05.01.2026 / Bibel heute

Begegnungen

Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger; und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm! Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach.[...]

Johannes 1,35-51

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Begegnungen, die das Leben verändern

Jeden Tag begegne ich Menschen. In der Familie, auf der Arbeit, beim Einkauf, in der Gemeinde. Keine Begegnung ist gleich. Mal ist sie oberflächlich, mal tiefgehend, mal aufreibend, mal fröhlich.

Der Bibeltext aus dem Johannesevangelium handelt von Begegnungen. Unterschiedliche Menschen und Charaktere begegnen sich untereinander. Aber insbesondere begegnen sie dem Sohn Gottes, Jesus Christus. Und Jesus begegnet ihnen. In keinem der Fälle bleibt das für diese Menschen folgenlos.

Es beginnt mit Johannes, dem Täufer. Als er Jesus sieht, ruft er aus: „Das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt" (Johannes 1,29). Am nächsten Tag sieht er Jesus wieder. Johannes ist tief beeindruckt. Er hält seine Augen auf Jesus geheftet und ruft erneut aus: „Siehe, das ist Gottes Lamm" (Johannes 1,36). Darin ist Johannes für mich ein Vorbild. Nur mit festem Blick auf Jesus kann ich authentisch Interesse für meinen Glauben bei anderen wecken. Das wird mir bewusst, als ich diese Zeilen schreibe.

Dieser kurze Ausruf macht zwei Männer aus seinem Umfeld auf Jesus aufmerksam. Es sind Andreas und der Evangelist Johannes, der sich selbst nicht mit Namen nennt. Und es soll nicht beim interessierten Schauen bleiben. Die beiden beginnen Jesus nachzufolgen, sind neugierig. Doch bevor sie etwas fragen können, dreht sich Jesus zu ihnen um und spricht sie an. Das erlebe ich auch immer wieder in meiner Beziehung zu Jesus. Er wendet sich mir freundlich zu, bevor ich etwas fragen kann. Zum Beispiel durch einen Vers oder Abschnitt aus seinem Wort, der mir Mut macht. Oder durch einen Impuls aus einem Kalenderblatt. Und dann widmet er mir seine volle Aufmerksamkeit für meine Anliegen.
 

Nachfolge auf Augenhöhe

Die ersten beiden Nachfolger Jesu haben ebenfalls seine volle Aufmerksamkeit. Jesus fragt sie nicht, „wen" sie suchen – er kommt gleich zum Punkt. Das „Was" interessiert ihn – das hat sich bis heute nicht geändert. Spricht mich das als Leser des Evangeliums auch an? Was suche ich denn eigentlich hier in diesem Teil von Gottes Wort?

Die zwei Interessenten merken: Von diesem Jesus können sie etwas lernen. Die Person vor ihnen strahlt etwas aus. Die Nachfolge lohnt sich. Er lädt sie ganz schlicht ein, den Tag mit ihm zu verbringen. Ob Andreas und Johannes mit dieser Reaktion gerechnet haben? Ein Messias, ein Gesalbter, ein König – würde der sich so einfach begleiten lassen?

Jesus zeigt ihnen offen, wohin er geht, mit wem und worüber er spricht. Er wird ihren Fragen zugehört und diese beantwortet haben, auch wenn ich davon nichts lese. Die zwei Männer erleben den Sohn Gottes hautnah, nicht aus weiter Ferne. Gottes Sohn sucht immer die direkte, enge und offene Gemeinschaft mit Menschen. Augenhöhe ist ihm wichtig. Und die Folgen für Johannes? Er wird der Autor eines Evangeliums, dreier Briefe und der Offenbarung.
 

Von Jesus erzählen – Andreas als Vorbild

Die nächste Begegnung, von der ich lese, findet zwischen zwei Brüdern statt. Andreas und Simon Petrus. Andreas hat schon Zeit mit Jesus verbracht, ihn besser kennengelernt. Er konnte in dieser Zeit prüfen, was Johannes der Täufer mit seinem Ausspruch über Gottes Lamm meinte.

Und jetzt? Jetzt ist Andreas überglücklich über diese Begegnung. Er muss davon weitererzählen. Möchte andere für Jesus gewinnen – und er beginnt damit in seiner Familie. Geht es mir wie Andreas, wenn Jesus mir begegnet? Ist mein Herz auch so voll, dass ich andere suche, um ihnen von Jesus weiterzusagen?

