06.10.2026 / Bibel heute

Das Foto auf meinem Schreibtisch

Was soll dann das Gesetz? Es wurde hinzugefügt um der Übertretungen willen, bis der Nachkomme käme, dem die Verheißung gilt; verordnet wurde es von Engeln durch die Hand eines Mittlers. Ein Mittler aber ist nicht Mittler eines Einzigen, Gott aber ist Einer. Wie? Ist dann das Gesetz gegen Gottes Verheißungen? Das sei ferne! Denn nur, wenn ein Gesetz gegeben worden wäre, das lebendig machen könnte, käme die Gerechtigkeit wirklich aus dem Gesetz.[...]

Galater 3,19-29

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Ein Foto mit Folgen

Auf meinem Schreibtisch liegt ein neues Foto meiner Frau. Mein Blick fällt immer wieder darauf. Sie schaut konzentriert in die Kamera, fast ein wenig überrascht. Wie immer sieht sie gut aus, auch wenn das Schwarzweißbild etwas körnig geraten ist. Die Aufnahme stammt weder aus einem alten Fotoalbum noch von einem Urlaub oder einem besonderen Fest. Über dem Bild steht in großen, unübersehbaren Buchstaben: „Bußgeldbescheid“.

Was ist passiert? – Meine Frau ist mit dem Auto unterwegs. Irgendwo auf ihrer Strecke steht ein Verkehrsschild: Höchstgeschwindigkeit 30 km/h. Vielleicht ist sie gerade in Gedanken. Vielleicht achtet sie auf den Verkehr oder sucht nach der richtigen Abzweigung. Jedenfalls übersieht sie das Schild. Als sie an der Messstelle vorbeifährt, zeigt das Messgerät 41 km/h an. Elf Kilometer pro Stunde zu schnell.

Keine rücksichtslose Raserei. Keine vorsätzliche Missachtung der Regeln. Sie hat das Schild schlicht nicht gesehen.

Doch einige Wochen später liegt der Brief im Briefkasten. Das Foto, der Bescheid, die Zahlungsaufforderung. Die Straßenverkehrsordnung in Deutschland kennt keinen Paragraphen, der besagt: „Wer das Schild aus Versehen übersehen hat, ist entschuldigt.“ Das Gesetz fragt nicht: „Hast du es absichtlich getan?“ Das Gesetz fragt nur: „Hast du dagegen verstoßen?“

Das Ergebnis ist eindeutig. Die zulässige Geschwindigkeit wurde überschritten. Damit liegt ein Verstoß vor. Ob wissentlich oder unwissentlich, ob absichtlich oder aus Unachtsamkeit, spielt für die Feststellung der Schuld keine entscheidende Rolle.

Das Gesetz spricht sein Urteil.

Das Gesetz macht Schuld sichtbar

Der Bußgeldbescheid auf meinem Schreibtisch erinnert mich an das Gesetz Gottes. Gott gibt das Gesetz, um Sünde in meinem Leben sichtbar zu machen. Er gibt das Gesetz, um mir zu zeigen, wie sehr ich ihn brauche. Es offenbart seine heiligen Maßstäbe und macht deutlich, wie weit mein Herz von ihm entfernt ist.

Das Gesetz wirkt wie ein Röntgenbild: Es zeigt die Verletzung, kann sie aber nicht heilen. Es deckt meine Schuld auf, überführt und klagt mich an, es kann mich jedoch nicht freisprechen. Genau hier setzt Paulus in Galater 3 an: Das Gesetz macht meine Schuld sichtbar, doch Rettung finde ich nicht im Gesetz, sondern allein in JesusChristus.

Dieses Denken entdecke ich auch in meinem eigenen Leben. Mein Problem ist oft, dass ich mich durch meine Leistung vor Gott rechtfertigen möchte. Ich denke: Wenn ich nur genug bete … Wenn ich ein guter Christ bin … Wenn ich mich genügend anstrenge … – … dann wird Gott mich annehmen.

