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Nach 30 Jahren zurück nach Russland

Jakob Rüb will als Missionar Menschen zum Glauben an Jesus Christus einladen, begleiten und schulen.

 

Jakob und Irene Rüb (Foto: Lothar Rühl)
Jakob und Irene Rüb (Foto: Lothar Rühl)

Vor 30 Jahren hat Familie Rüb ihre Siebensachen in Russland an der Wolga zusammen gepackt und ist – wie 2,4 Millionen andere Russlanddeutsche – in die alte Heimat ausgewandert. Nun zieht es Jakob Rüb und seine Frau Irene zurück: Der 56-Jährige will ab Juni als Pfarrer der Evangelischen Kirche in Russland in der Stadt Marx an der Wolga im Gebiet Saratow arbeiten. „Gott hat meine Pläne durchkreuzt“, bekennt Rüb, der sich als Missionar versteht.

Jakob Rübs Vorfahren waren einst der Einladung der Zaren gefolgt und wurden in Kasachstan angesiedelt. 1962 erblickte Jakob Rüb in dem 14.000 Einwohner zählenden Dorf Merki im Süden Kasachstans das Licht der Welt. Hier gehörte seine Familie zu einer evangelischen Gemeinde. Als Jakob 14 Jahre alt war und die Regierung in Moskau es erlaubte, zog die Familie nach Marx im Wolgagebiet, das bis 1920 Katharinenstadt hieß. Die 31.500 Einwohner zählende Stadt liegt am Ufer der Wolga. Sie gehörte von 1918 bis 1941 zum Autonomiegebiet der Wolgadeutschen und war dessen zweitgrößte Stadt und Verwaltungssitz.
 

Siedlungen in Russland

Die Russlanddeutschen sind aus den Staaten der früheren Sowjetunion nach Deutschland gekommen. Für sie war das eine Rückkehr in die Heimat ihrer Vorfahren: Im 18. und 19. Jahrhundert haben die russischen Monarchen um Siedler aus Deutschland geworben, besonders die aus Deutschland stammende Zarin Katharina die Große (1729 – 1796). Sie sollten nicht besiedeltes Land bewohnbar machen und bekamen dafür Privilegien wie Steuerfreiheit sowie die Zusage zur regionalen Selbstverwaltung. Anfang der 1990er-Jahre brach die Sowjetunion auseinander. Aus dem Willkommen der russischen Zaren war im Laufe der Zeit ein oft feindliches Klima gegen die deutschen Siedler geworden. Zwangsumsiedlungen, das Verbot zum Studium in der Sowjetunion folgten. Die Schwierigkeiten führten zu dem millionenfachen Wunsch, nach Deutschland auszureisen.
 

Die Wolga-deutsche Kolonie

Die Stadt Marx wurde 1765 als Wolga-deutsche Kolonie durch den Holländer Ferdinand Baron Caneau de Beauregard gegründet und erhielt zunächst den Namen „Baronsk“. 1768 benannte man die Stadt um zu Ehren der russischen Kaiserin Katharina II., in Jekaterinenstadt. Im Jahr 1919 wurde die Stadt durch die Kommunisten nach Karl Marx in Marxstadt und schließlich 1942 in Marx umbenannt, um den deutschen Begriff „Stadt“ auszumerzen.

Die Lutherische Kirche in Marx  (Foto: privat)
Die Lutherische Kirche in Marx  (Foto: privat)

Marx war einst die kulturelle Hauptstadt der Wolgadeutschen. Die lutherische Kirche wurde 1840 erbaut und Mitte des 19. Jahrhunderts zur Domkirche der Heiligen Dreifaltigkeit erhoben. Nach der Oktoberrevolution 1917 die Tragödie folgte ein Religionsverbot, die Kirche wurde enteignet und 1929 geschlossen. Nun wurde das Gotteshaus zweckentfremdet und zu einem Kulturhaus umgewandelt. Nach dem deutschen Angriff auf die UdSSR im Zweiten Weltkrieg wurden die Wolgadeutschen im August 1941 nach Sibirien und Mittelasien deportiert.

Gegen Ende der 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts kam es zu einer Welle der Zerstörung religiöser Denkmäler. An der Kirche wurden die Kuppel und der Glockenturm samt Uhr zerstört. Erst im Zuge von Glasnost und Perestroika konnte in dieser Kirche wieder Gottesdienst gefeiert werden. Sie ist die größte Kirche, die auf dem Gebiet der ehemaligen Wolgadeutschen Republik erhalten blieb. 1993 gründete sich die Evangelisch-lutherischen Dreifaltigkeitsgemeinde mit 12 Mitgliedern neu. Dank Spenden wurde der Kirchturm wieder hergestellt und 2016 die Außenfassade restauriert.
 

Als Militärlehrer in Russland

Dort lernte Jakob Rüb seine Frau Irene kennen, die aus Kirgisien an die Wolga gekommen war. In Marx heirateten die beiden und die älteste Tochter wurde dort geboren. 1989 beschloss die Familie nach Deutschland auszureisen. Zunächst ging es nach Bramsche bei Osnabrück, später nach Aßlar und 1991 nach Wetzlar. Hier begann der vor sechs Jahren verstorbene Vater Rübs, Karl Rüb, Russlanddeutsche um sich zu sammeln und Bibelstunden so zu gestalten, wie es die Besucher aus ihren Siedlungsgebieten kannten. Jakob Rüb hatte in Russland als Sport- und Militärlehrer gearbeitet, seine Frau war Erzieherin. „Als junger Mensch wollte ich vom Glauben meiner Eltern nichts wissen“, erinnert sich Rüb.

