17.01.2024 / Bibel heute

Das Gemeindegebet

So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit. Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland,[...]

1. Timotheus 2,1–7

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Von den ersten Christen wird berichtet, dass sie beständig beteten. Doch nun kommt eine Ermahnung von Paulus. Er erinnert Timotheus und die Gemeinden daran, dass Gebet an erster Stelle stehen sollte. Also erst beten und dann handeln. Erst beten und dann über den Zustand in der Welt jammern.

Dabei geschieht es leider oft andersherum. Wir schauen in die Welt mit ihren Kriegen, den Naturkatastrophen, dem Terrorismus, den vielen despotischen Herrschern und werden sprachlos. Ist es da nicht besser, sich aus der Welt zurückzuziehen in ein privates und stilles Leben? Sogar Paulus erwähnt ja das ruhige und stille Leben.

Aber Paulus meint das anders: Erst kommt das Gebet. Gebet für alle Obrigkeit, auch für die römischen Gewaltherrscher. Denn wenn wir beten, bestreiten wir den Anspruch der Mächtigen auf die Welt. Wenn wir beten, vertrauen wir unsere Freunde und Kinder Gott an und resignieren nicht.

Wenn wir beten, stimmen wir Gott zu. Wir geben Gott recht. Wir beharren darauf, dass andere Verhältnisse in dieser Welt nötig sind, dass Rettung nötig ist. Mit jedem Gebet trauen wir Gott zu, dass sich Frieden und Gerechtigkeit einstellen, dass Versöhnung wirklich wird. Mit jedem Gebet stimmen wir ein in Gottes Willen. Mit jedem Gebet gewinnt Gott Raum in dieser Welt, in uns und durch uns. So verändert unser Beten die Welt.

Die Gebete und die Rettung der Welt gehören zusammen. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Gottes Wunsch, dass alle Welt gerettet wird und der Bitte an uns, dass wir beten.

Das Gebet macht den Unterschied.

Wofür beten?

Die Frage ist: Was oder wofür betet man denn? Für Nero? Für Hitler, Stalin und heutige Tyrannen?

Solche Fürbitte ist kein „Aldi-Gebet“. Wir beten nicht für all die Obrigkeit, sondern es meint ausdrücklich konkrete Fürbitte, für Kanzler, Minister, Regierung, und zwar unabhängig von der eigenen parteipolitischen Überzeugung. Wir sollen auch für die beten, die uns gar nicht passen. Alle Parteien brauchen das Gebet der Christen. Die Gemeinde wird durch diesen Aufruf erinnert, ein nüchternes Verhältnis zur Gegenwart zu entwickeln. Es soll verhindert werden, dass Christen sich durch Flucht in die Religion und in die Innerlichkeit aller Verantwortung entziehen. Die Konsequenz solcher Flucht ist nämlich die Behauptung, der politische Bereich sei autonom, hier könne Gott sowieso nichts machen. Außerdem sei Demokratie auch nicht gottgewollt.

Paulus sieht das anders. Er hält es für wichtig, für die Obrigkeit zu beten, auch für die heidnische und tyrannische. Der Grund für dieses Gebet ist unter anderem: dass wir ein ruhiges und stilles Leben führen können. Beim ruhigen und stillen Leben geht es aber nicht um einen bürgerlichen Rückzug. Das Christentum ist nicht nur für das private Leben. Wir sollen auch nicht nur in unserer Gemeinde zusammen sein, fern von der bösen Welt.

Und auch wenn für uns die Begriffe Frömmigkeit und Ehrbarkeit zuweilen einen verstaubten Klang haben, war das damals nicht so. Fromm und ehrbar waren bei den Griechen geachtete Eigenschaften. Solchen Menschen wurde Respekt und Achtung entgegengebracht, egal ob man mit ihren Weltanschauungen übereinstimmte oder nicht.

Was bewirkt das Gebet?

Und das ist als Ziel von Paulus formuliert: „Ihr sollt von den anderen geachtet und respektiert werden. Das gefällt sogar Gott. Es geschieht, indem ihr für alle Menschen betet.“

Dazu gehört dann auch, dass Christen die Welt im Blick haben, missionarisch tätig sind. Damals war das ganz schön schwierig. Die Christen wurden verfolgt, lebten in ständiger Angst, hatten kein ruhiges Leben. Und in Zeiten von Angst und Verfolgung ist man eben nicht immer in der Lage, seinen Glauben weiterzusagen. Auch in Zeiten von Krieg und politischen Unruhen sind die Sorgen um das eigene Überleben größer. So ist das Gebet für die Obrigkeit und dafür, dass sie das Christentum toleriert und man in Ruhe leben kann, etwas sehr Reales.

