10.08.2026 / Bibel heute
Aneinander vorbeireden
Wer unter euch kann mich einer Sünde überführen? Wenn ich die Wahrheit sage, warum glaubt ihr mir nicht? Wer von Gott ist, der hört Gottes Worte; ihr hört darum nicht, weil ihr nicht von Gott seid. Da antworteten die Juden und sprachen zu ihm: Sagen wir nicht mit Recht, dass du ein Samariter bist und von einem Dämon besessen bist?[...]
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Begegnungen im Alltag: Wenn Glaube auf Ablehnung trifft
An einem Sonntagmorgen bin ich mit einer Frau aus der Gemeinde in der Saaleaue, der grünen Lunge von Jena, unterwegs, um Menschen zum Open-Air-Gottesdienst und zum Glauben einzuladen. Ein älterer Mann winkt ab, als er die Worte Gott und Kirche hört. Es ist einfach kein Gespräch möglich. Er hat seine Erfahrungen und seine Sicht auf Glaube und Kirche, über die er aber nicht näher reden will. Wir gehen weiter. Ein anderer Mann führt seinen Hund aus und wir sprechen ihn an. Als die Rede auf den Glauben kommt, winkt auch er ab. Für ihn ist das alles ein Märchen. Glaube ist unwissenschaftlich und es sei bewiesen, dass es keinen Gott und Schöpfer gibt. Er sei Kommunist und glaube an den Sozialismus und an das Gute im Menschen. Und wir spürten, wir reden aneinander vorbei, weil jeder von uns scheinbar auf einem anderen Stern lebt.
Jesus und die Pharisäer: Der Streit um die Person Christi
Auch in unserem Bibeltext habe ich das Gefühl, hier leben zwei Gesprächsparteien in völlig unterschiedlichen Welten. Sie reden einfach aneinander vorbei und sie finden nicht zueinander: Jesus und die Pharisäer. Ich kenne von Jesus auch die Predigten, wo er ganz anders, volkstümlich, spricht und den Menschen in ihrer Lebenswelt in Gleichnissen ganz nahe kommt. Aber hier in unserem Text geht es Jesus um seine eigene Person und er möchte den Menschen das sagen, was er auch zu sagen hat: „Ich bin das Licht der Welt“, so heißt es am Anfang des Kapitels. Und dann geht es in allen weiteren Versen um seine Person. Der Zimmermann aus Nazareth erzählt davon, dass er der Messias ist. Dass er den Menschen ewiges Leben geben kann und dass er schon gelebt hat, als Abraham noch durchs Land zog. Jesus möchte von sich reden und lädt ein, ihm nachzufolgen, ihn zu erkennen als der, der er in Wirklichkeit ist: der Sohn Gottes, der eine Einheit mit dem Vater bildet. Wer von Gott ist, der wird mich verstehen, aber wer ein Kind der Finsternis ist, dem bleibt der Zugang zu meiner Person verschlossen.
In unserem Text fallen derbe Ausdrücke über die Partei des anderen: einer unterstellt dem anderen, von bösen Geistern, ja vom Teufel besessen zu sein. Das sind harte Worte. Ich will sie mal versuchen zu übersetzen: beide Parteien haben einen unterschiedlichen Blickwinkel, schauen von einem anderen Stern her auf die Person Jesu. Jesus lädt ein, ihn vom Himmel her zu betrachten als Sohn Gottes. Die Pharisäer betrachten ihn aus rein irdischer, weltlicher Perspektive: als Zimmermann aus Nazareth, der sich anmaßt Gott zu sein. Und dieses Dilemma begleitet uns bis heute. Man kann Jesus rein irdisch einordnen als jüdisch-messianischen Weltveränderer, als humanistisches Vorbild, als Wohltäter von Menschen, die unter Krankheit, Schuld, Ausgrenzung und anderem leiden.