Ein schwerer Verkehrsunfall fesselte ihn jedoch wochenlang ans Bett. Die Zeit der Muße brachte Jakob Rüb zur Besinnung und zur Entscheidung für den Glauben, den ihm seine Eltern vorlebten. Seitdem unterstützte er den Vater bei den Bibel- und Gebetsstunden. Damals kamen fünf oder sechs Personen in den Kreis. 1997 war die Gruppe auf 35 Personen angewachsen. „Wir erreichen Russlanddeutsche, die vom Glauben nicht viel wissen, weil sie in einem atheistischen System aufgewachsen sind“, so Jakob Rüb, der seit dem Tod des Vaters dessen Arbeit in Wetzlar weiterführt.
 

Mission in der früheren Heimat

Sein Glaube an Gott und seine Liebe zu den Russlanddeutschen lassen ihn nicht ruhen. Jakob Rüb absolvierte eine Prädikantenausbildung in Wetzlar und ein sechsjähriges theologische Fernstudium, das er mit dem Bachelor abschloss. Auch zum Notfallseelsorger hat er sich ausbilden lassen.

Jakob Rüb gestaltet bislang Bibelstunden und Gottesdienste. Und auch in seinem Beruf als Mobilitätsberater kann er von seinem Glauben nicht schweigen. Der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Ural, Sibirien und Ferner Osten (ELKUSFO), Alexander Scheiermann, hatte Jakob Rüb zum Jahreswechsel 2017/2018 nach Marx eingeladen, denn längst war man auf den Missionseifer des Theologen aufmerksam geworden. Nach dem zehntägigen Aufenthalt in seiner früheren Heimat in der Region von Saratow an der Wolga – 830 Kilometer südöstlich von Moskau – stellte Rüb fest, dass er eine große Offenheit für die christliche Botschaft erlebt habe. Die Begegnungen seien so bewegend gewesen, dass er nun als Seelsorger und Missionar zurückkehren wolle. Zwar habe er ursprünglich vor allem die weniger als 200 Lutheraner in der Region betreuen wollen, doch auch orthodoxe Christen und Atheisten hätten ihn um Erlaubnis gefragt, ebenfalls an den Veranstaltungen teilnehmen zu können.

Russland habe sich stark verändert seit der Auswanderung vor dreißig Jahren, stellte Jakob Rüb fest. Durch den Zerbruch der Sowjetunion seien die Menschen stark verunsichert und suchten nach Halt. Mit seinem pastoralen Dienst und missionarischen Aktivitäten will er Menschen zum Glauben an Jesus Christus einladen, fördern, begleiten und schulen. Sein Vater Karl hatte vor dem Umzug nach Deutschland ganz in der Nähe Bibelstunden gegründet. Nun kehre er zurück und führe die Arbeit seines Vaters auch in Marx fort. Motiviert sieht er sich durch den Aufruf von Paulus im Neuen Testament „Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen.“ (Galaterbrief, Kapitel 6, Vers 10).

Mitte Juni wird Jakob Rüb zunächst alleine nach Marx ausreisen und sich um die Aufenthaltserlaubnis und eine Bleibe kümmern. Wenn er die Pfarrstelle übernommen hat, möchte er Evangelisationen veranstalten, Leute in die Kirche einladen, Seminare aufbauen, um Menschen in der Nachfolge Jesu Christi zu schulen. Er will sich um den Gemeindeaufbau, die Seelsorge und die Seniorenarbeit kümmern. Seine Frau Irene, die dann wohl wieder russisch Irina genannt wird, will ihm im Herbst nachreisen und sich vor allem in der Kinder- und Jugendarbeit engagieren.
 

Missionsauftrag wiegt schwerer

Das Spendenaufkommen in der lutherischen Kirche Russlands reicht nicht, um die Hauptamtlichen zu bezahlen. So wird auch Jakob Rüb über einen deutschen Unterstützungsverein bezahlt, die Kirchliche Gemeinschaft Bad Sooden-Allendorf. Weitere Träger sind die evangelische Stern-Kirchengemeinde Potsdam, die Protestantse Gemeente De Hoeksteen in Schoonhoven (Niederlande) sowie evangelisch-lutherische Brüdergemeinden. Das Presbyterium der Evangelischen Kirchengemeinde Wetzlar, das seine bisherige seelsorgliche Arbeit schätzt, wird seinen neuen Dienst mit 5.000 Euro pro Jahr unterstützen.

Der Entschluss, die Familie in Mittelhessen zurückzulassen und in Russland Gemeindeaufbau zu betreiben, sieht Jakob Rüb als persönlichen Auftrag von Jesus Christus. Die Mutter und der jüngste Sohn bleiben im Haus der Rübs wohnen. Die älteren Kinder haben bereits eigene Familien gegründet. Zum Glück gibt es ja digitale Medien, so dass die Familie auch über eine Distanz von mehr als 3.000 Kilometern in Verbindung bleiben kann. Für den 56-Jährigen wiegt der Missionsauftrag schwerer als das Zurücklassen der Familie. Zudem ist er bewegt davon, dass er nach drei Jahrzehnten die einstige Arbeit seines Vaters Karl in der Region um Marx wieder aufnehmen kann. Er lasse sich von dem Bibeltext aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 6, Vers 33 leiten. Dort heißt es „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch dies alles zufallen“.


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