Recht und übt Gerechtigkeit.“ Aber das lassen die Rabbiner als Antwort nicht gelten, denn das sind ja im Grunde zwei Gebote. Kandidat Nr. 2 ist ein Satz Gottes, der sich beim Propheten Amos findet – Amos 5,4: „Sucht mich, so werdet ihr leben.“ Das ist aber genauer besehen eher die Aufforderung zum Studium aller Gebote – eben nicht die Zusammenfassung all dieser Gebote. Erst Kandidat Nr. 3 erfüllt die Anforderungen. Rabbi Nachman bar Yizchak sagt dazu: „Habakuk kam und brachte die 613 Gebote auf eins, denn es heißt: ‚Der Gerechte wird durch seinen Glauben leben.‘“

4. Die Antwort auf die Lebensfrage

Wie lebt der Gerechte seinen Glauben, wie buchstabiert die Gerechte ihren Glauben?

Jesus – auch ein jüdischer Rabbi – hat dazu vorgeschlagen: Versuchs mal mit Liebe. Liebe Gott – und deinen Mitmenschen wie dich selbst. Damit wirst du ein Leben lang zu tun haben.

Autor/-in: Markus Baum