Andreas sucht und findet seinen Bruder Petrus. Und das Wichtigste kommt zuerst. Er hält sich nicht lange mit irgendeiner Vorgeschichte auf. „Wir haben den Messias gefunden!" (Johannes 1,41). Johannes übersetzt freundlicherweise „Messias" für uns: „der Gesalbte". Zum König wurde man gesalbt. Für die Juden ist der Messias dieser lange und sehnlichst erwartete König. Ein König, der ihnen die Freiheit zurückbringen soll.

Ich begegne Andreas im Johannesevangelium noch zwei Mal, wenn er Menschen zu Jesus führt. Einmal den Jungen mit den Broten und den Fischen. Das ist die Grundlage für die Speisung der 5.000 (Johannes 6,8). Und einmal die Griechen, die Jesus sehen wollen (Johannes 12,20-21). Das lässt mich staunen: Nirgends in der Bibel findet sich ein Bericht, der Andreas als großen Prediger vorstellt. Aber sein Herz, das für Jesus brennt und Menschen zu ihm führen will, das findet sich gleich drei Mal.

Und wieder ist es Jesus, der das Gespräch beginnt, als er Petrus begegnet. Er begrüßt ihn mit Namen. Jesus kennt ihn, so wie er mich kennt, nicht nur mit Namen. Nein, auch mein Herz, mein Wesen sind ihm bekannt. Das macht mich ihm gegenüber frei davon, mich zu verstellen. Es gibt keinen Menschen, der nicht wie ein offenes Buch vor Jesus ist. Der Blick von Gottes Sohn geht immer direkt ins Herz.

Jesus gibt Petrus gleich einen neuen Namen: Kephas, was mit Fels übersetzt wird. Ob Petrus da schon etwas von seiner tragenden Rolle in den kommenden Jahrzehnten spürt? Hier kommt für mich zur Liebe das Vertrauen von Jesus in Petrus deutlich zum Vorschein. Wer Gottes Sohn begegnet, wird merken, dass er nicht von ihm ausgenutzt wird. Er wird auch nie übervorteilt oder kleingemacht.
 

Jesus findet uns – Philippus und Nathanael

Bei Philippus kommt ein weiterer Wesenszug von Jesus ans Licht. Jesus findet Philippus – nicht umgekehrt. Und Jesus begegnet ihm mit dem klaren Auftrag der Nachfolge. Bevor ich Jesus suchen kann, hat er mich schon gefunden. Und wie bei Philippus ist das kein Zufallsfund, sondern ein bewusstes Begegnen. Ich freue mich darüber, dass Jesus mich immer wieder neu findet. Und ich freue mich auf seine Aufträge.

Philippus begibt sich an eine schwierige Aufgabe. Gegenüber dem kritischen Nathanael macht er deutlich, was Andreas andeutet: Schon Mose und die Propheten haben diesen Jesus aus Nazareth angekündigt. Nathanael ist davon nicht beeindruckt. Er kennt sich aus – und aus Nazareth kam noch nie etwas Gutes. Dennoch folgt er der Einladung von Philippus. Und er erlebt, was es heißt, Jesus Christus zu begegnen. Seine Liebe und sein echtes Interesse prägen alle Begegnungen. Keinen schickt er fort, weil er ihn nicht mag oder keine Aufgabe für ihn hat.

Kein Wort von Kritik oder besserem Wissen mehr. Zwei Sätze reichen Nathanael aus, um Jesus als Gottes Sohn anzusprechen.

Am Beginn des neuen Jahres stelle ich mir die Frage: Wo und wie wird mir Jesus begegnen? Werden mir alle Begegnungen gefallen? Vermutlich nicht. Doch je öfter ich Jesus begegne, desto mehr lerne ich ihn kennen. Und jede Begegnung bringt mich ihm etwas näher, vertieft meinen Glauben. Rückt meine Gedanken Gott gegenüber ins rechte Licht. Auch wenn es aufgrund der Umstände zunächst für mich gar nicht danach aussehen mag. Trotzdem: Darauf freue ich mich! Jede Begegnung mit dem Sohn Gottes ist eine gute und wertvolle Begegnung.

So wie den Jüngern gilt auch heute noch mir: „Du wirst Größeres als das sehen." (Johannes 1,51). Im Vertrauen darauf gehe ich auf Jesus zu, suche ihn, lasse mich von ihm abholen, höre auf seine Fragen und Hinweise. Verbringe Zeit mit ihm, begegne ihm.

Und auch Ihnen wünsche ich diese lebensbereichernden Begegnungen mit Jesus Christus!

Autor/-in: Jörg Schmitz