Andacht Lesezeit: ~ 4 min

Wütend? Mach was draus!

Wie sich Wut und Zorn für Gutes nutzen lassen.


Wenn ich richtig wütend bin, dann passieren mir schon mal Dinge, die ich hinterher bereue. Ein klein bisschen bereue ich zum Beispiel meinen Wutausbruch neulich, als ich mit meinem Altpapierkorb vor der gerade erst geleerten Tonne stand, nur um sie wieder mal bis zum Rand mit Möbelkartons vollgestopft vorzufinden. Alle in unserem Haus sind erst kürzlich eingezogen. Jeder kauft neue Möbel und hat durch die großen Kartons entsprechend viel Müll. Aber ein bestimmter Nachbar scheint die leere Tonne als Einladung aufzufassen, sich die Fahrt zum Wertstoffhof zu sparen, weil ja wieder Platz ist.

Dass der Rest der Hausgemeinschaft dann wochenlang das normale Altpapier in der Wohnung oder im Keller einlagern darf, scheint der Person egal zu sein. Ich knallte also meinen vollen Papierkorb auf den Boden und schrie: „Welcher Idiot haut denn immer die Tonne so voll?“ Aber leider ging nirgendwo ein Fenster auf, aus dem eine verschüchterte Stimme erwiderte: „Entschuldigung, ich bin der Idiot und ich werde meine überdimensionierten Kartonagen künftig nachbarschaftsverträglich entsorgen!“ Schade eigentlich.
 

Kraftquelle Wut

Noch immer wütend schleppte ich mein Altpapier zurück in die Wohnung, setzte mich ans Notebook und begann, einen gepfefferten Aushang fürs Schwarze Brett zu formulieren. Doch dann kam es, dass während ich einen glasscherbenscharfen Satz nach dem anderen in die Tastatur hämmerte, mir etwas dämmerte. Ich war voller Elan und Energie! Der Tatendrang war so groß, dass ich ihm direkt nachgeben musste. Ich genoss die Kraft, die die Wut in mir freisetzte und mich beflügelte. Ich hatte richtig Spaß daran! Da kam mir ein Gedanke: Warum verschwendest du diese Energie für Aggression? Warum machst du nicht etwas daraus, das dir wirklich Spaß macht? Dir und anderen? Statt mit deiner Wut für noch mehr Unfrieden zu sorgen, könntest du mit dieser Kraft sogar das Gegenteil bewirken!

Vergeltet anderen Menschen nicht Böses mit Bösem, sondern bemüht euch allen gegenüber um das Gute. Tragt euren Teil dazu bei, mit anderen in Frieden zu leben, so weit es möglich ist! (Römer 12,17-18)

 

Verblüfft hielt ich inne. Da war was dran! Dann löschte ich meine wütende Tirade. Stattdessen begann ich zu dichten. Aus meinem Rumgemaule wurde ein heiteres Gedicht über Altpapiertonnen, Möbelkartons und die Möglichkeiten einer nervenschonenden Entsorgung. Das machte mir so viel Spaß, dass ich fast zwei Stunden lang an Reimen und Rhythmen feilte, bis ich mit dem Ergebnis zufrieden war und es ans Schwarze Brett heftete. Am Ende war ich dem Nachbarn richtig dankbar für den kreativen Schub!

Warum verschwendest du die Energie deiner Wut für Aggression? Statt mit deiner Wut für noch mehr Unfrieden zu sorgen, könntest du mit dieser Kraft sogar das Gegenteil bewirken!

 

Welchen Weg lasse ich meine Wut gehen?

Zornig oder wütend werden ist an sich nichts „Böses“. Diese starken, eruptiven Gefühle zeigt sogar Jesus, wie die Szene, in der er die Händler mit Peitschen aus dem Tempel vertreibt und deren Tische umwirft, eindrücklich schildert. Wut und Zorn setzen Kräfte frei, die beleben und mobilisieren. Manchmal braucht es sogar eine gewisse Prise davon, um Trägheit abzuschütteln. Viele gute Dinge sind überhaupt erst geschehen, weil jemand wütend geworden ist und die freigewordene Energie in sinnvolle Taten umgesetzt hat.

Friedliche Revolutionen beispielsweise sind das Produkt zorniger Menschen, die ihre Energie für Gerechtigkeit eingesetzt haben. Ich bin mir sicher, dass Gott Menschen in solchen starken Gefühlen leiten kann, damit sie in seinem Sinne handeln. Das ist eine Frage des Hörens auf Gott, der Besonnenheit und der Selbstkontrolle.

Ärger und Wut können Bösem dienen, wenn sie unbedacht von der Leine gelassen werden. Oft ziehen sie so sehr daran, dass man sie nur zu gerne loslässt. Ich kann sie auf Mitmenschen hetzen und laut „Fass!“ rufen. Ich kann sie aber auch zum Austoben auf eine Spielwiese schicken, wenn es die Möglichkeit gibt. Nicht immer ist diese Spielwiese vorhanden – das deutet der Satz „wenn es möglich ist“ in dem Vers aus Römer 12 an. Aber gerade in den kleinen Ärgernissen im Alltag – das sind übrigens jene, bei denen ich schnell dazu verleitet werde, Böses zu tun – gibt es meistens die Gelegenheit, die Schaffenskraft von Zorn und Wut in eine gute Richtung zu dirigieren.

Es sind nicht die Gefühle an sich, die konstruktiv oder destruktiv wirken. Es sind die Entscheidungen, die ich unter ihrem Einfluss treffe. Lerne ich, Gott und seinen Willen in diese Entscheidungen mit einzubeziehen, erweitert sich damit automatisch mein Handlungsspielraum, der die Möglichkeit einer friedlichen Lösung wahrscheinlicher macht. 

Mit Gottes Hilfe kann ich meine Wut und meinen Zorn in Wege leiten, die aufbauen, statt zerstören. Die Böses mit Gutem vergelten. So kann ich dazu beitragen, in Frieden mit meinen Mitmenschen zu leben.

Mit Gottes Hilfe kann ich meine Wut und meinen Zorn in Wege leiten, die aufbauen, statt zerstören. Die Böses mit Gutem vergelten. So kann ich dazu beitragen, in Frieden mit meinen Mitmenschen zu leben.

 

Das Altpapier-Gedicht

Das Alpapier-Gedicht

 

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Kommentare

Von Mirko am .

Wäre es denn möglich, liebe Frau Katrin Faludi, dass Sie ihr Gedicht auch hier reinsetzen?
Danke schön!


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