18.09.2026 / Bibel heute

„Alles hat seine Zeit“

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;[...]

Prediger 3,1–15

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Alles hat seine Zeit

„Alles hat seine Zeit.“ Oft habe ich diesen kurzen Satz selbst ausgesprochen, wenn es etwas zu tun gab, das einfach getan werden musste. Die Straße fegen hat seine Zeit … Schnee schaufeln hat seine Zeit … den Rasen mähen hat seine Zeit … schlafen gehen hat seine Zeit … usw. Für mich war dieser Satz immer ein Ausdruck dafür, dass jetzt Dinge einfach dran sind und erledigt werden müssen. „Alles hat seine Zeit.“

Der Prediger, der aus seiner Erfahrung und Weisheit heraus wahrscheinlich eher jüngere Menschen anspricht, benutzt diesen Satz jedoch etwas anders.

Er spricht nicht von einer To-do-Liste, die abgearbeitet werden will. Vielmehr zeigt er Gegensätze auf, die sich im Laufe eines Lebens immer wieder ereignen bzw. getan werden. Es gibt nicht nur das eine, sondern auch das andere. Sehr deutlich wird das gleich in dem ersten Gegensatz, den er im zweiten Vers beschreibt:

„Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit …“ (Prediger 3, 2a).

Die Ewigkeit im Herzen

Im ganzen Buch Prediger präsentiert sich der Autor als ein erfahrener, kluger und weiser Beobachter der menschlichen Existenz. Man könnte sagen: Er wirft einen Blick aus höherer Warte auf das volle Menschenleben. Und in seinen Beobachtungen, die er mit seinen Lesern teilt, sieht er Schönes, wie auch Schwieriges; Dinge, die Freude machen, und Dinge, die wirklich wehtun. So, wie es sich im Leben tatsächlich oft darstellt. Und all das gehört zum menschlichen Dasein dazu – „Alles hat seine Zeit.“

Er beobachtet aber auch unterschiedliche Phasen im Leben … Situationen und Ereignisse, die man nicht planen oder einfach tun kann, sondern die einem Menschen im Leben widerfahren. Vieles in unserem Leben ereignet sich außerhalb unserer Möglichkeiten, die Dinge kontrollieren zu können.

Genauso wenig, wie wir in Gänze erfassen und verstehen können, warum dieses oder jenes geschieht, und genauso wenig, wie wir in Gänze das Warum hinter allem verstehen, genauso wenig werden wir in diesem Leben in Gänze erfassen, was Gott alles geschaffen und gemacht hat. Es überfordert unseren Verstand. Und so stellt der Autor des Buches Prediger bei seinen Betrachtungen fest:

„Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt“ (Prediger 3, 11a).

Der erste Teil dieses Verses ist ein Lobpreis auf Gottes unbegreifliche Schöpfungskraft. Ja, Gott hat alles schön gemacht! Auch wenn wir immer wieder Gegensätze erkennen – Dinge, die schön sind … und Dinge, die schwierig sind – soll ich eines nicht übersehen:

„Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit …“ (Prediger 3, 11a).

In den Gegensätzen, die der Autor in den ersten Versen dieses Kapitels beschreibt, schwingt immer auch der Gedanke der Vergänglichkeit mit. Nichts in dieser Welt ist von Bestand. Situationen und Lebensumstände verändern sich. Und da stellt sich manch einer die Frage: Warum soll ich mich überhaupt bemühen, etwas zu tun? Es bringt ja doch nichts, oder? Das geht auch dem Prediger so, denn er schreibt:

„Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon“ (Prediger 3, 9).

Doch dann kommt er mit einer Aussage daher, die aufhorchen lässt:

„… auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt …“ (Prediger 3, 11b).

Bei allem, was uns im Leben so gegensätzlich erscheint … bei allem, was manches Mal so sinnlos und vergänglich erscheint – dem Menschen hat Gott die Ewigkeit ins Herz gelegt. Ein faszinierender Gedanke!

Das Leben aus der Perspektive der Ewigkeit

Wenn wir aus zehntausend Metern Höhe auf unser Leben schauen und auf die Zeit, in der wir leben, dann kann einem ganz schön bange werden. Doch wir Menschen sind nicht nur für die Zeit geschaffen. Wir sollten nicht nur aus zehntausend Metern Höhe unser Leben betrachten, sondern aus einer Perspektive der Ewigkeit. Das wird unseren Horizont stark erweitern, und wir begreifen mit Staunen und Dankbarkeit, 

„… dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende“ (Prediger 3, 11c).

Wer seine Begrenztheit, sein Unvermögen, manche Gegensätze zu erfassen, aber auch die Größe Gottes aus einer Perspektive der Ewigkeit betrachtet, der vermag auch zu erfassen,

„dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes“ (Prediger 3, 12–13).

Wer das beherzigt, der lebt in diesem Leben schon aus einer Perspektive der Ewigkeit … aus der Perspektive dessen, was Gott für uns schon hier und in der Zukunft bereithält.

Das Leben bewusst leben und es genießen ist tatsächlich eine Gabe Gottes … ein Geschenk, das uns schmecken und sehen lässt, wie freundlich der Herr ist – so hat es David in Psalm 34 beschrieben.

Ich finde es faszinierend, dass der ewige Gott, der keinen Anfang und kein Ende hat, den Menschen in die Zeit gestellt hat. In dieser Zeit, auf dieser Wegstrecke – wenn man so will – haben wir mit Gegensätzen zu tun, mit Vergänglichem, aber auch mit der Hoffnung, dass das Beste erst noch kommt. Wichtig ist mir, an dem Ziel festzuhalten, das im Westminster-Katechismus prägnant auf den Punkt gebracht wird:

„Das höchste Ziel des Menschen ist es, Gott zu verherrlichen und sich für immer an ihm zu freuen.“

Wenn wir unser Leben auf dieses Ziel hin ausrichten … wenn wir das Leben aus der Perspektive der Ewigkeit betrachten … dann können wir unser Leben in der Begrenztheit der Zeit zur Ehre Gottes genießen. Der Schöpfer hat die Lebensspanne eines Menschenlebens zwar begrenzt, doch hat er auch die Ewigkeit in unser Herz gelegt.

Ein Lebensmotto für das ganze Leben

Und so habe ich für mich persönlich ein Lebensmotto gefunden, das mich immer wieder inspiriert und herausfordert:

Ich will ein Leben führen, das Gott ehrt, mich selbst erfüllt und für andere ein Segen ist.

Ja, alles hat seine Zeit. Aber dafür … das zu tun … dafür haben wir ein ganzes Leben Zeit.

Autor/-in: Pastor Hans-Günter Mohn