10.07.2026 / Bibel heute

Den möchte ich nicht zum Feind haben

Ich sah den Herrn über dem Altar stehen, und er sprach: Schlage an den Knauf, dass die Pfosten beben und die Trümmer ihnen allen auf den Kopf fallen; und was noch übrig bleibt von ihnen, will ich mit dem Schwert töten, dass keiner von ihnen entfliehen noch irgendeiner entkommen soll! Und wenn sie sich auch unten bei den Toten vergrüben, soll sie doch meine Hand von dort holen, und wenn sie zum Himmel hinaufstiegen, will ich sie doch herunterstoßen. Und wenn sie sich auch versteckten oben auf dem Berge Karmel, will ich sie doch suchen und von dort herabholen; und wenn sie sich vor meinen Augen verbärgen im Grunde des Meeres, so will ich doch der Schlange befehlen, sie dort zu beißen.[...]

Amos 9,1–10

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Zwei Gesichter – ein beklemmendes Gefühl

Ein Freund hat mir von seinem Vorgesetzten erzählt. Fähig, durchsetzungsstark, freundlich im direkten Gespräch. Er kommt gut mit ihm zurecht. Aber dann sagt er einen Satz, der bei mir sofort einen Knoten im Magen entstehen lässt: „Aber du möchtest ihn nicht zum Feind haben!" Puh, der Mann scheint zwei Gesichter zu haben, und wehe dem, der sich's mit ihm verdirbt! 

Gott als Feind – die Botschaft des Amos

An diese Begegnung musste ich denken, als ich die heutige Bibellese aus dem Buch des Propheten Amos gelesen habe. Da ist gleich dieser Knoten in meinem Magen: Diesen Gott möchte ich nicht zum Feind haben! So mächtig, dass die Erde bebt, wenn er sie nur anrührt. Kein fester Boden mehr, auf den man sich verlassen könnte! Er ist hartnäckig in der Verfolgung des Sünders; wenn der sich vor seinen Augen auch verbergen wollte im Grunde des Meeres, so wird er doch „der Schlange befehlen, sie dort zu beißen."

Diesen Gott will ich nicht zum Feind haben – aber er ist es damals dem Volk Israel geworden. Davon haben wir in den letzten Tagen viel gehört. Der Maulbeerfeigenbaum-Züchter Amos aus dem Süden Israels verließ seine Heimat, um dem Brudervolk im Norden schreckliche Botschaften von Gott zu bringen. „Wir steigen zum Himmel hinauf" – ja, so mögen sich die reichen, verwöhnten, satten „oberen 10.000" gefühlt haben. „Bei uns geht's immer nur aufwärts" – und menschlich gesehen war es so: Wirtschaft und Handel florierten, ja, schon, auf Kosten der Armen und Schwachen, aber die herrschende Schicht war sicher etabliert. Da lässt Gott seine Sicht ausrichten: „wenn sie zum Himmel hinaufstiegen, will ich sie doch herunterstoßen."

Dieser ganze Abschnitt spricht furchtbar endgültig davon, dass Gott den Menschen ein Feind geworden ist: „ich will meine Augen auf sie richten zum Bösen und nicht zum Guten." (Vers 4)

Gottes Blick – Drohung und Geborgenheit

Wie schrecklich. Vor allem ist das schrecklich, weil es fast die gleichen Sätze sind, die an anderer Stelle so tröstlich sind: „Meine Augen sehen nach den Treuen im Lande, dass sie bei mir wohnen", heißt es im Psalm 101. Oder im 1. Petrusbrief (3,12) heißt es: „Denn die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren hören auf ihr Gebet." Und viele von Ihnen kennen sicher noch das Lied meiner Jugend „Nähme ich Flügel der Morgenröte und flöge ans äußerste Meer, würde auch dort deine Hand mit mir sein und deine Rechte mich halten, Herr". Das ist für mich der Inbegriff der Geborgenheit gewesen, diese Überzeugung: Ich kann gar nicht so weit weg sein von Gott, dass er mich nicht halten und führen könnte. Vor ein paar Jahren hatten wir es als überaus tröstliche Jahreslosung: Du bist ein Gott, der mich sieht – Gott sei Lob und Dank!

