25 Jahre Mauerfall

Verraten, verhaftet, fassungslos

Matthias Storck landet im DDR-Knast, weil ein Pfarrer ihn an die Stasi verrät

Dass Geistliche in der DDR oftmals ein Doppelleben führten, wird Matthias Storck erst nach der Wende richtig bewusst. Der heute 58-jährige Theologe wächst als Pfarrerssohn in der DDR auf. In Familie und Kirche erlebt er, was vielen verwehrt bleibt: Offene Diskussionen und freie Meinungsbildung. Dass die Stasi Spitzel auf ihn ansetzt, vermutet Storck. Doch ahnt er nicht, wie nah sie an ihm dran sind.

Storck verbrachte 24 Jahre seines Lebens in der sozialistischen Republik. Zunächst wohnt er im Mansfelder Land, dann zieht er mit seiner Familie nach Berlin. Die Trennung Deutschlands hat Matthias Storck hier direkt vor Augen: Fast täglich sieht er die Mauer. Die räumliche und politische Eingrenzung ist allgegenwärtig. Storck ist sich sicher: „Diese Mauer hält länger als ich.“ 

Die Kirche als Zufluchtsort

In der Schule ist Matthias Storck ein Außenseiter. Er ist – anders als die anderen Kinder – kein  Mitglied der FDJ. Das bekommt er zu spüren. Mit dem Schulabschluss ist es allerdings noch nicht vorbei: Obwohl Storck gerne studieren möchte, darf er es nicht. Ein Studienplatz wird ihm verwehrt. Storck macht erst eine kaufmännische Ausbildung, besucht dann ein kirchliches Seminar und beginnt anschließend ein Theologiestudium in Greifswald.

Storck empfindet während dieser ganzen Zeit sein christliches Elternhaus und die Kirche als Rückzugsorte. Hier tauscht er sich mit Gleichgesinnten aus. Alle empfinden eine Distanz zur atheistischen DDR, das schweißt zusammen. Es herrscht eine offene Atmosphäre. Man vertraut sich gegenseitig an – zumindest versucht man das.

Geistliche Maulwürfe

Die Stasi weiß natürlich, wie sich die Kirchen und deren Verantwortliche dem Staat gegenüber positionieren. Das macht sie zu einem besonderen Ziel für die Staatssicherheit. Weit über 100.000 inoffizielle Mitarbeiter sorgen dafür, dass die Stasi überall ihre Augen und Ohren hat. Auch in den Kirchen sind viele Spitzel untergebracht.

Nicht selten erpresst die Stasi Kirchenmitglieder mit großen Beziehungsnetzen. Andere bieten sich der Stasi selbst als Mitarbeiter an. Die Staats-Kritiker müssen sich gut überlegen, wem sie was sagen. Sogar die engsten Vertrauten könnten für die Stasi unterwegs sein. Matthias Storck will das zunächst nicht wahrhaben: „Ich habe damals nicht geglaubt, dass ein Pfarrer in einem totalitärem System Gottesdienste feiert, Abendmahl austeilt, Konfirmandenunterricht erteilt und gleichzeitig ein Stasi-Mann sein kann. So naiv war ich, dass ich dachte, das geht nicht. Als ich merkte, es geht doch, war ich erschüttert und entsetzt.“

Fahndungsfoto Matthias
Storck. (Bild: privat)

Dass ein Geistlicher für die Stasi arbeiten kann, bekommt Matthias Storck am eigenen Leib zu spüren: Ein befreundeter Pfarrer gibt ihm und seiner Verlobten einen Zettel, auf dem Ort und Zeit für eine Flucht in den Westen notiert sind. Dabei hatte Storck ihn gar nicht darum gebeten. Er wollte nicht einmal in den Westen fliehen. Am 2. Oktober 1979 werden er und seine Verlobte Christine in Greifswald verhaftet und nach Berlin ins Gefängnis gebracht. Storck weiß noch nicht, dass die Verhaftung aufgrund des Zettels seines Freundes erfolgte.

Von der Bundesrepublik freigekauft

Es folgen zehn Monate Untersuchungshaft. Zehn Monate Verhöre. Zehn Monate Entwürdigung. Es kommt zum Prozess gegen ihn und seine Verlobte. Das Urteil lautet: 2 Jahre und 8 Monate wegen „Fluchtversuch und landesverräterischer Agententätigkeit“. Storck, der sich unwissend mit einem Spitzel angefreundet und sich diesem anvertraut hatte, wird wegen „Agententätigkeit“ verurteilt. Was für eine bittere Ironie.

Matthias Storck kommt in die Strafvollzugsanstalt nach Cottbus, die Entwürdigung ist hier dieselbe. Die Häftlinge in der DDR – insbesondere die politischen – sind der Willkür ihrer Bewacher schutzlos ausgeliefert. Rechte haben sie keine. Matthias Storck wird geschlagen, anschließend in eine Einzelzelle verlegt. Diese bezeichnet er als „Käfig“: Storck lebt auf vier Quadratmetern, ohne Fenster oder Tür. „Wenn ich mir das von heute aus angucke, dann denke ich immer noch: Gut, dass ich nicht vorher wusste, wie schlimm die Gefängnisse in der DDR sind. Sonst hätte ich nie einen Piep und nie einen Mucks gemacht“, sagt Storck.

