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Zickenalarm

Wie Frauen ihr Konfliktpotenzial verbessern können.


Wenn zwei Frauen sich streiten, wird es schon mal ungemütlich für die Umstehenden. „Achtung, Zickenalarm!" heißt es dann. Beleidigende Worte, kalkulierte Fiesheiten, hysterisches Schluchzen, übertriebene Empfindsamkeit sind die Zutaten für ein solches emotionales Drama. TV-Soaps oder Reality-Shows bedienen sich gerne dieser explosiven Konstellation. Auch das Miteinander von Arbeitskolleginnen oder die Beziehung Schwiegermutter – Schwiegertochter atmet manchmal einen Hauch davon.
 

Emotionale Kriegsführung

Wenn ich die uralte, biblische Geschichte von Hagar und Sara an lese, kommt mir dieser Begriff ebenfalls in den Sinn. Kein Wunder, die Lebensumstände der beiden Frauen sind prädestiniert für einen solchen Konflikt: Hagar ist Sara als leibeigene Magd auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Umgekehrt hat sie aber etwas, worum ihre kinderlose Herrin sie brennend beneidet, nämlich einen Sohn. Der Vater des Jungen ist pikanterweise Saras Mann Abraham.

Nun ist Saras Kinderlosigkeit für eine Frau ihrer Zeit und Kultur an sich schon ein demütigender Zustand. Damit aber nicht genug, trägt Hagar den sichtbaren Erfolg des Zusammenseins mit ihrem Herrn stolz zur Schau und schaut auf ihre Dienstherrin herab. Aus dieser Situation heraus entsteht eine äußerst ungute Mischung, in der sich die beiden Frauen nach allen Mitteln der Kunst demütigen und sich gegenseitig das Leben schwer machen. Abraham selbst steht zwischen allen Fronten und kann eigentlich nur verlieren, egal, wie er sich verhält. Fairerweise muss man hinzufügen, dass Sara selbst die fragwürdige Idee zu dieser Leihmutterschaft hatte, die im Alten Orient allerdings ein durchaus übliches Vorgehen war. Wer das ausführliche Drehbuch zu diesem Familiendrama nachlesen will, findet die Details in den biblischen Berichten in 1. Mose 16,1-16 und 1. Mose 21,8-21.
 

Scherbenhaufen statt Kontrolle

Was hat Sara und Hagar zu ihrem jeweiligen Verhalten getrieben? Bei Sara vermute ich, dass sie die Umstände endlich selbst in die Hand nehmen wollte, nachdem Gott sein Versprechen, ihr ein Kind zu schenken, nicht einzulösen schien. Es ist kaum anzunehmen, dass sie die Konsequenzen aus ihrem Vorschlag vorab bedacht hat. Sie hat sich vermutlich aus einer starken, verzweifelten Gefühlslage dazu entschieden. Trotzdem muss sie irgendwo in ihrem Gewissen Bedenken gespürt haben.

War es ihr wirklich völlig egal, dass sie ihrer Dienerin zumutete, mit einem wesentlich älteren Mann ins Bett steigen zu müssen, nur um ein Kind zu gebären, das rein rechtlich dann gar nicht der richtigen Mutter gehören würde? Hat Sara nicht gemerkt, dass ihr Mann mit dem Vorschlag überhaupt nicht einverstanden war und nur nachgegeben hat, weil sie nicht aufhörte, Druck zu machen? Hat sie ihr Vorgehen bereut, als Hagar ihr die Schwangerschaft unter die Nase gerieben hat und sich die Machtverhältnisse zwischen den beiden auf einmal zeitweise umkehrten? Und vor allem, was hat sie schließlich dazu bewegt, ihre schwangere Dienerin buchstäblich in die Wüste zu schicken – mit einem Kind im Leib, dessen Vater immerhin ihr Mann war?