Trauen wir Gott zu, dass er Veränderung bewirkt? Dass sich politisch etwas ändert? Dass Menschen, die gegen Christus und die Christen waren, auf einmal dafür sind?

Es gibt solche Beispiele. Paulus war solch ein Mensch. Er war gegen die Christen, er hatte sie verfolgt, hatte sie ins Gefängnis sperren lassen und sich über Hinrichtungen gefreut. Wahrscheinlich haben Christen auch für ihn gebetet. Wir wissen nicht, was sie gebetet haben, aber Gott war auf jeden Fall stärker. Paulus begegnete Jesus und sein Leben wurde völlig verändert.

Warum beten?

Paulus gibt eine weitere Begründung für das Gebet: es ist der Wille Gottes. Dieser Wille hat zwei Teile:

Zum einen: Gott will, dass allen Menschen geholfen wird. Es geht dabei um Hilfe in Notlagen, um Hilfe in Krankheit, Nöten, Armut, Einsamkeit, Trauer, Verzweiflung.  Um vielfältige diakonische Hilfen. Es geht um Nächstenliebe und darum, dass Christen die Verantwortung für ihre Mitmenschen entdecken und wahrnehmen.  Denn das unterscheidet uns ja oft von den anderen.

Gott will aber noch ein zweites: dass Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Diese Erkenntnis der Wahrheit hat mit Jesus zu tun. Menschen sollen erkennen, dass Jesus Christus für sie gestorben ist. Menschen sollen begreifen, dass sie Sünder sind und die Erlösung nötig haben. Sie sollen erkennen, dass sie ewiges Leben in Gottes Herrlichkeit nur über Jesus Christus bekommen. Diese Wahrheit ist schwer zu begreifen, schwer zu akzeptieren, vor allem wenn sie isoliert verkündigt wird. Und deshalb gehört beides zusammen, deshalb ist dieser Doppelwille Gottes eigentlich ein einziger Wille. Diakonie und Verkündigung, Hilfe in Notlagen und Wahrheit, das sind die Stichworte.

 Bei der Gründung der Heilsarmee hieß das Motto: „Suppe, Seife, Seelenheil.“  Zuerst gibt es etwas zu essen, dann die Möglichkeit zu äußerer Reinigung und neuen Kleidern und dann die innere Reinigung. Jemand der Hunger hat, ist nicht empfänglich für das Wort Gottes. Und gerade in der Weltmission zeigt sich immer wieder die Wahrheit dieser Doppelung. Menschen aus anderen Kulturen, die eine kostenlose medizinische Hilfe in Anspruch genommen haben, denen geholfen wurde, fangen an zu fragen: „Warum tut ihr das?“ Und dann kann man ihnen von Jesus erzählen. Dann kann man ihnen die Wahrheit bringen. Andersherum macht es wenig Sinn.

Das Wirken Gottes

Es geht um echte Hilfe und um das Erkennen der ganzen Wahrheit. Denn an Jesus führt kein Weg vorbei. Er ist der Weg und die Wahrheit und das Leben. Gott will alle Menschen! Die Frage ist nun: Was kann ich, was können wir dazu tun? Das Wichtigste ist das Gebet. Beten für die Obrigkeit, beten, dass Gott die Herzen der Menschen öffnet. Fürbitte ist etwas, was Christen vor allem anderen tun sollen. Die Nöte aller Menschen dürfen vor Gott ausgebreitet werden. Und gerade die Machthaber brauchen die Fürbitte der Gemeinde. Fürbitte bedeutet dann auch, dass die Gemeinde für diejenigen betet, die nicht beten können oder nicht beten wollen. Fürbitte heißt: Verantwortung zu üben für den Staat, in dem wir leben, für die Regierung, die herrscht. Und dann kann es sein, dass unser Gebet gegen die Interessen der Machthaber ist. Aber weil Gott viel bewirken kann, könnte genau das der besondere Anteil der Christen sein.

Autor/-in: Gudrun Siebert