Nach 14 Monaten erlebt Matthias Storck eine Überraschung: Er wird freigelassen und in den Westen abgeschoben. Die Bundesrepublik hat Storck, seine Verlobte und weitere 40 Häftlinge freigekauft. Ob seine Verlobte allerdings mit ihm in den Westen ziehen darf, weiß Storck nicht. „Das war eine Angst, die trieb mich um“, erinnert sich Storck. Als er in den Bus steigen sollte, der ihn über die Grenze bringt, wiederholt sich eine Frage in seinem Kopf: „Ist sie da? Ist sie da? Ist sie da?“ Dann sieht er seine Christine bereits im Bus sitzen.  

Im Westen kann Storck sein Theologiestudium endlich fortsetzen. Nach seinem Abschluss wird er Pfarrer der westfälischen Kirche. Um die Erlebnisse zu verarbeiten, beginnt Storck zu schreiben. Es entstehen die Bücher „Karierte Wolken“ und „Wege durchs Niemandsland“.

„Vor Dummheiten schützen“

„Das alles ist ein riesiges Wunder“
Hören Sie Matthias Storck im Gespräch mit Heiko Brattig in der Sendereihe „Calando“
Foto: © privat / Matthias Storck

Als 1989 die Mauer fällt, traut Matthias Storck zunächst seinen Augen und Ohren nicht. „Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass zu meinen Lebzeiten dieses schreckliche Gebilde verschwindet.“ Storck ist stolz auf die Menschen, die daran beteiligt waren, das diktatorische System zu zerbrechen. Da er seine Freiheit im Westen zu schätzen weiß, freut er sich, dass nun alle Bewohner Deutschlands in diesen Genuss kommen. Dass bei der Wiedervereinigung nicht alles reibungslos läuft und immer wieder Fehler auf politischer Ebene gemacht werden, nimmt er wahr. Trotzdem lässt sich Matthias Storck die Freude über das Ende der DDR nicht nehmen.  

Eine persönliche Schreckensbotschaft erhält er eher zufällig: Der Pfarrer, der ihm den Zettel zugesteckt hatte, war tatsächlich für seine Inhaftierung verantwortlich. Dieser Theologe ist allerdings nicht zum Verrat gezwungen worden: Als Storck ihn zur Rede stellt, erklärt der Bekannte, er habe Storck und seine Verlobte nur vor „Dummheiten“ schützen wollen. Die DDR sei nicht das richtige Umfeld für sie gewesen – er hätte nur das Richtige tun wollen.

Ein Schuldeingeständnis folgt nicht, genauso wenig eine Entschuldigung. „Der wollte lieber Gott spielen“, sagt Storck über den Pfarrer. „Er kann mit seinen Fäden entscheiden, warum und wieso die Geschichte so und nicht anders läuft.“  

Der Vater ein Spitzel!

Es folgt ein noch größerer Schock: Matthias Storck erfährt, dass auch sein Vater – Pfarrer und Vertrauensperson für viele – Spitzel war. Die Stasi hat ihn erpresst, um ihn für ihre Ziele gefügig zu machen. Für Storck ist das ein Widerspruch: Sein Vater hatte ihm damals ausdrücklich verboten, gemeinsame Sache mit dem totalitärem Staat zu machen.


Matthias Storck über seinen Vater, den „Stasi-Mann“

Bis heute kann Storck nicht nachvollziehen, wie aus seinem Vater und anderen Geistlichen Stasi-Männer wurden. Er fügt allerdings hinzu: „Ich bin mir schon bewusst darüber, warum ich das nicht nachvollziehen kann. Ich wurde einfach nie so erpresst! Ich war nie in der Lage, dass mich jemand vor eine Wahl gestellt hat und wo ich den Verrat hätte wählen müssen.“ Dass er davor bewahrt blieb, sieht Storck als größte Gnade seines Lebens an.

Heute ist Matthias Storck dankbar für die politische Wende und vermittelt diese Dankbarkeit auch an seine Konfirmanden. Jedes Jahr fährt er mit ihnen nach Helmstedt, wo früher die Grenze verlief. Dort schärft er ihr Bewusstsein für das Privileg, in Freiheit leben zu dürfen. Jedes Mal blüht seine Begeisterung an diesem Ort neu auf: „Für mich ist der Mauerfall nach wie vor das größte Wunder Europas. Wenn ich darüber nachdenke, was geschehen ist, bin ich noch genauso begeistert wie am ersten Tag.“  


>> Mehr Erfahrungen von Christen in der DDR finden SIe auf unserer Projektseite „25 Jahre Mauerfall - Glaube, der frei macht“


Kommentare

Von Gisela K. am .

Danke, mir hilft dieser Ausschnitt aus der Biografie von Matthias Storck ebenso wie das Buch von Anna Funder "Stasiland". Es ist so wichtig, das die Kinder erfahren, wie diese DDR-Diktatur funktioniert hat und wie viele seelisch Kranke die DDR hinterlassen hat. Aber will die im Wohlstand lebende Spaßgesellschaft sich mit solchen Biografien den Tag versauen lassen?


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