10.09.2026 / Wort zum Tag

Auf dem Weg zur echten Stärke

Ein Geduldiger ist besser als ein Starker und wer sich selbst beherrscht, besser als einer, der Städte einnimmt.

Sprüche 16.32

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Heute nennt uns die Tageslosung der Herrnhuter Brüdergemeine einen Spruch aus der lebenspraktischen Weisheit von König Salomo. Wohl dreitausend Jahre alt ist dieser Satz und zu gleich verblüffend aktuell. In den Sprichwörtern, Kapitel 16, Vers 32 steht: „Ein Geduldiger ist besser als ein Starker und wer sich selbst beherrscht, besser als einer, der Städte ein nimmt.“

Was bedeutet es eigentlich, stark zu sein? Oft verbinden wir Stärke mit Durchsetzungsvermögen, Mut und Erfolg. Stark ist, wer etwas bewegt und sich behauptet. Stark erscheint, wer seine Ziele erreicht, sich gegen Widerstände durchsetzt und Einfluss gewinnt. Doch die Losung setzt einen anderen überraschenden Maßstab: „Ein Geduldiger ist besser als ein Starker.“ Und noch erstaunlicher: „Wer sich selbst beherrscht, ist besser als jemand, der Städte erobert.“ Damit stellt die Losung unsere Vorstellung von Stärke auf den Kopf. Eine Stadt einzunehmen, braucht Kraft, Härte, Strategie und Durchhaltevermögen. Die Kriegsschauplätze auf unserer Welt führen uns das jeden Tag neu vor Augen. Sich selbst zu beherrschen, erscheint dagegen unspektakulär. Niemand applaudiert, wenn wir auf eine verletzende Reaktion verzichten. Niemand sieht es, wenn wir den Ärger hinunterschlucken und geduldig bleiben.

Aber wir hören heute: Das ist echte Stärke. Wenn wir etwas tiefgründiger überlegen, entdecken wir schnell: Einen anderen Menschen beiseitedrängen oder ihn fertig machen ist relativ leicht. Viel schwerer aber ist es, sich selbst zu beherrschen. Wir können einen Streit gewinnen und dabei einen Freund verlieren. Wir können Recht haben und trotzdem lieblos handeln. Wir können unsere Meinung durchsetzen und dabei den Frieden zerstören. Wir merken: Geduldig sein, sich selbst beherrschen, das ist nicht leicht. Aber es ist echte Stärke, die unser Miteinander wirklich voranbringt. Geduld und Selbstbeherrschung bedeuten eben nicht Schwäche oder Gleichgültigkeit. Ein geduldiger Mensch kann sehr wohl klar und entschlossen sein. Und er kennt auch Gefühle wie Wut und Enttäuschung und Angst. Ein Geduldiger aber muss nicht sofort reagieren. Er muss keine Stärke ausspielen. Er kann vielmehr warten und zuhören. Und er kann beten, bevor er spricht.

Vielleicht gibt es gerade einen Menschen oder eine Situation, bei der Sie diese Geduld brauchen. Vielleicht haben Sie das Gefühl: „Jetzt muss ich endlich reden!“ Oder: „Das lasse ich mir nicht gefallen!“ Die Starken dieser Welt wollen an dieser Stelle ihren Willen durchsetzen. Die Selbstbeherrschten dagegen fragen: Was ist jetzt im Sinne Gottes? Jesus ist hier ein großes Vorbild. Er hätte allen Grund gehabt, sich gegen seine Widersacher zu wehren. Doch er reagierte nicht mit Hass und Vergeltung. Seine Stärke zeigte sich gerade darin, dass er sich Gott, dem Vater anvertraute und sich nicht von Zorn oder Rache bestimmen ließ. Das ist echte Stärke.

So lade ich Sie zum Schluss ein, mitzubeten: „Barmherziger Gott, schenke mir heute echte Stärke. Hilf mir, mich selbst zu beherrschen, wenn ich wütend oder verletzt bin. Gib mir Geduld, wenn ich am liebsten sofort reagieren möchte. Bewahre mich davor, andere besiegen zu wollen. Lass mein Verhalten deine Liebe und deine Weisheit widerspiegeln. Amen.“

Autor/-in: Pastor Wolfgang Ortmann