Ich vermute, dass spätestens an diesem Punkt eine Warnlampe irgendwo in Sara tiefrot und schrill aufleuchtete und sie gewusst hat, dass dieses Verhalten nicht in Ordnung ist – rein menschlich gesehen nicht und erst recht nicht in den Augen des Gottes, an den sie glaubte. Anscheinend war sie zu diesem Zeitpunkt emotional aber schon so verstrickt in einem Netz aus verletztem Stolz und Rachegedanken, dass sie selbst keinen Weg mehr herausgefunden hat. Sie war nicht mehr Herrin ihrer selbst und hat mit ihrem unbeherrschten Verhalten nicht nur sich selbst geschadet, sondern auch der Beziehung zu ihrem Mann und vor allem ihrer Dienerin und deren Sohn. Sara erlebt das Gegenteil von dem, was sie eigentlich wollte: den totalen Kontrollverlust. Nichts von dem, was sie ursprünglich geplant hat, hat geklappt. Stattdessen bleibt Sara ein Scherbenhaufen an Beziehungen.
 

Selbstwert auf Treibsand

Auch bei Hagar können wir ein Stückweit erahnen, was sie zu ihrem Handeln getrieben hat. Wahrscheinlich hat Abraham die junge Frau zu irgendeinem Zeitpunkt bei fahrenden Sklavenhändlern oder in Ägypten auf dem Sklavenmarkt als Dienerin für seine Frau gekauft. Unter welchen Umständen Hagar dorthin gekommen ist, wissen wir nicht, aber es waren sicherlich keine schönen. Nun musste sie sich in ein Leben fügen, in dem sie so gut wie keine Rechte hatte, sondern nur Pflichten.

Die übrigen biblischen Schilderungen von Abraham und Sara lassen zwar vermuten, dass die beiden nicht die schlechtesten Besitzer waren. Aber Sklavin bleibt Sklavin, und damit hatte sie kaum eine Perspektive für ein selbstbestimmtes Leben in irgendeiner Form. Den Tiefpunkt erreicht Hagars Geschichte dann möglicherweise in dem Moment, in dem sie ihrer Besitzerin als Gebärmaschine zur Verfügung stehen soll. Viel schlimmer kann es für sie als Frau und Sklavin eigentlich nicht mehr kommen. Und doch wird diese Demütigung zumindest vorläufig zum Wendepunkt in Hagars Dasein. Sie trägt Abrahams Kind in sich. Was für ein Triumph!

Dazu kommt, dass Abraham sie unter diesen Umständen wahrscheinlich besser und wertschätzender behandelt hat als zuvor. Möglicherweise hat er sie tatsächlich als das wahrgenommen, was sie tatsächlich war – die Mutter seines zukünftigen Erben. Hagars Selbstwertgefühl erlebt einen ungeahnten Höhenflug. Gut möglich, dass sie sich davon einen sozialen Aufstieg erhofft hat und deswegen alles daran setzt, um Abrahams rechtmäßige Zweitfrau zu werden.

Als junge und augenscheinlich fruchtbare Nebenbuhlerin standen ihre Chancen dafür gar nicht mal so schlecht. Allerdings verliert Hagar hier den Blick für die Realität. Sie vergisst, dass Sara und Abraham schon lange miteinander verheiratet waren und trotz einiger Krisen eine gute Ehe hatten. Sie verdrängt, dass Abraham von Anfang an nicht mit der Idee einverstanden gewesen war und Hagar wahrscheinlich nur deswegen mit mehr Anstand und Respekt behandelte, weil er sich bewusst ist, dass alles andere in dieser Situation der Gipfel an schuldhaftem Verhalten gewesen wäre. Hagar merkt nicht, dass der Nährboden ihres neu gefundenen Selbstbewusstseins Treibsand ist. Denn trotz allem haben sich ihre Lebensumstände nicht wirklich geändert: Sie ist nach wie vor eine Sklavin, mehr nicht.
 