Ich kann ihn aber auch göttlich einordnen als Licht der Welt und als Gesandten von Gott, der in unsere Welt hineingekommen ist, um die Welt in ihrem Kern zu verändern durch eine Erlösung. An der Person Jesu scheiden sich die Geister. Für unser Verständnis als Christentum ist nicht nur entscheidend, dass wir an einen einzigen Gott glauben, sondern dass wir an Christus und die Notwendigkeit einer Erlösung dieser Welt glauben. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu den anderen Religionen, die auch nur an einen Gott glauben: Judentum und Islam. Der Glaube an Jesus Christus ist der Dreh- und Angelpunkt des christlichen Glaubens und der Identität der Kirche.
Deshalb ist es bedenklich, wenn in Kirchen und Gemeinden eine Christusvergessenheit um sich greift und sich eine Sprachlosigkeit im Blick auf Jesus Christus und den zweiten Artikel unseres Glaubensbekenntnisses ausbreitet. Die Konsequenz ist meist, dass wir dann aufgerufen werden, uns selbst zu erlösen. Jesus wird an diesem Punkt in der Diskussion über den Glauben sehr scharf und spricht vom Sein im Licht und vom Sein in der Finsternis. Doch damit will er nicht ausgrenzen, sondern zum Blickwechsel einladen: in Jesus den Retter der Welt zu sehen. Dazu kann man nicht Menschen in der Diskussion überreden, sondern dafür braucht es eine Offenbarung von oben, so wie Paulus sie gehabt hat. Er stand als Pharisäer auch im Blick auf die Christen auf der Seite der Finsternis und sah in ihnen eine Irrlehre, die man verfolgen müsse, aber er hatte ein Christuserlebnis und damit änderte sich alles. Er trat in das Licht der Erkenntnis über Jesus ein und sah auf einmal alles anders und wurde ein Nachfolger Jesu. Und er war nur einer von vielen Pharisäern, mit denen Jesus hier diskutierte. In Apostelgeschichte 15,5 lesen wir davon, dass später viele Pharisäer eine Begegnung mit dem Auferstandenen hatten und sich der Urgemeinde anschlossen.
Der Blickwechsel von oben – Einladung statt Grabenkämpfe
Sicher kennen Sie auch Streitgespräche, wie wir sie hier von Jesus und den Pharisäern kennen, wo die Fronten sich verhärten und man nur aneinander vorbeiredet. Behalten wir bei solchen Diskussionen im Blick, dass nicht wir mit unseren Argumenten die Wende in der Erkenntnis des anderen herbeiführen können. Es braucht einen Blickwechsel von oben her, eine Begegnung mit dem Auferstandenen selbst, die im anderen eine neue Sicht auf Gott und Jesus eröffnet und zur Einsicht führen kann.
In der eingangs beschriebenen Begegnung mit dem Mann beim Gassi-Gehen, der von der DDR-Ideologie überzeugt war, erlebte ich so etwas in Ansätzen. Nachdem er jegliche christlichen Argumente als unwissenschaftlich abgelehnt hatte und uns fortschickte, fragte meine Begleiterin, ob sie für ihn beten dürfe. Und er hatte nichts dagegen. Während des Gebetes sah ich, dass ihm die Tränen kamen und fragte nochmal nach, ob er denn wirklich noch immer am Ideal des Sozialismus festhalte, obwohl sich das vor drei Jahrzehnten bereits als gescheitertes Experiment erwiesen habe. Da sagte er, dass ihm ja auch selbst schon Zweifel gekommen seien, vor allem als sich sein Sohn damals von der Staatsideologie konsequent abgewendet hatte und Anschluss an die Kirche suchte. Er habe Theologie studiert und sich von den Ansichten seines Vaters bewusst distanziert und sei Pfarrer geworden. Seither lebe er mit den Anfragen des christlichen Glaubens an sein bisheriges Weltbild, könne sich aber auch nicht vom Alten lösen.
Der Glaube an den Gottessohn Jesus Christus ist Dreh- und Angelpunkt des Glaubens und erschließt sich letztlich nur durch die persönliche Begegnung mit dem Auferstandenen. Mögen unsere Gespräche über Jesus Christus mit Kollegen, Familienangehörigen und Wegbegleitern keine Grabenkämpfe sein, wo wir aneinander vorbeireden oder einander mit Argumenten überschütten, sondern mögen es Einladungen zum Blickwechsel sein in der Erwartung, dass der Auferstandene selbst sich dem Gegenüber zeigt und ihn berührt.