Bei Amos verkehrt es sich in eine Drohung, denn Israel hat sich Gott zum Feind gemacht. Mit erbarmungsloser Selbstsucht den Armen gegenüber und mit überheblicher Gleichgültigkeit ihm gegenüber.

In der Bibellese heute nun soll Amos in einer Zeichenhandlung so an die Säulen des Tempels schlagen, dass er zusammenbricht und die Trümmer der heiligen Stätte die erschlagen, die allzu selbstsicher von ihrem Gott Glück und Reichtum erwarten. Die Trümmer ihrer scheinheiligen Religiosität sollen ihnen um die Ohren fliegen.

Umkehr und Zuflucht zu Jesus

Was mache ich denn heute mit so einem Bibelabschnitt?

Zunächst ist er eine deutliche und hilfreiche Erinnerung daran, dass wir Gott niemals in der Tasche haben. Dass er nicht einfach nur unsere Wünsche zu erfüllen hat und uns in religiöse Kuscheldecken hüllt. Gott ist wunderbar, aber auch furchtbar, er ist zu ehren und zu fürchten! Denn er ist Person, hat einen Willen für seine Welt, für sein Volk, für uns. Er hat Anspruch auf uns, nicht umgekehrt. Solange Gott nur ein religiöses Deko-Element unseres Lebens ist, haben wir in Wahrheit keinen Gott. Wenn der biblische Gott, der starke, mächtige Schöpfer von Himmel und Erde, quasi verdunstet und nur noch „gute Mächte" übrig bleiben, die uns „treu und still umgeben" – dann haben wir keinen Gott, sondern ein religiöses Gefühl. Davon kann ich nicht leben, damit kann ich nicht sterben. Und es ist himmelweit von der Realität entfernt!

Was macht dieser Text mit uns? Er ruft uns zur Umkehr, so wie damals die Israeliten. Ich mag erschrecken vor so harten Worten, ich erschrecke vor dem Zorn Gottes – aber dieser Gott schickt ja Amos und die anderen Propheten, damit das Volk noch die Kurve kriegt, sich abwendet von den falschen Wegen. Wie ein Arzt eine schlimme Diagnose mitteilen muss, damit ich bereit werde zu einer entschiedenen, vielleicht mühsamen Behandlung, so überbringt Amos die schonungslose Diagnose. „Ihr seid verlorene Leute, wenn ihr so weitermacht wie bisher!" Prüfe ich mich, wo ich meinen Vorteil, meine Bequemlichkeit, meine Ehre … dringender suche als das Gute, das dem Nächsten hilft.

Was macht dieser Bibelabschnitt mit Ihnen? Die Erkenntnis, dass Gott auch ein Feind sein kann, lässt mich umso fester nach der Hand Jesu fassen. Er hat auch gesagt „Kehrt um", und dann dazugesetzt „und glaubt an das Evangelium!" Das Evangelium, das war er selbst, der Gottessohn, dessen Augen auf die Geringen gesehen haben, auf die Schuldbeladenen, auf die Ängstlichen und die Verzweifelten. Der Worte gefunden hat voller Liebe und Vergebung. Jesus ist der Gott, den wir zum Freund haben dürfen, weil er die Schuld der ganzen Welt weggetragen hat ans Kreuz. Wenn mir Gott verborgen, unbegreiflich, feindlich und dunkel erscheint, so ungefähr hat es Martin Luther gesagt, dann fliehe ich zum offenbaren Gott, zu Jesus. Denn da sehe ich die Liebe Gottes in Person. Da sehe ich seine Freundschaft, da kann ich mein Versagen auch heute wieder hinbringen und krieg es vergeben.

Gott sei Lob und Dank, war nicht Amos das letzte Wort Gottes, sondern sein geliebter Sohn, unser Herr, Jesus Christus.

Autor/-in: Pfarrerin Elisabeth Küfeldt