Porträt Lesezeit: ~ 5 min

Missionarin im Rotlichtmilieu

Dorothée Widmer wurde lange missbraucht. Heute betet sie für Freier und Zuhälter.


„Warum gehst du nicht zu einer Prostituierten?“, schreit sie ihren Peiniger an. Er greift zu seinem Revolver. Sie rennt weg, er hinterher. Sie läuft bis ins nächste Dorf, versteckt sich in einem Garten. „Dorothée, ich finde dich. Dorothée, ich finde dich!“, hört sie ihn noch. Dann wird es ruhig. Ob sie weiterlaufen, endgültig abhauen soll? Sie weiß nicht wohin. Darum geht sie zurück. Zurück dahin, wo der Missbrauch weitergehen kann – und auch wird. Doch was Dorothée Widmer zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen kann: Sie wird die schmerzhaften Jahre hinter sich lassen. Sie wird vergeben können – und sie wird im Rotlichtmilieu über die Liebe sprechen, die ihr das ermöglicht hat.
 

„Du darfst niemandem etwas sagen!“

Dorothée Widmer wächst in einer streng religiösen Familie auf. Der christliche Glaube spielt in der Familie eine große Rolle – in Form von Gesetzen und Regeln. Und halten sich die Kinder nicht an die Regeln, werden sie bestraft. Häufig in Form von körperlicher Gewalt. Eine ihrer ersten Kindheitserinnerungen ist, wie ihr Vater ihre Schwester verprügelt. Er ist Pastor. Doch auch sie erwartet Schläge, wenn sie es nicht geschafft hat, während der Gemeindeveranstaltungen zwei Stunden lang ruhig auf ihrem Stuhl zu sitzen. Ruhig zu sitzen kennt sie ja schließlich aus dem Familienleben. Am Tisch wird entweder Bibel gelesen und zugehört oder schweigend gegessen. Gemeinschaft scheint hier nicht zu finden zu sein.

Dann beginnt der erste Missbrauch. Dorothée teilt sich das Zimmer mit ihrem älteren Bruder. Er schleicht sich zu ihr, fasst sie überall an. „Du darfst niemandem etwas sagen!“, bläut er ihr ein. „Sonst verprügeln sie erst mich und dann dich!“ Dorothée schweigt.
 

Manchmal bricht der Schmerz aus ihr heraus

Sie zählt die Jahre, bis sie endlich ausziehen kann. Mit 16 ist es soweit: Sie beginnt ein Praktikum, danach eine Ausbildung. In der Nähe der Ausbildungsstätte wohnt ein befreundeter Pastor mit seiner Familie. Die Familie hat ein offenes Haus für Jugendliche, jeder ist willkommen und wird aufgenommen. So auch Dorothée. Sie fühlt sich angenommen, genießt die Aufmerksamkeit. In dem Pastor sieht sie eine Art Vaterersatz. Doch dann verändert sich etwas, Grenzen werden überschritten. „Es war ein schleichender Übergang“, sagt Dorothée. Erst küsst er sie auf den Mund. Dann bemerkt sie, dass er sie im Badezimmer beobachtet. Bald steht er nackt vor ihr. Wann und wie der Missbrauch genau begonnen hat? Das kann Dorothée gar nicht sagen.

„Wenn du irgendjemandem etwas erzählst, zerstörst du alles: Meine Familie, meinen Dienst, meine Arbeit“, sagt ihr der Pastor. Sie hält den Mund. Ist es vermutlich gewohnt, zu schweigen. Doch gibt es Momente, in denen der Schmerz herausbricht. Zum Beispiel, als sie im Gottesdienst sitzt und ihn predigen hört. Alles kommt ihr vor wie eine große Show und sie rennt schreiend aus dem Saal. Ob sie besessen sei, fragen sich die anderen.
 