Dabei erwarte ich vom Gesetz etwas, was es gar nicht leisten kann. Ich versuche, mich selbst vor Gott zu beweisen und seine Anerkennung zu verdienen.

Doch Paulus macht deutlich: Dafür ist das Gesetz nicht geeignet. Das Gesetz ist kein Retter. Es zeigt nur, dass ich einen Retter brauche. Das Gesetz ist ein Wegweiser zum Retter.

Ein Wegweiser zu Christus

Um das zu verdeutlichen, verwendet Paulus in Vers 24 das Bild von einem „Zuchtmeister“, das mir heute kaum noch vertraut ist. Im griechischen Haushalt ist damit kein Lehrer gemeint, sondern ein Begleiter. Er begleitet die Kinder im Alltag. Er passt auf sie auf. Er bringt sie zur Schule und sorgt dafür, dass sie sicher an ihr Ziel kommen. Doch dieses Amt ist nicht für immer gedacht. Eines Tages wird das Kind erwachsen. Dann endet die Aufgabe des Zuchtmeisters.

Genauso beschreibt Paulus die Aufgabe des Gesetzes: Es führt mich zu Christus. Es zeigt mir meine Schuld und macht deutlich, wie sehr ich einen Retter brauche. – Als Jesus Christus in die Welt kommt, ist die Aufgabe des Gesetzes erfüllt. Das bedeutet nicht, dass Gottes Gebote schlecht oder überflüssig sind. Ganz im Gegenteil. Sie bleiben gut und zeigen den Willen Gottes. Aber sie können keinen Menschen retten. Das Gesetz weist nur auf den hin, der retten kann: auf Jesus Christus.

Nun kommt Paulus zu dem Gedanken, auf den alles hinausläuft. In den Versen 26 bis 29 schreibt er: „Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus.“

Diese Worte verändern meinen Blick auf mich selbst. Meine Identität hängt nicht mehr von meiner Leistung ab. Sie wird nicht durch meine Herkunft bestimmt. Auch mein sozialer Status spielt keine Rolle. Weder Erfolg noch Versagen legen fest, wer ich bin. Selbst meine Vergangenheit definiert mich nicht. Wenn ich zu Christus gehöre, dann bin ich ein Kind Gottes. Allein aus Glauben.

Allein aus Glauben angenommen

Viele Jahrhunderte später entdeckt Martin Luther diese Wahrheit neu. Lange Zeit versucht er selbst, durch Frömmigkeit, Disziplin und gute Werke Frieden mit Gott zu finden. Doch je mehr er sich anstrengt, desto deutlicher erkennt er seine eigene Schuld. Schließlich kommt er beim Lesen der Bibel zu der Erkenntnis: Gott nimmt Menschen nicht an, weil sie genug leisten, sondern weil sie Jesus Christus vertrauen. Diese Erkenntnis verändert sein Leben. Aus dieser Erkenntnis wächst einer der zentralen Grundsätze der Reformation: Sola fide – allein aus Glauben.

Das Ende von Galater 3 lädt mich deshalb ein, neu auf Jesus Christus zu schauen. Nicht auf meine Leistung. Nicht auf meine Fehler. Nicht auf das, was mir fehlt. Wenn ich zu Christus gehöre, muss ich Gott nichts beweisen. Ich brauche mir seine Liebe nicht verdienen. Ich muss nicht ständig fragen, ob ich genug getan habe. Durch Jesus Christus bin ich angenommen. Vollständig. Dauerhaft. Unverdient.

Wenn ich auf mich selbst schaue, finde ich oft Zweifel und Unsicherheit. Wenn ich auf Christus schaue, finde ich Gewissheit und Frieden. Ich bin Gottes Kind. Nicht weil ich alles richtig mache. Sondern weil Jesus alles für mich getan hat. Das ist die befreiende Botschaft des Evangeliums.

Autor/-in: Christian Nicko