Mein persönliches Zickenpotenzial

Was auch immer die Beweggründe von Sara und Hagar waren – sie scheitern damit und machen sich selbst und ihrer Umgebung mit ihrem Verhalten das Leben zur Hölle. Und genau aus diesem Grund ist der Spiegel, den uns diese tragische, alte Geschichte bis heute vorhält, heilsam. Sie macht mich auf mein eigenes Zickenpotenzial aufmerksam. Wenn ich mir anschaue, in welchen Situationen ich eifersüchtig bin, andere bewusst oder unbewusst demütige oder mein Selbstwertgefühl aufpolieren möchte, dann hat das mit ganz ähnlichen Motiven zu tun:

Wie Sara habe ich manchmal eine genaue Vorstellung, wie etwas laufen soll. Wenn diese Vorstellung durchkreuzt wird, reagiere ich beleidigt oder patzig. Wenn ich dann auch noch in der Position bin, es mein Gegenüber spüren zu lassen, dass ich ihn als den Schuldigen an meiner Misere betrachte, dann lasse ich es ihn auch spüren. Natürlich nicht direkt – dafür bin ich schließlich zu zivilisiert. Aber ganz subtil fallen dann verletzende, anklagende Äußerungen oder ich mache den anderen klein, indem ich ihm das Gefühl gebe, ein Versager zu sein, der mir nur im Weg steht.

Ähnlich wie bei Hagar gibt es Momente in meinem Leben, in denen mein Selbstbewusstsein durch beruflichen Erfolg oder ein gelungenes soziales Networking einen ungeheuren Auftrieb bekommt und ich das Gefühl habe, über allem und jedem zu stehen. Ich schwebe dann förmlich in dem Gefühl, es endlich geschafft zu haben! Endlich bin ich wer und muss nicht mehr um meinen Wert kämpfen. Die Freude daran ist meistens allerdings nicht von langer Dauer, weil mir früher oder später das nächste Missgeschick passiert, ich in ein Fettnäpfchen trete. Oder mir läuft jemand über den Weg, der sowieso Everybodys Darling ist und mich ganz schnell spüren lässt, dass ich diese Position eben nicht inne habe. Der Fall zurück auf den Boden der Tatsachen tut nach solchen Pseudohöheflügen besonders weh. Aber man ist schließlich zäh, und so sucht das angeschlagene Ego nach der nächsten Gelegenheit, um sein Image – wenn nötig auf Kosten anderer – aufzupolieren.
 

Das eigene Waffenarsenal einstampfen

Was hilft gegen diesen Zickenterror, dieses verzweifelte Streben nach Anerkennung und die Eifersucht, wenn sie einem versagt bleibt? Meistens laufen diese Vorgänge schließlich innerhalb von Sekundenbruchteilen im Unterbewusstsein ab, so dass man im ersten Moment kaum die Möglichkeit hat, etwas dagegen zu tun. Aber im zweiten Moment gibt es doch die Chance, über das eigene Verhalten nachzudenken und es zu korrigieren.

Als Christin bietet mir mein Glaube darüber hinaus eine Perspektive, die mögliche Konfliktsituation entscheidend verändern kann: Ich weiß zum einen, dass ich nicht alles unter Kontrolle haben muss – das ist Gottes Job. Ich darf loslassen und darauf vertrauen, dass Gott für mich sorgt und mein Leben in seiner Hand hält. Das gibt Gelassenheit für die Momente, in denen es nicht so läuft, wie ich es mir vorgestellt habe. Zum anderen weiß ich, dass Gott mich bedingungslos liebt und mich mit meinen Fähigkeiten und Begrenzungen gewollt hat. Ich muss kein Überflieger sein, muss mich nicht beweisen und meinen Selbstwert auf Kosten anderer aufpolieren.

Beides zusammen schenkt mir im Idealfall eine Mischung aus innerer Freiheit, Gewissheit und Demut, die mich vor dem Irrglauben und der Versuchung bewahrt, dass ich mein ganz persönliches Waffenarsenal gegen andere einsetzen muss. Im realen Leben kommt es meistens leider doch immer wieder zum einen oder anderen Scharmützel. Die traurige Geschichte von Sara und Hagar ist mir aber eine Mahnung, dass ich die Dinge nicht aus dem Ruder laufen lasse, sondern mit Gottes Hilfe bewusst und ausdauernd an meiner Konfliktfähigkeit arbeite und mein Zickenpotenzial möglichst klein halte. Das tut mir gut und meiner Umgebung erst recht.


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