Der Schmerz treibt Dorothée bis zu einem Suizidversuch

Der Missbrauch geht über mehrere Jahre. Es gibt aber auch noch weitere Frauen, Dorothée wird „abgelöst“. Doch der seelische Schmerz bleibt und treibt sie bis zu einem Suizidversuch. Sie schluckt einen Cocktail aus Schmerz- und Schlaftabletten, will nur noch sterben. Plötzlich steigt die Angst vor der Hölle in ihr auf und sie ruft mit letzter Kraft ihre Mutter an. Diese gibt ausgerechnet dem Pastor Bescheid – Dorothées Peiniger; dessen Taten sie überhaupt zu diesem Schritt getrieben haben. Er kommt und gibt Dorothée Salzwasser zu trinken. Sie erbricht sich mehrere Tage lang. Er rettet ihr damit das Leben – und hat trotzdem nur verurteilende Worte für sie übrig. Weder er noch Dorothées Mutter rufen einen Arzt. Darum erhält sie keine professionelle Hilfe, die sie doch so dringend nötig gehabt hätte, sagt Dorothée im Nachhinein.

Doch in ihrem dunkelsten Moment schreit sie zu Gott: „Wenn es dich wirklich gibt, dann musst du jetzt in mein Leben kommen!“ In ihrem Dämmerzustand hat sie eine Vision, die ganz klar ist: Sie sitzt bei Gott, dem Vater, und er sagt zu ihr: „Dorothée, du bist bestimmt zum Leben und nicht zum Sterben. Dorothée, ich liebe dich. Ich liebe dich bedingungslos!“ Und in Dorothée erwacht die Hoffnung, dass es noch ein anderes Leben für sie gibt.

Dorothée, du bist bestimmt zum Leben und nicht zum Sterben. Dorothée, ich liebe dich. Ich liebe dich bedingungslos!

 

„Ich will nicht in das alte Leben zurück“

Und das lässt auch gar nicht so lange auf sich warten: An einem Sonntag hat sie den Eindruck, dass sie zum Gottesdienst gehen soll – obwohl sie schon länger nicht da war und auch nicht hingehen möchte. Sie tut es trotzdem. Ein Gast aus Amerika hält eine bewegende Predigt und betet anschließend für Dorothée. Obwohl sie kein Wort versteht – er betet auf Englisch – passiert etwas in ihr: Der ganze Schmerz, all die Verletzungen, die Wut, der Hass, alles kommt hoch. Sie fühlt sich, als ob sie erbrechen muss oder zumindest schreien. Sie wirft sich auf den Boden und schreit durch den Gottesdienstsaal. Nach etwa 30 Minuten beginnt sie zu lachen. „Das Joch, das auf mir lag, wurde gebrochen“, beschreibt Dorothée. Und sie wird zu einem neuen Menschen: Ein Mensch, der lacht, ein Mensch, der anderen freundlich begegnen kann.

Doch zwischendurch kommen die Schmerzen der Vergangenheit wieder hoch – und Dorothée spürt, welchen Kontrast sie zu dem Frieden bilden, den sie bei Gott gefunden hat. „Ich will nicht in das alte Leben zurück“, sagt sie sich. Dann fordert Gott Dorothée heraus: „Wenn du nicht vergibst, wirst du dich immer wieder um deine eigenen Verletzungen drehen.“ Darum entscheidet sich Dorothée zu vergeben. Es ist ein Kampf – sie spricht die Vergebung immer wieder aus, manchmal unter Tränen. Dieser Prozess dauert mehrere Jahre, doch schließlich fühlt sich Dorothée frei.
 

Als Missionarin im Rotlichtmilieu unterwegs

27 Jahre nach ihrem Suizidversuch: Dorothée ist mit ihrem Mann Peter in Zürich unterwegs. Sie suchen Bordelle und Clubs auf, um mit den Menschen dort über Jesus ins Gespräch zu kommen. Sie möchten Prostituierte, Freier und Zuhälter kennenlernen, ihnen zuhören, von ihren Nöten erfahren. Wenn der Gesprächspartner soweit ist, erzählen sie ihre eigenen Geschichten. Und Dorothée erzählt, wie Gott ihr neues Leben geschenkt hat. Wie er ihr geholfen hat, Missbrauch zu vergeben. Nur aus dieser Erfahrung heraus kann sie in allen Menschen geliebte Geschöpfe zu sehen – auch in den Tätern. Auch sie brauchen lebensverändernde Gnade und genau deshalb bringt Dorothée Gottes Botschaft ins Rotlichtmilieu.

 


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