Lebensgeschichte Lesezeit: ~ 5 min

Radikal traurig

Wie seine Trauer den Musiker Bart Millard zu „I can only imagine“ inspirierte.

Die Seligpreisungen aus Matthäus 5 sind einer der außergewöhnlichsten und radikalsten Texte der Bibel. Jesus stellt mit ihnen menschliche Werte und Vorstellungen komplett auf den Kopf. Zu unserem Schwerpunktthema „Radikal anders“ haben wir Geschichten von verschiedenen christlichen Musikern gesammelt, die als Beispiel dienen, das die Seligpreisungen zwar radikal anders, aber auch wahr sind.

Seligpreisung 2:

Gott segnet die, die traurig sind, denn sie werden getröstet werden.“

Eine Kindheit voller Trauer und Gewalt

Erst verlor er seine Mutter. Dann seinen Vater. MercyMe-Frontmann Bart Millard weiß, wie sich Trauer anfühlt. Wenn er über Schmerz, Verlust und Angst singt und spricht, dann tut er es aus eigener Erfahrung.

Als der Musiker drei Jahre alt war, trennten sich seine Eltern. Nach einigen Jahren heiratete seine Mutter zum zweiten Mal und zog in eine andere Stadt, die beiden Söhne blieben bei dem Vater und wuchsen ab dem Zeitpunkt ohne ihre Mutter auf. Doch die Trennung der Eltern sollte nicht die einzige Katastrophe im Leben von Bart Millard bleiben.

Denn was keiner ahnte: Bart Millards Vater war gewalttätig. Bei einem Konzert erzählte der Musiker folgendes: „Alle liebten meinen Vater, aber keiner wusste, dass er jähzornig war. Hinter verschlossenen Türen war er sehr gewalttätig, vor allem mir gegenüber. Ich kann mich kaum an Wochen erinnern, in denen ich nicht vier bis fünfmal geschlagen wurde.“ Als Bart Millard Teenager wurde, hörte die körperliche Gewalt auf – doch sein Vater griff ihn weiterhin verbal und emotional an, ihr Verhältnis wurde von Jahr zu Jahr distanzierter.

Liebe statt Gewalt: eine radikale Veränderung

Als Bart in der 9. Klasse war, wurde bei seinem Vater Krebs diagnostiziert. Bart Millard erinnert sich an diese Zeit: „Das war bittersüß. Ein Teil von mir war froh und hoffte, dass dadurch die Gewalt aufhören würde. Der andere Teil war am Boden zerstört, denn er war mein Vater und alles was ich kannte!“ Was Bart nicht ahnen konnte: die Diagnose sollte für seinen Vater der Start einer radikalen Kehrtwende werden. Die Konfrontation mit seinem eigenen Tod brachte ihn ins Nachdenken und Barts Vater begann, sich immer mehr mit Jesus zu beschäftigen. Was vorher Religion und Fassade gewesen war, wurde eine tiefe Lebensüberzeugung. Auf einmal begann der todkranke Mann regelmäßig zu beten, er hörte auf, seine Kinder verbal niederzumachen, entschuldigte sich gar für sein früheres Verhalten.

Am Anfang misstraute Bart Millard dieser augenscheinlichen Wende, er konnte sich nicht vorstellen, dass Gott Gnade mit diesem gewalttätigen, jähzornigen Mann haben könnte. „Ich dachte: er kann allen anderen was vormachen, mich täuscht er nicht. Doch die Veränderung war nicht zu leugnen. Nicht wegen dem, was mein Vater tat, wenn alle zuschauten – sondern dem, was er tat, wenn keiner zuschaute. Vorher haben wir nie zuhause gebetet, noch nicht mal an Thanksgiving oder Weihnachten. Und plötzlich betete der Mann jeden Abend für mich, meinen Bruder und sogar für meine Mutter, die sich von ihm hatte scheiden lassen. Wer war dieser Typ?“

Ein langer Abschied

Sein Vater lebte noch knapp fünf Jahre, bis er seiner Krankheit erlag. Die meiste Zeit wurde er zuhause gepflegt, was Bart und seinem Bruder die Chance gab, eine neue Beziehung mit ihm aufzubauen. Ganze Nächte lang unterhielt sich Bart Millard mit ihm. Über den Glauben, Jesus, die Vergangenheit und seine Zukunftsträume, die sein Vater nie würde miterleben können. Und bei jedem Gespräch bat er seinen Sohn um Vergebung für das, was er ihm angetan hatte.

Als sein Vater 1991 starb, war die Wut auf ihn nicht mehr da. Sondern Bart, der zu dem Zeitpunkt 18 Jahre alt war, trauerte um den Verlust seines großen Vorbildes und besten Freundes.

„I can only imagine“ – Das Lied, dass alles veränderte

Vor seinem Tod hatte sein Vater für Bart und seinen Bruder einen Fonds angelegt, der beiden für die nächsten 10 Jahre ein monatliches Einkommen sicherte. Wie Bart Millard in einem Interview erzählt, wollte er ihnen damit die Möglichkeit geben, ihre Lebenspläne zu verwirklichen. Drei Jahre später gründete Bart Millard die Band „Mercyme“ und ein Großteil dieser Rente nutzte er, um seine Musikkarriere zu finanzieren. Denn die Gruppe, die am Anfang als ein nebenberufliches Projekt gestartet war, hatte mit der Zeit ausreichend Erfolg. Die Mitglieder konnten so ihren Lebensunterhalt durch Konzerte und CD-Verkäufe bestreiten , auch ohne einen Plattenvertrag.

Als sie 1999 für Aufnahmen im Studio waren, fehlte ihnen noch ein letztes Lied für ihre neue CD. Als Bart Millard sein Tagebuch auf der Suche nach Textideen durchforstete, stolperte er über den Satz „I can only imagine“, was übersetzt in etwa „Ich kann es mir nur vorstellen“ bedeutet. Ein Satz, den er oft in Gedanken an seinen verstorbenen Vater aufgeschrieben hatte. In seiner Trauer hatte er immer wieder versucht, sich vorzustellen, wie es ihm wohl gerade im Himmel ging. Wie es wohl dort aussah? Was tut man im Himmel und wie ist es, Jesus persönlich zu begegnen? Bart Millard begann, seine Gedanken aufzuschreiben und innerhalb von 10 Minuten war der Liedtext von „I can only imagine“ aufgeschrieben.

Ich kann mir nur vorstellen wie es sein wird,

wenn ich an deiner Seite gehe.

Ich kann mir nur vorstellen, was meine Augen sehen werden

wenn dein Gesicht vor mir ist

Ich kann es mir nur vorstellen.

Umgeben von deiner Herrlichkeit,

was wird mein Herz fühlen?

Werde ich für dich tanzen, Jesus?

Oder still sein, aus Ehrfurcht vor dir?

Werde ich in deiner Gegenwart stehen

oder auf meine Knie fallen?

Werde ich Halleluja singen,

werde ich überhaupt sprechen können?

Ich kann es mir nur vorstellen…

Text: Bart Millard © 2001, 2002 Simpleville Music (Admin. by Music Services, Inc.

Ein Segen über den Tod hinaus

Was die Band MercyMe nicht ahnen konnte: dieses Lied war der Durchbruch in ihrer Musikkarriere. In den zwei Jahren nach der Veröffentlichung wurde ihnen ein Plattenvertrag angeboten und „I can only Imagine“ stürmte die amerikanischen Radiocharts. Bis heute ist MercyMe einer der erfolgreichsten christlichen Bands. Bart Millards Geschichte kommt dieses Jahr in den USA als Spielfilm heraus. Die Rolle seines Vaters wurde von dem Hollywooddarsteller Dennis Quaid übernommen.

Für den Musiker ist es ein besonderes Geschenk, dass gerade dieses Lied so erfolgreich geworden ist. In einem Interview erzählte er, dass er in Tränen ausbrach, als er im Januar 2001 die Nachricht bekam, das ihr Lied Nummer 1 der Radiocharts geworden war. Am selben Tag hatte er die letzte Überweisung aus dem Fonds bekommen, den sein Vater vor seinem Tod für ihn angelegt hatte. Er hatte seinen Traum, Musiker zu werden, mit diesem Geld verwirklichen können. Und jetzt, da das Geld aufgebraucht war, brauchte er es nicht länger, denn durch das Lied war die Band entdeckt worden.

 

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